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Kultur Wunderbar, diese neuen Kerle
Nachrichten Kultur Wunderbar, diese neuen Kerle
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00:00 18.10.2017
Las Vegas

Das ist doch mal eine Ansage. An alle da draußen. An die Motherboys, die Pantoffelhelden, die neuen Männer und alten Machos, an die Schlaffis, Dauerpubertierenden, Ewigcasanovas, Elvisdoubles, Rocker und Hipster. Jungs, so geht das doch nicht weiter. Werft eure Puschen, Leinen, rosa Halsbänder und Klischees weg, die euch an Mama, Mutti, eure Domina und alte Weltbilder ketten, und steht auf. The Killers propagieren auf ihrem fünften Album „Wonderful Wonderful“ ein neues Männerbild. Nun, so weit nichts Neues; die Ruinen des Maskulinen werden ja seit den späten 70ern erfolglos dauerrenoviert. Das ist so eine Art Generalkonsens des Pop.

Doch hier nun trifft Macho auf Kunst und Ironie. Das klingt vielversprechend. Inhaltlich wie musikalisch. Die Arbeit an ihrem fünften Album begannen Frontmann Brandon Flowers, Gitarrist Dave Keuning, Bassist Mark Stoermer und Schlagzeuger Ronnie Vannucci Jr. mit zwei Grundfragen: Sind womöglich alle Songs schon geschrieben? Und: Wer sind wir eigentlich, Mann? Mit der ersten Frage wendete sich Flowers an eine seiner Ikonen – Bono von U2. Und der antwortete per E-Mail, dass das zuerst einmal ein verdammt guter Songtitel sei und die Band der Frage musikalisch nachspüren sollte.

Taten sie (Track zehn). Sehr kenntnisreich und ironisch. Die zehn Titel hören und lesen sich, als wäre ein 68er Ford Mustang GT390 durch die Rockpopgeschichte gedonnert – mit eindeutigen Zitaten an alle ihre musikalischen Gottheiten, hinter denen sich The Killers nun wirklich nicht verstecken müssen. Das klingt schwer nach dem Jahrhundertalbum „The Joshua Tree“, nur nicht so melancholisch wie U2, plus „Helter Skelter“ von den Beatles (Bono: „This is a song Charles Manson stole from The Beatles, well we’re stealin’ it back!“), nur nicht so gehetzt. Es finden sich Anklänge an Pink Floyd, nur nicht so psychedelisch, den frühen Bowie, nur nicht so sexualisiert, Depeche Mode, nur nicht so depressiv. Jefferson Airplane, Lou Reed, R.E.M, Joy Division, Morissey, Dire Straits spielen wesentliche Rollen – in „Have All The Songs Been Written?“ ist Mark Knopfler persönlich zu hören. Wenn man so weit gekommen ist wie The Killers (22 Millionen verkaufte Tonträger), darf man sich einiges erlauben. Selbst den totalen Ausrutscher mit „Out Of My Mind“, eine Abschiedshymne an die Liebe, die so poporchestral bombastisch daherkommt, als hätten Alphaville ein Liebeslied von Helene Fischer gecovert. Wären es nicht The Killers, wäre das ein fetter Kratzer auf der Motorhaube des alten Bullitt-Mustang. Dass diese Jungs sich aus Ironie pur in Text und Musik speisen, beweist allein ihr Bandname, der auf eine fiktive Combo in dem Song „Crystal“ von New Order zurückgeht, neben Oasis eine ihrer Godfather-Bands. Killer sind die Musiker aus Las Vegas, die Britpop (Oasis, Muse) und Westcoast (Allman Brothers, Tom Petty) zu einer Art Pomp-Rock mixen und weiterentwickelten nun wahrlich nicht, schon gar nicht Killer der Musik. Sie töten den musikalischen Stillstand. Und den gesellschaftlichen.

„Wonderful Wonderful“ ist musikalisch sehr reif und thematisch sehr persönlich – Flowers verarbeitet in „The Calling“ und „Some Kind Of Love“, gespickt mit Bibelzitaten, persönliche Geschichten wie die Depressionen seiner Frau und lässt sogar seine eigenen Kinder den Schlusschor singen. Und das Album ist eine bitterböse Abrechnung mit einer amerikanischen Gesellschaft, die ihre Leit- und Vorbilder aus einem gestörten, völlig archaischen Männlichkeitswahn zusammenschustert: Da dreht sich alles um riesige Steaks grillen, riesige Waffen tragen (und nutzen), in riesigen Casinos auf Elvis machen, Frauen in den Schritt fassen und besteigen (Trump) und, ach ja – riesige Tiere (Bullen, Pferde) ebenso besteigen. Im Amerika der alten Männer geht es um Besiegen, Zähmen, Unterdrücken. The Killers lachen das lautstark aus mit ironischen Songtexten wie: „I’m the man, come round. No-no-nothing can break me down. I got gas in the tank. I got money on the bank. I got news for you baby. You’re looking at the man.“

Tragisch nur, dass Teile der maskulinen Fangemeinde derartige Lyrics ernst nehmen – was die Jungs aus Las Vegas selbst verwundert.

Michael Meyer

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