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Kultur Zeichnen zwischen Mode und Leid
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12:35 24.03.2014

wurde erst in den neunziger Jahren wiederentdeckt. Eine Ausstellung im Barther Vineta-Museum offenbart eine Künstlerin von grafischer Kraft und eine leidgeprüfte Frau.Von G. RICHARDT

Barth (OZ) Einer Frau mit äußerst unterschiedlichen Facetten, einer bürgerlich-kultivierten, künstlerisch-sensitiven und kämpferisch-antifaschistischen, ist die Ausstellung „Ich wollte die Wahrheit zeichnen“ im Barther Vineta-Museum gewidmet.

Mehrere ihrer Kostümzeichnungen, zwischen 1928 und 1930 entstanden, offenbaren ein faszinierendes künstlerisches Talent. Die schwingende Eleganz des Jugendstils aufnehmend, tasten Bleistift und Pinsel sich zuweilen in surreale Gefilde vor. So tanzt eine südländische Schöne mit bloßen Brüsten und Hut. An ihren Schenkel ist nach Art des Hampelmanns eine Schnur befestigt.

Charleston und Ausdruckstanz. Die Goldenen Zwanziger hat Helen Ernst in Berlin genossen. Der 1904 in Athen geborenen Frau aus gutbürgerlichem Elternhaus scheint eine große Zukunft beschieden zu sein. Schon 1924 beginnt die Modezeichnerin in Berlin eine Lehrtätigkeit in diesem Fach. Gut zehn Jahre später unterrichtet sie an der ambitionierten Nieuwe Kunstschool in Amsterdam.

„Frauen, kämpft mit!“. Auf Helen Ernsts Pinselzeichnung von Anfang der dreißiger Jahre tobt der Klassenkampf. Zwei Männer und eine Frau mit geballten Fäusten. Bemerkenswert eine Gruppe leidender Frauen in der Bildmitte. Von Soldatenfriedhöfen umgeben, versinnbildlichen sie auf einer, das plakative Geschehen kreuzenden, zweiten Bildebene den antimilitaristischen und sozialen Antrieb der Kämpfer wie wohl auch den der mittlerweile proletarisierten Künstlerin. Ihrem unerreichten Vorbild Käthe Kollwitz folgend, reihte sich die seit 1931 Arbeitslose in die ASSO ein, einem der KPD nahe stehenden Künstlerbund, wurde gar eine gefragte Pressezeichnerin des KP-Organs „Rote Fahne“. „Die Tätigkeit ausschließlich zur Belustigung der ,besseren Gesellschaft' sagte mir schon lange nicht mehr zu ... (so dass ich) beschloß, meine künstlerische Begabung ausschließlich in den Dienst der Arbeiterklasse zu stellen“, schrieb sie 1946.

Pommern, genauer das Gut Clatzow am Tollensesee, bot Helen Ernst im Dezember 1933 kurzzeitig ein „wärmendes“ Refugium. Hier begann ihre bis zum bitteren Lebensende anhaltende Künstlerfreundschaft mit Hans Grundig. Mit dessen Frau Lea war sie seit einem Aufenthalt in der linksorientierten norditalienischen Künstlerkolonie Fontana Martina befreundet, wenngleich etwas „krisenhaft“. Zuvor hatten die Nazis, kaum an die Macht gelangt, Helen Ernst kurzzeitig inhaftiert und nahezu ihr gesamtes grafisches Werk verbrannt.

Eine frappierende Vita wird in der Ausstellung sichtbar. Lust an Leben und Kunst in der ersten Lebenshälfte, herbe Schicksalsschläge, Leid und Demütigungen in ihrem letzten Jahrzehnt. Ihre künstlerische Hinterlassenschaft das wenige, das von ihrem Wiederentdecker Hans Hübner um 1990 aufgefunden und zusammengetragen werden konnte offenbart eine unbestechliche und eigenwillige Persönlichkeit. Beileibe nicht alles wirkt ausgereift. Doch etliche Porträts, Akte, größerformatige Zeichnungen und Linolschnitte zeugen von früher Meisterschaft. Die „Streikenden Fischersfrauen“ (1937) beweisen heringwerfender Weise neben Wut auch Schalk. Liebevolle Buchillustrationen entstanden während des ersten Gefängnisaufenthalts.

Nach der Zeit im Frauen-KZ Ravensbrück von 1941 bis 1945, offenbar noch im Bann des Unfassbaren, beginnt sie wieder zu zeichnen. Die SS-Aufseherinnen wirken eher unbeteiligt. Ein Bild zeigt drei weibliche Gefangene, die eine schöne Leidensgenossin würgen, schlagen und entblößen (siehe oben). Gewalt und Erniedrigung durch Mitgefangene?

Hans Grundigs Ölgemälde „Helen Ernst“ scheint 1934 all das Schlimme vorwegzunehmen. Nicht nur das während ihrer Lagerzeit die letzten Monate übrigens im Außenlager Barth Erduldete, sondern auch die Verleumdung danach. „Aufgrund ihres unkameradschaftlichen Verhaltens im Lager“ wurde Helen Ernst 1947 in Schwerin der Status „Opfer des Faschismus“ aberkannt. „Künstler haben sich unter KZ-Bedingungen oft zurückgezogen, “, erklärt Elke Engelmann vom Förderverein Dokumentations- und Begegnungsstätte Barth.

Helen Ernst setzte den Kampf um ihre Ehre fort, wurde im Januar 1948 vollständig rehabilitiert. Am 26. März 1948 starb sie an Tbc. Als Hans Grundig die Nachricht erhielt, hatte er gerade das Gemälde „Den Opfern des Faschismus“ fertig gestellt. Er setzte „drei teure Namen“ darunter. Der erste: Helen Ernst.

Die Exposition ist Teil der Dauerausstellung in der Gedenkstätte Ravensbrück. In Barth noch bis zum 25.3. zu sehen.



OZ

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