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„Zornig bleiben und nicht weise werden“

Schwerin „Zornig bleiben und nicht weise werden“

Literaturnobelpreisträger Günter Grass las vor ausverkauftem Haus im Schweriner Theater.

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Günter Grass (85) liest aus seinen Werken im Konzertfoyer des Mecklenburgischen Staatstheaters in Schwerin.

Quelle: cornelius kettler

Schwerin. Günter Grass mischt sich ein. Auch wenn er dafür immer wieder Schelte bezieht. In die große Politik. Und in die „kleine“, wie er Dienstagabend in der Landeshauptstadt bewies. „Was gesagt werden muss“ — wie der Titel seines umstrittenen Gedichts lautet, mit dem er Israel als Atommacht anprangerte — muss er offensichtlich mal sagen. Und die Schweriner, so scheint es, lieben ihn dafür.

Die Lesung mit dem Literaturnobelpreisträger aus dem nahen Lübeck war schon Wochen im Voraus ausverkauft. Rund 250 Besucher lauschten im Konzertfoyer des Staatstheaters Schwerin seinen Worten, stärkten ihm mit Applaus den Rücken, zollten ihm Respekt.

Über eine Stunde steht der 85-Jährige am Pult und trägt aus jüngeren Werken wie „Grimms Wörter“ vor. Mit Leidenschaft und fester Stimme, die er hin und wieder mit einem Schluck Rotwein geschmeidig hält. Streitbar wie eh und je. Und zornig, wie er es einst Max Frisch versprach. Dem Rat des Schweizer Schriftstellerkollegen, „zornig zu bleiben und nicht weise zu werden“, folge er. So heißt es in einem Gedicht aus dem im Vorjahr erschienenen Band „Eintagsfliegen“, aus dem er liest. Auf jenes kritische zu Israel verzichtet er. Aber er erwähnt es mehrfach im Podiumsgespräch nach der Lesung. Der Vorwurf, Antisemit zu sein, treffe ihn tief. Am meisten verletze ihn der vom Zentralrat der Juden in Deutschland. Eine inhaltliche Diskussion zur Rolle Israels hätte er sich gewünscht, sagt er. Die sei aber ausgeblieben.

Resignieren wird er deshalb nicht. Im Gegenteil, er kann noch immer austeilen, pointiert, unverblümt, Boulevardpresse und „Duckmäuser“ schelten. Sich „bedeckt halten“ sei zum verbrämenden Synonym geworden für „den Mund halten“, sich nicht einmischen. Was auch für manchen jungen Kollegen gelte. „Viele Begabte darunter, die sich aber auch begabt bedeckt halten“, sagt er und vermisst einstige Mitstreiter aus der „Gruppe 47“ wie Heinrich Böll und Peter Rühmkorf. „Es ist ein bisschen einsam geworden“, sagt er lächelnd.

Und mischt sich ein — auch in die Kulturpolitik Mecklenburg-Vorpommerns. Der Autor der „Blechtrommel“ ist seit 1979 mit einer Mecklenburgerin verheiratet. Seine Frau stammt von der Insel Hiddensee, sitzt im Publikum in einer Reihe mit Oberbürgermeisterin Angelika Gramkow (Linke). „Schwerin kann nicht zu einem Verwaltungszentrum verkommen“, sagt Grass. Und bietet an, Mitglied im Förderkreis zum Erhalt des Schweriner Schleswig-Holstein-Hauses zu werden, in dem er jüngst Grafik und Plastik ausstellte. Das Haus steht als kommunale Einrichtung auf der Kippe. Grass wird sich weiter einmischen.

Da sind sich die Zuhörer sicher. Und Grass wird sagen, was seiner Meinung nach zu sagen ist. Corinna Pfaff

OZ

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