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Zu wahr, um schön zu sein

Zu wahr, um schön zu sein

Man kann sich noch heute jene glaubhaft überlieferte Ratlosigkeit vorstellen, die Franz Schuberts Freunde 1827 nach dem Vortrag noch tintenfrischer, ungewöhnlicher ...

Man kann sich noch heute jene glaubhaft überlieferte Ratlosigkeit vorstellen, die Franz Schuberts Freunde 1827 nach dem Vortrag noch tintenfrischer, ungewöhnlicher Lieder durch den Meister selbst überfallen haben soll. Düster gestimmt sei er ohnehin schon länger gewesen, auch angegriffen habe er gewirkt. Und dann präsentierte er ihnen – das Zitat überliefert Freund Schober - einen „Zyklus schauerlicher Lieder“, der als „Winterreise“ op. 89 nach Texten des Dessauer Poeten Wilhelm Müller bis auf den heutigen Tag gestalterische Anforderung par excellence geblieben ist. Am Wochenende haben sich der Bassbariton Andreas Wolf und der Pianist Alexander Fleischer im Klanghaus am See der Europäischen Akademie der heilenden Künste e. V. Klein Jasedow dieser Aufgabe gestellt und für eine wohl exemplarisch zu nennende Aufführung gesorgt: Wolf mit technisch makellos gehandhabter, charaktervoll suggestiver Stimme und so ausgefeilter wie glaubwürdig präsentierter Gestaltungsvielfalt, Fleischer als gleichermaßen souverän tondichtender Partner am Flügel. Viel zu wahr, zu realistisch scheinen Gestalt und Inhalte dieser 24 bis dahin vorbildlosen Gesänge, um lediglich schön zu sein!

Und so lebte dieser ganz starke Liederabend vom Vermögen der Protagonisten, die enorme Bandbreite eines höchst individualisierten tragischen Gefühls von Vereinsamung, Ausweglosigkeit und Todessehnsucht auszuloten. Andreas Wolf beeindruckte dabei sowohl mit höchster Sprach- und Stimmkultur als auch einer vom Pianisten mit gleicher Eindringlichkeit unterstützten „Erzählweise“, die zwischen schlichtem Volkston und dramatischer Szenenhaftigkeit, gedämpft fahler Tonlosigkeit und gequältem Aufschrei über faszinierende Stringenz verfügt: eine Stimme, die dank gestalterischer Intensität den Hörer nicht loslässt, ihn zwischen Hoffen und Bangen durchrüttelt und letztlich von einer unter die Haut gehenden Verinnerlichung lebt. Wünschenswert wäre danach eigentlich nur noch Stille!

OZ

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