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Zufall oder Kunst? Zufall als Kunst!

Schwer zu fassen Zufall oder Kunst? Zufall als Kunst!

Hans Arp ließ Papierfetzen fallen, François Morellet erstellte seine Linienbilder mit Zahlen aus Telefonbüchern, Niki de Saint Phalle schoss auf Farbbeutel. Welche Rolle spielt der Zufall in der Kunst?

Stuttgart. 40 schwarze Linien über eine große weiße Leinwand zu ziehen, klingt so schwer nicht. Doch François Morellet (1926-2016) wurde mit sowas zu einem der wichtigsten Vertreter der zufallsbasierten Kunst.

Denn die Linienführung überließ der Franzose nicht etwa seiner Lust und Laune - sondern arbeitete mit Zufallszahlen aus der unendlichen Zahlenfolge Pi oder dem Telefonbuch von Paris. „40 lignes au hasard“ von 1971 ist Teil der Ausstellung „[un]erwartet. Die Kunst des Zufalls“ im Kunstmuseum Stuttgart. Zu sehen ist sie vom 24. September bis zum 19. Februar 2017.

Rund 140 Werke zeigen hier erstmals auf, welche Methoden Künstler in den vergangenen 100 Jahren erfunden haben, um den Zufall auszuloten und kalkuliert einzusetzen. Welche Ordnungen entstanden unter dem Einfluss des Zufälligen? Ein ganzer Raum im Kubus am Schlossplatz ist dem Würfel gewidmet. Wie kein anderes Element steht er für den Zufall. Peter Lacroix (1924-2010) erwürfelte ganze Werkserien. Die englische Künstlergruppe „Troika“ arbeitet mit einem Vorläufer des Computers, der die Anordnung von schwarzen und weißen Würfeln festlegte. Was ist Regel? Was Zufall? Was Chaos?

Die Ausstellung wirft auch einen Blick auf die Bedeutung des Zufalls in Literatur und Musik. John Cage (1912-1992) etwa erhob den Zufall zu seinem Kompositionsprinzip.

„Inzwischen ist unbestritten, dass der Zufall die treibende Kraft in allen Bereichen des Lebens ist“, sagt Ulrike Groos, Direktorin des Kunstmuseums. Doch kaum ein anderes Phänomen sei derart schwer zu fassen wie der Zufall. „Die Beschäftigung mit dem Zufall hat für Künstler auch heute noch nichts an Faszination verloren und bringt immer wieder andere Spielarten hervor“, berichtet Groos.

Der Zufall sei vor allem immer dann Thema in der Kunst geworden, wenn die Zeiten irgendwie unsicher waren, erzählt Kuratorin Eva-Marina Froitzheim. Hans Arp (1886-1966) etwa begann kurz vor dem Ersten Weltkrieg mit seiner Werkreihe „Collagen nach den Gesetzen des Zufalls geordnet“. Arp riss Papier in Fetzen und ließ diese auf den Boden fallen. Die durch Luftwiderstand erzeugte Konstellation fixierte er. Der Franzose Marcel Duchamp (1887-1968) ließ ein Meter lange Musterfäden auf den Boden fallen und verewigte das Ergebnis.

„Es gibt keine eindeutige Definition von Zufall“, sagt Froitzheim. Die Surrealisten waren ihr zufolge die ersten Künstler, die sich um 1920 herum systematisch mit der gestaltenden Kraft des Zufalls auseinandersetzten. Vertreter wie Max Ernst (1891-1976) erfanden die Frottage, die Grattage und die Collage - Techniken, die mit Zufall spielen und Elemente verbinden, die eigentlich nicht zusammengehören. Ernst provozierte mit seinen Frottagen das Unvorhersehbare: Er legte Blätter oder Holz unter Zeichenpapier und rieb sie mit Bleistift durch. Diese Strukturen ergänzte er zu fantastischen Bildern.

Auffällig ist, dass gleich mehrere in der Ausstellung gezeigten Künstler ihre beruflichen Wurzeln in der Wissenschaften hatten: George Brecht (1926-2008) etwa war Chemiker, Gerhard von Graevenitz (1944-2016) studierte Wirtschaftswissenschaften, Herman de Vries (85) war in der biologischen Feldforschung tätig. Er verwendete Zufallszahlenbücher, wie sie in biologischen Experimenten zu statistischen Berechnungen eingesetzt werden. Biologie, Geschichte, Philosophie - überall ist der Zufall als verändernde Kraft am Werk.

Niki de Saint Phalle (1930-2002) schoss für ihre Schießbilder mit dem Luftgewehr auf Farbbeutel, bei Dieter Hackers „Essbild“ aus Schokoladenlinsen in einem Raster dürfen die Betrachter naschen - und das Werk immer wieder verändern. Zufällig oder mit System? „Wir können nicht zufällig denken“, sagt Froitzheim. „Wir denken immer ordnend mit.“ Im „VersuchsLabor“ dürfen Besucher jeden Alters auch zum Thema Zufall experimentieren und forschen.

dpa

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