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Zum Brüllen: Ettore Bugatti in Berlin

Berlin Zum Brüllen: Ettore Bugatti in Berlin

In der Alten Nationalgalerie Berlin schlängelt, schnappt, wiehert und röhrt es. Zooaffen schütteln den struppigen Pelz, Raubkatzen strecken ihre Glieder und ein respektloses ...

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Berlin. In der Alten Nationalgalerie Berlin schlängelt, schnappt, wiehert und röhrt es. Zooaffen schütteln den struppigen Pelz, Raubkatzen strecken ihre Glieder und ein respektloses Nilpferd gähnt ein pathetisches Gemälde des Salonmalers Hans von Marées an. Vor idealisierenden Architekturveduten von Karl Friedrich Schinkel wedelt ein Dackel mit dem Schwanz. Sogar im Caspar-David-Friedrich-Saal ist Getier eingezogen.

Die Eindringlinge — Ameisenbären, Marabus, Kängurus neben Rotwild, Braunbären, Hauskatzen — verwandeln die Galerie in eine heitere Menagerie. Sie stammen vom italienischen Tierbildhauer Rembrandt Bugatti (1884-1916), Bruder des legendären Automobilkonstrukteurs. Anfang des 20. Jahrhunderts schuf der kauzige Künstler 300 Bronzeskulpturen — 100 sind in Berlin zu sehen. Weltweit erste museale Bugatti-Ausstellung.

Tierausstellungen seien vielen Leuten ein „Dorn im Auge“, sagt Nationalgaleriechef Udo Kittelmann. Im 19. Jahrhundert sei das anders gewesen. „In unseren Depots wimmelt es von Tieren“. Den geistigen Boden für Tierbildhauerei hätten philosophische und psychologische Schriften wie Theodor Lessings „Meine Tiere“ bereitet. Bugatti entstammte einer exzentrischen Mailänder Designer- und Künstlerfamilie. Im Elternhaus verkehrten Puccini oder Tolstoi. Der junge Rembrandt Bugatti — der Familienlegende nach wurde er wegen seiner großen Kopfform Rembrandt getauft — modellierte im Zoo, manchmal sogar innerhalb der Gehege. Mit impressionistischer Leichtigkeit hielt er Details fest. Auch Einflüsse des geschwindigkeitssüchtigen Futurismus sind zu bemerken, zum Beispiel bei einem sich wie eine Turbine verbiegenden Ameisenbär von 1909.

Modellieren oder Zeichnen im Zoo war Mode. Um 1900 waren so viele Künstler in den Zoos, dass es vor Käfigen zu Gedränge kam. Kaum ein Künstler aber versenkte sich so hingebungsvoll in tierische Persönlichkeiten wie Bugatti. Einen sich aufbäumenden Elefanten wählte Ettore Bugatti als Kühlerhauben-Figur für den auf den Maharadscha-Bedarf ausgelegten Bugatti Royale. Der Bugatti-Elefant wurde als ironisches Gegenstück zur pathetischen Rolls-Royce-Figur „Spirit of Ecstasy“ gesehen.

Bugattis Œuvre entstand in Paris und Antwerpen. Nach Antwerpen zog der Künstler, weil es dort einen noch größeren Zoo gab. Der Ausbruch des Weltkriegs brachte auch für Tiere schmerzliche Veränderungen. 1916 nahm sich Rembrandt Bugatti, der zeitlebens von Selbstzweifeln geplagt war, mit 31 Jahren das Leben. Kaum ein Museum der Welt besitze Skulpturen dieses ungewöhnlichen Bildhauers, sagt Philipp Demandt, Leiter der Alten Nationalgalerie. Eine „fanatische internationale Sammlergruppe“ zahle aber für die raren Bronzen nahezu jeden Preis. In den Beständen der Alten Nationalgalerie findet sich auch der Mops der Mutter als mauskleine Figur auf wackeligen Beinchen.

Wenn es analog zum „absoluten Gehör“ so etwas wie „absolute Bildhauerei“ gebe, habe Bugatti diese Gabe besessen, sagt Demandt, der die Idee zu der Ausstellung hatte.

 



Johanna Di Blasi

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