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Leipzig Zurückblättern im Buch des Lebens

Judith Hermann legt ihren neuen Erzählungsband „Lettipark“ vor

Leipzig. Der Lettipark war ein „gewöhnlicher, trostloser Park am Stadtrand, eine Brache, und es gab nichts zu sehen, verschneite Wege, ein verlassenes Rondell, Bänke und eine leere Wiese. Kahle Bäume, grauer Himmel, das war auch schon alles gewesen.“ Im Lettipark hat Elena ihre Kindheit verbracht, und Page Shakusky hat Elena geliebt und deshalb den Park für sie fotografiert. Schwarz und weiß und menschenleer. Er war „der Spur von Elenas Kindheit mit Andacht hinterhergegangen“. Es hat nichts genützt. Ihm nicht, ihr nicht. „Es kann genügen, ein Gesicht im Traum eines anderen gewesen zu sein“, schreibt Judith Hermann. Aber manchmal genügt es nicht.

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Judith Hermann legt ihren neuen Erzählungsband „Lettipark“ vor

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„Lettipark“ ist die titelgebende Erzählung in Judith Hermanns neuem Buch, das sie gestern in Leipzig vorgestellt hat. In 17 Geschichten setzt sie Menschen in Beziehungen zueinander, zu ihrer Vergangenheit, früheren Erwartungen. Sie markiert deren Wege ins Ungefähre, auf denen sie sich oder einander begegnen oder verlieren. Sie treten in Paarungen auf – sind als Freundinnen, Gefährten, Eltern paarweise verschieden. Sie kennen ihre Abgründe, die eigenen, die der anderen. Worum es geht, ist das Geräusch, das entsteht, wenn im Buch des Lebens zurückgeblättert wird. Judith Hermann kann dieses Geräusch verstärken. Die Schriftstellerin wurde 1970 in Berlin geboren, lebt in Berlin, schreibt aber nicht mehr über Berlin. Die Koordinaten der Handlungsorte spielen keine Rolle, die Namen nur, wenn es Odessa sein soll oder ein Haus auf den Antillen. Als hätten die Menschen keine Wurzeln, sondern Wälder (und sei es ein Park), um sich zu verstecken, zu verlaufen. Die Geschichten wirken zeitlos. Gegenwart liegt nahe, weil Leute Ella und Carl heißen, Ada und Sophia, Tess und Nick.

Philipp, ein Fotograf, ist 50, als er und Deborah versuchen, ein Kind zu adoptieren. Zu alt für eine deutsche Agentur. In Russland klappt es. In Russland finden sie Alexej, den sie Aaron nennen. Sie möchten eine Familie werden. Doch wer vermag schon in Köpfe und Herzen zu gucken. Philipp fotografiert eine Operation am offenen Gehirn.

Am Lagerfeuer hinter dem Circus-Wagen setzt sich ein Junge zu Ella. Sie weiß nicht, ob Carl zurückkommt. Sie weiß nicht, wer der Junge ist. Was dann passiert und was nicht passiert, gehört zu dem, was Judith Hermanns Erzählungen ausmacht. Ihre Figuren setzt sie Situationen aus, die wie ein Film ablaufen, der mal hier, mal da angehalten wird, um diese oder jene Szene genauer zu betrachten, um die Haltlosen festzuhalten. Das kann ein Moment der Wahrheit sein, vielleicht aber auch nur der Schönheit, ein Zwischenstand: „Sie stießen auf nichts an, sie ließen das offen“.

Das funktioniert in den meisten Kurzgeschichten, da beeindruckt die Vielfalt der Möglichkeiten, die hinter dem Erzählten sichtbar werden, vor allem wenn der Finger nicht aufs Psychoanalytische deutet, das den Nachhall dimmt. Dies gelingt Judith Hermann durch ihre Sprache. Schwer zu Ergründendes erscheint mal rätselhaft, mal nüchtern wie ein Bericht. Dafür ist sie bekannt seit dem Erzählband „Sommerhaus, später“ (1998). Dabei ist sie geblieben in „Nichts als Gespenster“ (2003) und „Alice“ (2009). Beschreibt sie Briketts, „gute Kohlen, kaum Bruch dabei“, entstehen Bilder. Dann wird Irgendwo zum Hier, Irgendwer rückt näher, Irgendwann gilt jetzt. Früher waren die Sätze in Ziggys Büchern einfach, schreibt Judith Hermann: „Der Löwe traf den Hasen. Es war einmal ein König.

Eines Tages wurde der Bär krank und blieb in seiner Höhle. Nichts leichter als das, sagte die Grille.“ Jetzt ist Ziggy acht Jahre alt, und die Sätze in seinen Büchern werden komplexer. Das heißt:

Eigentlich werden sie nur länger. Und es werden mehr. Wie im Leben. Zum Beispiel Ricco, er redet viel zu viel, kommt nicht vorwärts dabei. Wenn Judith Hermann von ihm erzählt, macht sie nicht viele Worte. Umso schwerer wiegt jedes einzelne. Patricia denkt, jeder Satz, den sie denkt, ist ein Abgrund. „Sage ich es so, oder sage ich es anders, oder sage ich es am besten einfach gar nicht.

Blaugrau? Oder Graublau.“ Es ist aufregend, einzelne Buchstaben auf die Waagschale zu legen, auch „den Atem, den ich holen muss, um zu sprechen, den Schlaf, den ich brauche, um denken zu können“. Es ist auch anstrengend. „Wie gefährlich dieses Leben plötzlich wieder werden kann.“ Zum Glück.

Es bleibt ja dabei: Der Löwe trifft den Hasen, der kranke Bär bleibt in der Höhle. Die Grille aber macht es sich vielleicht zu leicht. Davon erzählt Judith Hermann. Klar und karg und schön.

Judith Hermann:

„Lettipark“,

Erzählungen.

S. Fischer Verlag;

190 Seiten,

19,90 Euro

„Sound einer neuen Generation“

Judith Hermann wurde 1970 in Berlin-Tempelhof geboren. Sie begann ein Germanistik- und Philosophie-Studium mit der Absicht, als Journalistin zu arbeiten. Sie brach dieses ab und entschied sich für ein Praktikum in New York. In Amerika schrieb sie ihre ersten literarischen Texte und entdeckte bald die Kurzgeschichte als ihr liebstes Genre. Ihr Debüt „Sommerhaus, später“

(1998) hatte große Resonanz. 2003 folgte der Erzählungsband „Nichts als Gespenster“. Einzelne dieser Geschichten wurden 2007 für das Kino verfilmt. „Alice“ (2009), fünf Erzählungen, wurde international gefeiert. Für den verstorbenen Literaturkritiker Hellmuth Karasek verkörperten Hermanns Erzählungen den „Sound einer neuen Generation“. Die Autorin lebt und schreibt in Berlin. Sie hat einen Sohn.

Janina Fleischer

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