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00:01 18.04.2016
Der Künstler Elmar Hess in seiner Rostocker Ausstellung „Einen Frieden später“. Quelle: Dietmar Lilienthal

Im Mittelpunkt steht die „Frieden“. Die Liebe. Das Scheitern. Das, was der Berliner Objekt-, Video- und Fotokünstler Elmar Hess (49) in fünf Räumen in die Rostocker Kunsthalle gestellt hat, ist brutal. In seiner Gesamtheit, seiner Formensprache und Aussage. Brutal über die Ehrlichkeit und die Gefühle, die es auslöst. Es zeigt, wie klein und zufällig das Leben jedes Einzelnen in den Zeitläuften ist.

Die Installation „Einen Frieden später“ von Elmar Hess spiegelt das 20. Jahrhundert an der tragischen Liebesgeschichte eines fiktiven Ost-West-Paares / Das Experiment ist jetzt in Rostock zu sehen

Die Ausstellung

Die Ausstellung von Elmar Hess „Einen Frieden später“ ist eine Installation in fünf Räumen — sie besteht aus filmischen, klanginstallativen und fotografischen Elementen.

Die Schau ist zu sehen in der Kunsthalle Rostock noch bis zum 19. Juni, Öffnungszeiten: dienstags bis sonntags von

11 bis 18 Uhr.

Kunsthallenchef Jörg-Uwe Neumann sagt über den Berliner Künstler, in Hamburg geboren, im Saarland und in London aufgewachsen: „Elmar Hess ist ein gestandener Künstler mit einer eindrucksvollen Biografie. Für mich ist er aber erst mal ein Romantiker, ein Weltenbauer.“ Tatsächlich, viel romantischer als „Einen Frieden später“ geht‘s eigentlich nicht.

Die Schau erzählt über Fotografien, Videos und ein persönliches Sammelsurium, was so vom Leben übrig bleibt. Die an der Weltlage gescheiterte Liebe zweier Menschen. Er ist Harald aus der DDR, wahrscheinlich Rostock. Sie ist Hannah aus Hamburg. Sie lernen sich lieben, als sein Schiff, die „Frieden“, an der Elbe festmacht. Aber Harald, der Unpolitische, macht nicht rüber zur großen Liebe, weil er nicht von seiner anderen Liebe — zum Frachtschiff des Typs „Frieden“ — lassen kann. Zurück in der DDR will die Stasi ihn anheuern, seine Geliebte als Spitzel zu missbrauchen, er weigert sich und die Staatsmacht zerstört sein Leben. Seefahrtsbuch weg, Stasiknast.

Nach der Wende, also einen Frieden später, sucht er Hannah und findet sie, längst verheiratet in Tübingen. Eine Geschichte, die erfunden ist, die es aber so tausendfach gegeben hat. Elmar Hess ist angeregt worden, durch eine Bekannte seiner Mutter. Die hatte, als er Kind war, einen DDR-Seemann geheiratet — der hatte damals die andere Entscheidung getroffen und ist in der Bundesrepublik geblieben.

Als Kind war Elmar Hess mit dem Vater, einem BBC-Reporter aus Saarbrücken, mit Fähren nach London gependelt. Eines Tages kreuzte die „Queen Elizabeth II.“ die Route und der Vater sagte, das sei das einzige Schiff, das noch nach Amerika fahre. „Ich war sofort schwer verliebt in das Schiff.“ Als Hess während des Stipendiats im Rostocker Schleswig-Holstein-Haus auf dem Traditionsschiff Typ Frieden war, begann er die Geschichten im Kopf zusammenzusetzen. Fast zwei Jahre Arbeit, jetzt stehen da diese fünf Räume. Das Besondere: Alles ist fiktiv, außer die Videoeinspielungen zur Weltlage.

Es beginnt im ersten Raum mit Hitlers Überfall auf Polen, es endet mit Millionen Toten. Zu dieser Installation hat Hess Schwarzweiß- Fotos gehängt, die die Protagonisten von Geburt bis Jugend zeigen.

Alles Fakes mit Darstellern. In Vitrinen liegen die „Beweise“ der Kindheit und Jugend. Cokeflasche, Petticoat, Taufurkunde für Westsozialisation. Urkunde der Jugendweihe, Mitgliedsausweis der Jungpioniere, Honeckerbilder für Ostjugend. Der Petticoat in der Vitrine findet sich auf einem Foto von Hannah wieder. Auch das: fiktiv.

Hess lässt alles vom Staate ausgehen: „Es beginnt immer mit einer staatlichen Utopie und endet damit, dass persönliches Leben, Träume und Biografien zerstört werden.“ Der Künstler zeigt zwischen den Filmschnipseln von Konzentrationslagern, Mauerbau, Vietnamkrieg, Guantánamo bis Flüchtlingskrise Persönliches der Liebenden: Briefe, Ringe, Stasiakten, Fotos der jungen Hannah, ein Foto vom Bau der „Frieden“ mit dem jugendlichen Harald. Auch das ein Fake, die Figur per Fotoshop eingefügt, eine DDR-Fahne ist mit spiegelverkehrtem Hammer-Zirkel-Ährenkranz zu sehen. Die „Frieden“ wurde 1956/57 gebaut, die Fahne gab es mit Emblem aber erst seit 1959. Man darf ihm nicht zu sehr trauen, diesem Zauberer. Er sagt: „Glauben Sie nicht jedem Bild!“

Motivisch zieht sich auch die Zeile „There is still a chance that they will see“ aus dem Song „Let it Be“ der Beatles durch die Schau. Die Sehnsucht, die der fiktive Harald am Beginn der Ausstellung in die lyrischen Worte fasst: „Nur der Glaube an eine Zukunft mit ihr hat mich am Leben erhalten — über all die Jahre, die nicht enden wollten.“ Und am Ende: „Ost, West, Norden, Süden — noch einmal mit ihr aufwachen, eines Tages, irgendwo anders, einen Frieden später.“

„Das Scheitern einer Beziehung als Ergebnis politischer Machtinteressen“ zeige diese Schau, so Neumann. Sie zeigt die Geschichte der Menschheit im 20. Jahrhundert am traurigen Beispiel zweier Liebender, die nicht zueinanderdürfen. Elmar Hess ist Geschichtenerzähler, Weltenbauer und Romantiker. Eine Schau, die wehtut, trotz aller Poesie und Romantik. Das Interesse war bei der Eröffnung groß — 200 Besucher kamen am Sonnabend.

Von Michael Meyer

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