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Zwischen Weltuntergang und Sorge ums geliebte Haustier

Rostock Zwischen Weltuntergang und Sorge ums geliebte Haustier

Rostocker Schauspielstudenten spielen „Abu Dhabi oder Der erste apokalyptische Tag“ von Ralf-Günter Krolkiewicz — ein Stück über Terror und den Wahnsinn der Normalität.

Rostock. „Warum?!“, schreit am Ende des Theaterabends ein Vernehmer immer wieder und schlägt auf einen Terrorverdächtigen ein. Der schreit — fragend — etwas von Rache und Hass zurück. Es ist die Quintessenz eines Theaterabends über den Terror, eine Quintessenz als Endlosschleife, die Rat- und Hoffnungslosigkeit ausdrückt und eine fundamentale Zerstörung von Menschlichkeit diagnostiziert.

 

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Angst steckt an: Schauspielstudenten zeigen in der Rostocker Hochschule für Musik und Theater ein fesselndes Stück über Terror.

Quelle: Thomas Häntzschel

Und wir stehn / ohne manieren / nackt herum / tun aber weiter / wie fein angezogen / schwenken noch immer / unsre dollarschweren / portefeuilles.“Aus dem Stück von Ralf-Günter Krolkiewicz

Es ist ein schreckliches Stück, schrecklich in seiner bohrenden Wahrhaftigkeit. Zugleich vermittelt es poetische Kraft und Momente eines Witzes der Verzweiflung, der aber das Publikum am Verzweifeln hindern kann. Am Dienstagabend führten zehn Rostocker Schauspielstudenten des sechsten Semesters in der Hochschule für Musik und Theater „Abu Dhabi oder Der erste apokalyptische Tag“ von Ralf-Günter Krolkiewicz (1955-2008) auf — und gewannen damit ein vergessenes Stück und einen interessanten Autor für die Bühne zurück. 2005 entstanden, reagierte der Text auf den Schock vom 11. September 2001.

Doch behandelt er die Auswirkungen des Terrorismus in verdichteter Weise und wirkt heute noch aktueller.

Auch wegen des Autors ist die Produktion eine Wiederentdeckung. Krolkiewicz war in der DDR Schauspieler, wurde durch die Stasi verfolgt, in den Westen abgeschoben und wirkte später 1997-2004 in Potsdam als Intendant, Schauspieler, Regisseur und Autor mit sensiblen Arbeiten.

Die Rostocker Inszenierung von Axel Holst: Laut wie deren Ende vom großen „Warum“ ist schon der Anfang. Eine Frau, Leah (Judith Erhardt) im Morgenmantel und mit Asche auf dem Haupt, berichtet von ihrer Flucht vor dem Tod in Manhatten. Expressiv, ein einziger Schreckensschrei ist ihr Bericht, wie ein kurioser Fremdkörper klingt darin die Sorge um ihre Katze an. Eine andere Katze wird von einer alten Frau (Larissa Semke mit intensiver Wirkung) gesucht, und noch eine andere Katze kommt durch den Österreicher Toni Schwarzenberger (Tobias Karn) ins Spiel. Er übergibt sein Tier, das er irgendwann mal gedankenlos Abu Dhabi getauft hat, an Leah, die möge sie ertränken. Noch mehr Tierwelt kommt mit den schwulen Käfigsittichen Peter und Paul ins Spiel.

Zwischen Sorgen um geliebte Haustiere und dem Tod tausender Menschen entwickelt Regisseur Holst jene Grundstimmung allgemeiner Verunsicherung, die das ganze Stück trägt. Erschüttert ist jede Gewissheit eines bürgerlichen Lebens, eine Atmosphäre des Wahnsinns macht sich breit. Ein Wahnsinn unerträglicher Gleichzeitigkeiten: zwischen einstürzenden Twin-Towers und verschüttetem Kaffee, zwischen der Apokalypse an einem Ort und dem unbeschwerten, friedlichen, „normalen“ Leben gleich nebenan.

Wie in einem surrealen Albtraum finden sich die Figuren aus New York plötzlich im arabischen Teil Jerusalems wieder, vermummte Polizisten prügeln eine unschuldige Frau, eine versprochene arabisch-jüdische Ehe scheitert gewaltsam. Allgemeines Misstrauen, Paranoia beherrschen das Leben. Die Welt gehe nicht unter, sagt jemand, sie sei bereits untergegangen, von einer Arche in Richtung Grönland ist die Rede, Gott gehört zu den Vermissten des Jahrtausends, die vielen Katzen-Motiven führen zum Bild vom allgemeinen Katzenjammer.

Die Bühne (Johanna Denzel) ist ein flexibles Spielfeld. Ein großer Quader schiebt sich hin und her, hinterlässt wie von Geisterhand szenische Arrangements mit Figuren, lässt sie danach wieder verschwinden. Konzentrierte Lichtwirkungen definieren einzelne Spielräume. Die Szenen der absurden Ungewissheit beeindrucken durch reiche Differenzierung.

Krolkiewicz an der HMT Rostock

Ralf-Günter Krolkiewicz kam 1955 in Erfurt zur Welt. Er lernte Elektronikfacharbeiter, studierte Schauspiel und wurde 1979 Schauspieler am Hans-Otto-Theater Potsdam. 1984/85 geriet er ins Visier der DDR-Staatssicherheit. Nach drei Monaten Stasi-Isolationshaft und einem Jahr Gefängnis wurde er 1985 nach Westdeutschland abgeschoben (freigekauft). 1996 kehrte er nach Potsdam zurück, wurde dort 1997 Intendant. Krolkiewicz litt unter Parkinson. Am 5. Oktober 2008 starb er, 52-jährig, an Nierenversagen in Thailand. Stücke: „Sonst ist alles wie immer“, „Herbertshof“, „Viel Rauch und ein kleines Häufchen Asche“.

Die Rostocker Produktion „Abu Dhabi oder Der erste apokalyptische Tag“ entstand als Inszenierung des sechsten Semesters der HMT. Sie wird am Wettbewerb beim Theatertreffen deutschsprachiger Schauspielstudierender (19. bis 26. Juni in Bern) teilnehmen.

Aufführungen in Rostock :

17. und 18. Juni, 19.30 Uhr, HMT, Katharinensaal

Von Dietrich Pätzold

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