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„alle jurymitglieder fest schubsen“

Klagenfurt „alle jurymitglieder fest schubsen“

Am Mittwoch begannen die 40. Tage der deutschsprachigen Literatur im österreichischen Klagenfurt

Klagenfurt. „Oh nein!“, soll Stefanie Sargnagel gerufen haben, als sie erfuhr, dass sie als Erste lesen muss. Die Entscheidung ist per Los entfallen und hat sich als glücklich erwiesen. Mit der 1986 in Wien geborenen Autorin bekamen diese 40. Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt gestern den perfekten Auftakt. Sie war die Aufregerin der Saison und wurde zur Überraschung des Tages. Zuvor hat sie die Vorurteile so zu unterlaufen versucht, dass sie sie schon wieder bediente. „Meine Lieblingsfarbe ist intensives Grau“, sagt sie im Videoporträt.

Bis morgen treten 14 Autoren aus acht Nationen an, den Bachmann-Preis zu gewinnen. Sie alle schreiben auf Deutsch und sind Teil der deutschsprachigen Literatur. Stefanie Sargnagel heißt eigentlich Stefanie Sprengnagel, studiert Malerei und ist eine Berühmtheit auf Facebook, wo sie sich aber nicht unter Druck setzen lässt, sondern wissen ließ: „also wenn wer anderer gewinnt, werde ich meine entäuschung nicht überspielen. wenn ich verliere, werde ich laut weinen, meinen text zerreißen, drauftreten und den gewinner sowie alle jurymitglieder fest schubsen“. Nach ihrer Lesung postet sie:

„Das internet macht mir wesentlich mehr Angst als die jury.“ Sie trägt ihre rote Kappe; die Zigarette fehlt, als sie Platz nimmt.

„Ich glaube, es wird ein guter Tag, denn ich habe das Gefühl, ich habe mein Leben im Griff“, beginnt Sargnagel ihren Text „Penne vom Kika“. Es ist dieser Ton, der wiederkehrt in Sätzen wie „Ich hatte die Morgendepression heute erfolgreich hinter mich gebracht.“ Ein Text über das Schreiben eines Bachmann-Wettbewerbs-Textes, der richtig gut mit Erwartungen spielt, in eine Straßenbahn führt, in den Eislaufverein, ins Möbelhaus – und in Kneipen jener Art, die frühere Generationen Spelunken nannten. Das führt zwar zu nichts, ist aber ehrlich, witzig, hat Kraft.

Den Beweis, dass Welten zwischen Texten liegen können, brachte Sascha Macht. Er entwirft eine Dystopie, beschwört das Katastrophische, Apokalyptische, schreibt aber solche Sätze: „Ich zog mich ins Haus zurück, riss die Fenster auf und briet mir ein Spiegelei.“ Oder: „Die Nacht verging, ohne dass ich etwas dagegen hätte unternehmen können.“ Die einen sehen einen aufgeworfenen Haufen von Bedeutungen. „Bis zu einem gewissem Grad braucht die Katastrophe, braucht der Untergang das Pathos“, sagt Juror Klaus Kastberger, „aber man kann’s auch übertreiben.“ Jurorin Hildegard Elisabeth Keller sieht das Angebot einer Welt, die erschaffen wird kraft Sprache. Genau an der Sprache scheiden sich die Jury-Geister. Auch sieht sie eine Offerte „Komm mit, ich führe dich durch meine Welt.“

Darum gehe es doch in Klagenfurt. Und um das, was der erste Preisträger 1977 gesagt hat, es war Gert Jonke: „Wir brauchen eine neue Sprache, die sich nicht einfach von uns überreden lassen wird.“

Janina Fleischer

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