Menü
Ostsee Zeitung | Ihre Zeitung aus Mecklenburg-Vorpommern
Anmelden
Kultur „art Karlsruhe“: Janosch, Donald und die anderen
Nachrichten Kultur „art Karlsruhe“: Janosch, Donald und die anderen
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
09:02 15.02.2017
Sphere V 37 (l-r), Sphere V 20, Sphere Lena 14 und Scull 1 von Martin C Herbst. Quelle: Uli Deck
Anzeige
Karlsruhe/Rheinstetten

Gott sei Dank, wenigstens sie sitzen noch in einem Boot. Tiger und Bär, die berühmten Figuren aus Janoschs Buch „Oh, wie schön ist Panama“, sind wie immer die besten Freunde.

Aber das Meer, auf dem sie fahren, ist aufgewühlt, die Wellen hoch, ein Schwimmer ist schon über Bord. „Oh Welt es tobt die See“ heißt die Radierung des Künstlers aus dem Jahr 2017. Weltlage à la Janosch in einem Satz, schmerzhaft aktuell und wie immer auf den Punkt. Oh, die Zeiten sind wirklich schwierig, und die Welt ist ihr irritierender Schauplatz. Das zeigt die Kunstmesse „art Karlsruhe“ von Donnerstag an in etablierten Positionen der Klassischen Moderne bis hin zu radikal zeitgenössischer Formensprache.

Die Künstlerin Marion Eichmann schneidet sich ihre Version zurecht, als Dingwelt aus Schnipseln mit Schere und Papier. Durch die Stücke, fein säuberlich übereinandergelegt, geschichtet, aneinandergeklebt, entstehen reliefartige Strukturen, die zu Bildern werden oder auch riesengroßen Dingen. Zu Waschmaschinen zum Beispiel, einem ganzen Waschsalon sogar. „Laundromat“ heißt ihre Anordnung von 40 Waschmaschinen auf einem der 19 Skulpturenplätze der „art“.

Der Besucher kann hindurchmarschieren und sich von Buntheit und filigraner Kunstfertigkeit mal eben überwältigen lassen. Gleichzeitig aber führt die dem Werk innewohnende Mühseligkeit monatelanger Feinstarbeit zu einer eigenartigen Spannung. Die Künstlerin schneidet und klebt buchstäblich nächtelang und bis die Hände fast blutig sind, so erklärt es ihr Galerist Werner Tammen. Ein extrovertierter Eskapismus.

Überhaupt scheint erst der Blick auf das ganz, ganz Kleine das Große zu ermöglichen, und das ist beruhigend und verstörend zugleich. Malte Masemann sucht sich Schwarz-Weiß-Fotos als Vorlage für seine großformatigen Gemälde etwa auf Flohmärkten zusammen, überträgt die Fotos Stück für Stück auf die Leinwand und verfremdet mit intensiven Farben das altmodische Motiv: traditionelle Familienporträts von Vater, Mutter und Kindern, die allesamt starr in die Kamera schauen, bekommen mit starkfarbig-blaugrünen Gewändern und knallpinken Kopfbedeckungen eine Popart-artige Anmutung.

Die scheinbare Rückwärtsgewandtheit der Motive wendet sich damit in ihr Gegenteil und richtet den Blick auf das, was immer wiederkehrt und deshalb aktuell ist. „Alte Fotos sagen viel über die heutige Zeit“, erklärt der Künstler selbst. „Das hat etwas beängstigendes, das gilt es zu untersuchen.“

Die Rebellen in Halle 2 der „art“ sind schon ein wenig in die Jahre gekommen. „Moderne Klassik“ nennt „art“-Gründer Karl Ewald Schrade das: Kunst zwar von Zeitgenossen, die aber schon etabliert ist und längst ihren (mitunter teuren) Platz im Kunstbetrieb gefunden hat. Die obszön glänzende „Balloon Venus“ des amerikanischen Künstlers Jeff Koons zum Beispiel ist zu sehen und der Zipfel des Ballons, natürlich, als Vulva zwischen den Beinen der üppigen rosa Dame platziert.

Auch die Schablonengraffiti des britischen Streetart-Künstlers Banksy fehlen nicht. Er aber wird auf der „art“ gerechterweise überstrahlt von Werken des französischen Sprayers Blek le Rat: Der ist zwar weniger berühmt als Banksy. Er ist aber Pate, Urvater, Vorbild dieser Form von Graffitikunst, die Mauern, Wänden und Gebäuden oder eben auch einer Leinwand den leidenschaftlichen Stempel aufdrückte.

Fotomeister, Meisterfotos: Die gibt es in Halle eins beispielsweise mit Edward Burtynsky. Der kanadische Fotograf, längst ein Superstar seiner Zunft, lichtet Umwelten so wunderschön ab, dass man ihre Verwüstung bestürzt erst auf den zweiten Blick bemerkt.

Einen übrigens scheint hier gar nichts zu stören: Donald Trump grinst auf einem Ölbild des deutschen Newcomers Holger Kurt Jäger als Pfeifenkopf selbstgefällig vor sich hin. Als eine ironische Referenz an das berühmte Pfeifenbild von René Magritte nennt es sich „Ceci n'est pas un meme“ (etwa: Das hier ist kein Scherz). Es ist bereits verkauft.

dpa

Mehr zum Thema

Mit einer Live-Video-Installation wollte Schauspieler Shia LaBeouf gegen US-Präsident Trump protestieren. Doch ein Museum in New York brach diese nun ab, sie habe zu Gewalt angestiftet. LaBeouf will aber noch nicht aufgeben.

11.02.2017

Seit einigen Jahren treffen sich regelmäßig mehrere Frauen aus Wolgast und der Umgebung der Stadt – heute sind es 13 an der Zahl –, um gemeinsam nach Motiven aus ...

14.02.2017

Große Kunst und Karneval - gibt es da Berührungspunkte? Ja - das beweist eine Prinzengarde in der Karnevalshochburg Düsseldorf. Ein unverzichtbares Detail des närrischen Frohsinns - den Sessionsorden - lässt der Verein von weltbekannten Künstlern gestalten.

14.02.2017

Es ist noch nicht lange her, da saß Jeremy Meeks hinter Gittern. Jetzt startet der geläuterte Ex-Häftling eine Karriere als Model.

15.02.2017

Die Fans von Robert Pattinson kamen auf ihre Kosten. Auf der Berlinale nahm sich der Brite jede Menge Zeit für Autogrammwünsche und Fotos. Der Film begann kurzerhand später.

15.02.2017

Die Geigerin Baiba Skride, einst HMT-Studentin in Rostock, über Instrumente und die Konkurrenz

15.02.2017
Anzeige