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Nachrichten Lösegeld — das Geschäft mit dem Terror
Nachrichten Lösegeld — das Geschäft mit dem Terror
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02:25 26.08.2014

Vor Jahrzehnten dienten die Kellerräume des Auswärtigen Amtes in Berlin der damaligen Reichsbank zur terrorsicheren Aufbewahrung ihrer Schätze. Heute tagt dort der Krisenstab des Ministeriums von Frank-Walter Steinmeier. Der Chef der im Tag- und Nachteinsatz geübten Notfall-Truppe, Botschafter Rüdiger König, war zuvor oberster Vertreter der Bundesrepublik in Afghanistan.

Der Mann ist krisenfest.

Entführungsfälle von Bundesbürgern, vorzugsweise in den letzten Jahren im arabischen Bereich, sind zwar nie Routine, aber keinesfalls selten. Die Abläufe sind eingeübt. Irgendwann tauchen als Videobotschaft, auf diplomatischen Kanälen oder aus Geheimdienstquellen Lösegeldforderungen auf. Dabei geht es schon lange nicht mehr um „Peanuts“. Zweistellige Millionensummen sind keine Seltenheit.

Diese Operationen gilt es im höchsten Maße diskret abzuwickeln. Manchmal helfen obskure Privatdetektive, oft Repräsentanten von Drittstaaten. Mehrfach soll bereits Katar Hilfe geleistet haben. Dann werden auch schon mal Entwicklungshilfe-Aufträge indirekt an Entführungsfälle angekoppelt. Früher wurde auch mal die „Gadafi-Stiftung“ eingeschaltet.

Die Bundesregierung legt Wert darauf, dass sie ganz offiziell „nicht erpressbar“ sei. „Es sind keine öffentlichen Mittel“ geflossen, verkündet Außenamtssprecher Martin Schäfer, auch im jüngsten Fall des freigekommenen 27-jährigen Brandenburgers. Um, wie er sagte, Flüchtlingen zu helfen, habe der sein Handy verkauft, sich dafür ein Flugticket in den syrisch-türkischen Grenzbereich gekauft, ist mittlerweile aus Familienkreisen zu vernehmen. Der Krisen-Abenteurer fiel in die Hände der IS-Terroristen. Monatelang beschäftigte der Fall den Arbeitsstab von Rüdiger König. Am vergangenen Wochenende kursierte die horrende Summe von 30 Millionen Euro Lösegeld, die auf Drängen der Familie des Entführungsopfers irgendwie weitergereicht worden sei.

Geld, das in diesem Fall nicht aus dem ominösen Haushaltsposten mit der Nummer „050252922“, angesiedelt beim Außenministerium, stammen kann. Dieser Topf mit dem Titel „Geheime Ausgaben für besondere Zwecke des Auswärtigen Amtes“ ist offiziell mit einer Million Euro dotiert. 2013 flossen daraus 156 000 Euro ab. Die Kontrolle obliegt direkt dem Präsidenten des Bundesrechnungshofes.

Die zweite Zugriffsmöglichkeit für Krisen- und Notfall-Aktionen verbirgt sich im Etat des Bundesnachrichtendienstes. Dieser soll von 496,4 Millionen Euro auf demnächst 614,6 Millionen im Zuge der Modernisierung der Abwehr steigen. Die Einzelheiten sind nur einem kleinen Vertrauensgremium im Parlament zugänglich. Abgeordnete können in besonderen Fällen Informationen erhalten, vorausgesetzt, sie wissen ganz genau, wonach sie fragen müssen.

Als 2006 die beiden sächsischen Ingenieure Rene Bräunlich und Thomas Nitzschke aus irakischer Geiselhaft freikamen, erklärte die Bundesregierung ebenfalls, sie habe kein Lösegeld bezahlt. Später blieben bis zu sieben Millionen Euro Geldtransfer unbestritten.

Im Zuge der Freilassung der auf den Philippinen entführten Göttinger Lehrerfamilie Wallert gilt eine kleinere Millionensumme als sicher. Sie wurde vermutlich in Form einer besonderen Entwicklungshilfe von Deutschland nach Libyen transferiert. Eine schiitische Wohlfahrtsorganisation dürfte 1992 umgerechnet 11,8 Millionen Euro vermittelt haben, um die Freilassung der Libanon-Geiseln Heinrich Strübig und Thomas Kemptner zu ermöglichen.

Wie viele Deutsche aktuell in den Händen ausländischer Entführer sind, beantwortet das Auswärtige Amt mit Schweigen. Doch eine weltweit operierende „Entführungsindustrie“ hat das Geschäft mit Geiseln als lukrativ erkannt. Jährlich dürfte ein hoher dreistelliger Millionenbetrag umgesetzt werden. Kaschierte Geldleistungen, verpackt in Entwicklungs-, vielleicht auch Rüstungsaufträgen.

Katar ist jedenfalls maßgeblich beteiligt an der jüngsten Freilassung eines US-Journalisten durch die mit dem Staat eng verbundene Miliz der Nusra-Front. Die IS-Miliz wird allerdings mögliche Lösegeld-Millionen für den jungen Mann aus Brandenburg eher unter „Peanuts“ abbuchen. Sie soll erst kürzlich bei der Erstürmung der nordirakischen Stadt Mossul 500 Millionen US-Dollar aus den Tresoren der Staatsbank erbeutet haben, die Einnahmen aus besetzten Erdölquellen spülen täglich neues Geld in die Terrorkassen.



Dieter Wonka

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