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25 Syrer auf Odyssee durch Vorpommern

Tribsees/Bergen 25 Syrer auf Odyssee durch Vorpommern

Flüchtlinge weigerten sich, in eine Industriehalle in Tribsees zu ziehen. Ihr Beispiel zeigt, wie mühselig Integration ist.

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Syrische Flüchtlinge in Tribsees. Sie wollen weg — aus dieser Halle und aus MV.

Quelle: Gerald Kleine Wördemann

Tribsees. „Hier halte ich es keine Woche aus“, sagt Ahmad Alijasim (25) und zeigt auf das klapprige Feldbett. Zusammen mit 24 anderen Männern, alle aus Syrien, wurde Ahmad am Donnerstagabend mit dem Bus nach Tribsees (Landkreis Vorpommern-Rügen) in eine leerstehende Halle gebracht. Sie weigerten sich zunächst, den Bus zu verlassen (die OZ berichtete).

Vorher waren die meisten von ihnen in Prora auf Rügen in der Jugendherberge untergebracht. Nun Tribsees. Kahler Betonfußboden, angeblich keine Duschen: Nach einer Nacht in Tribsees sind sich alle einig, dass sie hier nicht bleiben wollen.

Ahmad Alijasim sagt, er habe in Aleppo Jura studiert. Vor knapp einem Jahr floh er über Ungarn nach Deutschland. Sein Asylantrag wurde anerkannt. Sobald er von der Ausländerbehörde seine Identitätskarte bekommt, will er weg, nach Berlin, wo Freunde von ihm leben würden. Aber das kann noch dauern: Manchmal dauert es ein halbes Jahr, bis die Karte ankommt, manchmal ein paar Wochen.

Nicht alle zieht es weg aus MV. „80 Prozent der Familien möchten hierbleiben“, sagt Gero Grabowski (29). Der Bereichsleiter für Flüchtlingshilfe beim Arbeiter-Samariter-Bund ist für sieben Sammelunterkünfte im Kreis Vorpommern- Rügen verantwortlich. Bleiben möchten auch rund 70 Syrer, die im Landkreis untergebracht waren, und nach ihrer Anerkennung in Greifswald und Rostock ihr Studium fortsetzen wollen.

Ahmad und die anderen Männer, die unbedingt wegwollen, hätten nicht in die Halle gemusst. Ihnen wurden Wohnungen angeboten, unter anderem Wohngemeinschaften in Barth, heißt es sowohl bei den Behörden als auch bei den Flüchtlingshelfern. Aber das hätten alle abgelehnt. Ein Helfer vermutet, sie wollten keinen Mietvertrag unterschreiben, weil sie argwöhnten, man lasse sie dann nicht mehr weg, nach Berlin, Hamburg oder wohin auch immer. Damit sie nicht auf der Straße stehen, blieb dann nur noch die Halle übrig. Die Männer willigten ein. Aber als der Bus in Tribsees vor dem kargen Gebäude stoppt, wollen sie plötzlich nicht mehr. Ahmad Alijasim sagt, er sei schon in Notunterkünften in Rostock, Stavenhagen und Schwerin gewesen. Doch das hier gehe gar nicht — und schon überhaupt nicht für ein paar Monate.

Nach einer Nacht in Tribsees packen die Männer ihre Taschen und Tüten und machen sich mit öffentlichen Verkehrsmitteln auf den Weg nach Bergen auf Rügen. Das Gerücht geht um, dort würde man ihnen etwas Besseres vermitteln. Im Jobcenter reden Dolmetscher und eine Mitarbeiterin auf die Männer ein. „In Deutschland müssen Sie sich selbst eine Wohnung suchen“, wiederholt die Behördenmitarbeiterin mindestens ein Dutzend mal. Das Jobcenter könne ihnen nicht helfen. Als nach einer halben Stunde klar ist, dass hier nichts zu erreichen ist, ziehen die anerkannten Flüchtlinge weiter, zum Hotel „Ratskeller“ am Bergener Markt. Hier sind seit Donnerstag die Familien untergebracht, die davor mit ihnen in Prora waren. Die Männer hoffen, hier auch unterzukommen. Vergeblich: Ein ASB-Mitarbeiter hört geduldig zu, schüttelt aber den Kopf. Am Nachmittag dann die Einigung: Die Männergruppe fährt zurück nach Tribsees, verbringt dort das Wochenende. Und am Montag ziehen die Syrer in die Wohnungen nach Barth. Ihre Odyssee ist vorbei — vorerst.

Wohnungen gesucht

70 anerkannte Flüchtlinge sind nach Angaben des Arbeiter-Samariter-Bundes in Vorpommern-Rügen kürzlich in Wohnungen gezogen.

Zwei Bildungsträger wurden dafür eingeschaltet. Viele Angebote lehnten die Schutzsuchenden ab, die Orte seien zu abgelegen, Verkehrsverbindungen und Einkaufsmöglichkeiten fehlten. Auch nach Anerkennung des Asylantrags müssen Flüchtlinge, die in ein anderes Bundesland wollen, oft noch Monate bleiben — weil es Staus bei der Identitätsfeststellung und der Erstellung der Papiere gibt.



Gerald Kleine Wördemann

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