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60 Millionen mehr für Schulen

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Bildungs- und Kulturminister Mathias Brodkorb (SPD) stellt sich den Fragen der OZ-Laboranten

Rostock. Zum dritten Mal haben Leser der OSTSEE-ZEITUNG ein Regierungsmitglied aus Mecklenburg-Vorpommern zum Interview eingeladen – diesmal die OZ-Laboranten Moritz Naumann, Karolin Hebben, Sören Hanisch – unsere Abonnenten von morgen und OZ-Volontärin Michaela Krohn. Nach Energie- und Infrastrukturminister Christian Pegel (SPD) sowie Arbeits- und Sozialministerin Birgit Hesse (SPD) stellte sich beim jüngsten Gespräch Bildungs- und Kulturminister Mathias Brodkorb (SPD) den Fragen des Interview-Teams. Nachdem die jungen Leser den Landespolitiker nach seiner persönlichen Bilanz und politischen Ambitionen befragte, plauderte Mathias Brodkorb über Freizeitaktivitäten und verriet seinen Spitznamen.

Zur Landtagswahl im September müssen sich die etablierten Parteien im Nordosten auf einen politischen Erdrutsch einstellen. Laut aktueller Meinungsumfragen verlöre die SPD ihren Spitzenplatz und käme auf nur noch 22 Prozent der Stimmen. Dies ist das Ergebnis einer Umfrage des Forschungsinstituts Infratest Dimap im Auftrag von der OSTSEE-ZEITUNG, NDR sowie Schweriner Volkszeitung.

Die Umfrage zeigt auch, dass etwa 50 Prozent der Wähler mit der Arbeit der Landesregierung zufrieden sind. Wie zufrieden sind Sie selbst mit Ihrer Arbeit?

Mathias Brodkorb: Ich glaube, wir hatten eine Legislaturperiode, in der im Bildungsbereich so viel geschafft wurde wie nie zuvor. Obwohl es nicht im Koalitionsvertrag steht, gab es beispielsweise 60 Millionen Euro mehr pro Jahr für die Schulen im Land. Das ist keine Selbstverständlichkeit.

Dann haben wir die Verbeamtung für junge Lehrkräfte auf den Weg gebracht – ein Dauerstreitpunkt seit mehr als 20 Jahren. Und ein ganz großes Thema, das jetzt zum Abschluss gekommen ist: der überparteiliche Konsens zur Schulpolitik – der Inklusionsfrieden. Bisher war es in der Bildungspolitik so, dass man nach jeder Wahl die Frage stellen musste: „Geht wieder alles in die andere Richtung?“. Reformen, die man gerade eingeführt hatte, wurden häufig wieder zurückgedreht. Das sorgte für Unruhe in den Schulen. Und jetzt gibt es das erste Mal die Situation, dass Opposition und Regierung einen Konsens gefunden haben – und das bis zum Jahr 2023, also bis zur übernächsten Legislatur. Das hinzukriegen, hat für mich eine sehr große Bedeutung, auch wenn die wohltuenden Auswirkungen davon erst in den nächsten Jahren deutlich werden.

Wir haben in der Bildung also schon die großen Zukunftsthemen angepackt. Natürlich hätte ich mir das eine oder andere unaufgeregter gewünscht.

Was hätte besser gelingen können?

Brodkorb: Das erzähle ich Ihnen, wenn ich nicht mehr im Amt bin.

Wenn Sie sagen, dass Sie bis zur übernächsten Legislatur vorgearbeitet haben, sind Sie dann noch Bildungsminister?

Brodkorb: Das entscheide ja nicht ich.

Wenn Sie es sich wünschen könnten?

Brodkorb: Das wäre dann ja die dritte Amtszeit. Ich glaube, meine Frau wäre damit ziemlich unzufrieden. Es ist schon ein sehr anspruchsvoller Job, besonders wenn Sie eine Familie haben und eine kleine Tochter. Glücklicherweise fragt sie noch nicht: ,Du Mama, wer ist eigentlich der Onkel, der ab und zu bei uns übernachtet?’ Aber natürlich ist die Funktion, in der ich mich befinde, mit extremen Belastungen verbunden. Ich habe in meinem Geschäftsbereich rund 50 Prozent des gesamten Landespersonals. Und die anderen sieben Kollegen sowie die Staatskanzlei teilen sich den Rest.

Also sind Sie der fleißigste Minister?

Brodkorb: Das ist damit nicht gesagt. Es ist aber sicher eines der komplexesten und anspruchsvollsten Ressorts. Sie können ja umgekehrt mal die Kollegen fragen, ob sie mit mir tauschen möchten.

Möchten Sie denn tauschen und in ein anderes Ministerium wechseln?

Brodkorb: Ich habe mich für Bildung entschieden. Das ist für mich die wichtigste Frage, die darüber entscheidet, wie eine Gesellschaft aussieht, wie wir zusammenleben, wie dies vernünftig und gerecht funktioniert. Ich finde mich inhaltlich in dem Job wieder und auch für eine zweite Amtszeit bliebe noch genug zu tun. Deswegen sehe ich keine Veranlassung, diesbezüglich weitere Gedanken anzustellen.

Was sind denn Ihre langfristigen politischen Ziele? Wollen Sie auch mal auf die Bundesebene wechseln?

Brodkorb: Nein, das schließe ich aus. Erstens bekomme ich dafür von zu Hause keine Genehmigung. Viele Beziehungen sind im Rahmen der Politik schon zerbrochen. Das kommt nicht so selten vor.

Zweitens ist mir das ein bisschen unheimlich. Die Bundes- oder Europaebene ist sehr abstrakt. Ich habe manchmal das Gefühl, die Sachverhalte und die Lagen vor Ort nicht so präzise einschätzen zu können, um daraus Regelungen zu machen, die wirklich auf jeden Einzelfall passen. Und dieses Problem ist auf Bundesebene viel größer. Das ist so fern von den Leuten, damit kann ich mich nicht identifizieren.

Sie sagten, dass es schwierig ist, den Job mit der Familie in Einklang zu bringen. Wie sieht Ihre Work-Life-Balance aus? Wann entspannen Sie?

Brodkorb: Das kommt darauf an, wann ich nach Hause komme. Wenn es um 2.30 Uhr nachts ist und ich morgens um 6 Uhr mit meiner Tochter aufstehe, dann ist da nichts mehr mit Balance. Häufig bleibt wenig Zeit. Aber ich muss gestehen, ich spiele regelmäßig auf der Playstation mit ein paar Freunden Fifa.

Fifa 16?

Brodkorb: Nein 15. Ich hinke immer ein paar Generationen hinterher. Es erscheint permanent etwas Neues. Das mache ich wie beim Handy. Ich warte ein paar Generationen ab, da der technologische Fortschritt zwar da ist, aber meist so klein, dass es sich noch nicht lohnt.

Also haben Sie auch keine Playstation 4, sondern die dritte Version?

Brodkorb: Oh doch, ich habe eine Playstation 4 (lacht). Aber ich habe sie noch nicht lange. Meine Tochter findet das übrigens sehr langweilig. Bei mir gibt es nur zwei, drei Sachen, mit denen ich Abstand gewinnen kann. Das eine ist, mit Freunden Fifa spielen, das andere ist die Familie. Vor allem meine Tochter. Wenn die mir freudig-kreischend in die Arme läuft, sind die Akten und Probleme weg.

Mit dem Konsolen-Spielen bin ich übrigens nicht alleine. Der Ministerpräsident spielt Wii, vorzugsweise Tennis. Ich muss gestehen, er schlägt mich meistens.

Und spielen Sie dann ab September mit Lorenz Caffier Videospiele, wenn der Ihr neuer Ministerpräsident wird?

Brodkorb: Das sind ja spannende Fragen. Ich würde keine Schwierigkeiten haben, mit Herrn Caffier als Innenminister einmal Fifa zu spielen.

Geben Sie sich in solchen Situationen Spitznamen?

Brodkorb: Der Ministerpräsident nennt mich Broti ( schmunzelt).

Und wie nennen Sie den Ministerpräsidenten?

Brodkorb: Erwin.

Zurück zur aktuellen Umfrage: Die belegt auch, dass die AfD bei 18 Prozent liegt. Was befürchten Sie, wenn die AfD derart stark in den Landtag einzieht?

Brodkorb: Na ja, ich reagiere auf diese Umfragen nicht ganz so sensibel wie Sie. Umfragen liegen manchmal vom letztendlichen Ergebnis sehr weit weg. Am Ende sind die Zahlen, denen wir zu vertrauen haben, die Wählerstimmen. Aber mit Sicherheit wird es nicht so bleiben, wie es beim letzten Mal war. Und natürlich wünsche ich mir nicht, dass die AfD in den Landtag kommt. Sie wird mitunter gespeist von enttäuschten Bürgern, die ihren Protest ausdrücken wollen. Es ist unsere Aufgabe, auf diese Unzufriedenheit politische Antworten zu finden. Aber unter diese enttäuschten Bürger mischen sich auch Personen aus dem rechtsextremen Rand. Und das ist keine gute Grundlage, um für das Land seriöse Politik zu machen.

Es wird dieser Partei vermutlich sehr schwer fallen, zu einem bestimmten Thema eine wirklich überzeugende Position zu formulieren. Wogegen ich aber bin, ist, diese Partei in die rechtsextreme Schmuddelecke zu stellen. Die etablierte Politik hat zu akzeptieren, dass ein durchaus nennenswerter Teil der Bevölkerung auf diese Weise ihren Unmut ausdrückt. Das hat im Wesentlichen mit der Flüchtlingssituation von vor ein paar Monaten zu tun. Damit müssen sich die etablierten Parteien auseinandersetzen und mit der AfD ganz anders umgehen, als mit der NPD.

Was könnten aus Ihrer Sicht noch Ursachen für die Stimmverluste der SPD sein?

Brodkorb: Wie gesagt: Wir reden hier über Umfragen, und da befinden sich alle etablierten Parteien unter Druck. Ich bin erstmal froh, dass es uns in Mecklenburg-Vorpommern gut gelingt, mit den Herausforderungen der Flüchtlingskrise umzugehen. Zudem wird es, wenn eine Partei 18 Jahre lang den Ministerpräsidenten stellt, von Wahl zu Wahl anspruchsvoller, die Spitzenposition zu verteidigen. Wir haben eine sehr erfolgreiche Regierungsbilanz: Wachstum, Arbeitsplätze, sinkende Schulden und so weiter. Jede Partei an der Spitze muss bei jeder Wahl erneut deutlich machen, dass dies alles nicht selbstverständlich ist und man den eingeschlagenen Weg weitergehen muss. Und die Parteien sind auch gefordert, den Kurs umzustellen, wenn das die Situation erfordert.

Das Abitur in MV hat einen relativ schlechten Ruf – zum Beispiel im Vergleich zu Bayern . . .

Brodkorb: Wenn man Wissenschaftlern glauben darf, die sich unsere Abituraufgaben angucken, gehören wir zu den Ländern mit den anspruchsvollsten Prüfungen. Die bescheinigen uns durchweg ein hohes Niveau. Es gibt weniger ein Nord-Süd-Gefälle als ein Ost-West-Gefälle. Die Aufgaben aus dem Osten sind häufig anspruchsvoller als aus Hamburg oder Bremen. Diese Studien sind aber noch nicht veröffentlicht. Wir haben keinen Hinweis darauf, dass wir ein anspruchsloses Abitur haben. Ich will nicht ausschließen, dass wir hier und da noch etwas korrigieren müssen, aber ich habe keine Befunde dafür, dass bei uns etwas im Argen liegt. Das sind eher gelernte Meinungen, dass es im Norden leicht ist und im Süden schwierig. Das ist viel zu einfach!

Was ist Ihnen denn wichtiger: Die Quantität an Abiturienten oder die Qualität des Abiturs?

Brodkorb: Ich würde nicht, um irgendwelche Quoten zu erreichen, das Abitur leichter machen.

Wird Schule den heutigen Anforderungen in der Gesellschaft noch gerecht?

Brodkorb: Umgekehrt: Gerade wenn sich die Welt so schnell verändert wie heute, muss die Schule solides Allgemeinwissen vermitteln und nicht jedem Modetrend hinterherlaufen, der in fünf

Jahren eh wieder veraltet ist. Ich habe inzwischen acht Vorschläge für neue Unterrichtsfächer auf dem Tisch, es werden bestimmt noch welche hinzukommen. Wir können die Zahl der Unterrichtsstunden aber nicht immer weiter erhöhen.

OZ

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