Volltextsuche über das Angebot:

11 ° / 4 ° Regenschauer

Navigation:
A-20-Desaster: Schon die Dänen versanken im Moor bei Tribsees

Tribsees/Schwerin A-20-Desaster: Schon die Dänen versanken im Moor bei Tribsees

Ist Wiedervernässung Ursache für Absinken der Brücke? Gutachter prüfen

Voriger Artikel
OZ-TV am Montag: 10 Jahre KTC - Starbucks kommt nach Rostock
Nächster Artikel
Herzschwäche: Immer mehr Menschen im Land betroffen

Das abgesackte Autobahnteilstück der A 20 an der Trebeltalbrücke bei Tribsees wird von Fachleuten begutachtet.

Quelle: Foto: Bernd Wüstneck/dpa

Tribsees/Schwerin. . Ungeheure Gefahren, faulige Sümpfe, schlammige Abgründe: Diese Beschreibungen muten wie die dunklen Phantasien eines Thriller-Autors an, doch sie stammen von einem der glaubhaftesten Chronisten des 12. Jahrhunderts: Saxo Grammaticus (1140-1220). Ungefähr dort, wo heute die A 20 das Moor zwischen Mecklenburg und Vorpommern quert und ein im Moor abgesacktes Autobahnstück für Ärger sorgt, ereilte den mächtigen Dänenkönig Waldemar I. (1131-1182) ein ähnlich gruseliges Schicksal.

OZ-Bild

Ist Wiedervernässung Ursache für Absinken der Brücke? Gutachter prüfen

Zur Bildergalerie

Landtagsabgeordnete Beate Schlupp (CDU) FOTO: UNION

Video: QR-Code scannen oder www.ostsee-zeitung.de anklicken.

Saxo Grammaticus berichtet in seiner „Gesta Danorum“ (1171), wie sich Waldemar beim Kriegszug gegen die verhassten Slawen nach Rügen vorzuarbeiten versuchte und gnadenlos im Land der Zirzipanen (Dargun-Demmin-Güstrow) im Moor zu scheitern drohte. In blumigen Ausschmückungen beschreibt er die Hilflosigkeit der Truppen, deren Pferde tief in den Schlamm gesogen wurden und die – um die furchtbaren Aussichten eines Versinkens zu mildern – Waffen und Rüstungen abstreiften. Erst durch Weidenmatten, die sie zur Gewichtsverteilung auf den sumpfigen Grund legten, gelang ihnen die Durchquerung.

Das Grenztalmoor zwischen Mecklenburg und Vorpommern war also nicht grundlos schon immer dünn besiedelt. Wie aus Unterlagen des Umweltministeriums hervorgeht, begann Mitte des 18. Jahrhunderts die großflächige Entwässerung des Moores. Die Bewohner machten sich das Land zu eigen, sie stachen Torf, legten Kanäle an, um den Torf zur Saline nach Bad Sülze zu transportieren. An der Entwässerung des Areals wurde bis in die 1990er Jahre festgehalten. Im Jahr 2000 begann das Land im Zuge des Moorschutzprojektes  mit umfangreichen Maßnahmen zur Wiedervernässung.

Ob die Wiedervernässung am Absacken der Brücke Schuld sein könnte, müsse geklärt werden, forderte die CDU-Landtagsabgeordnete Beate Schlupp. „Wir müssen uns mit dieser Frage beschäftigen, um Fehler in der Zukunft vermeiden zu können.“ Eine Sprecherin des Verkehrsministeriums sagte, dass davon auszugehen sei, dass sich die Gutachten auch mit dieser Frage beschäftigen werden. Aus dem Umweltministerium hieß es, dass keine Moorschutzprojekte in unmittelbarer Nachbarschaft zur Autobahn umgesetzt wurden. Diese Angabe steht jedoch im Widerspruch zu einer Karte des Landesamtes für Umwelt, Naturschutz und Geologie, die für 2000-2007 nördlich der A20 bei Langsdorf eine Moorrenaturierung auf 616 Hektar ausweist.

Sind die Gründungspfähle in den unter dem Moor liegenden Sand abgeteuft, dürfte nach Ansicht von Hydrogeologen eine Moorrenaturierung keine Probleme verursachen. „Sand unterliegt kaum Setzungserscheinungen bei Änderung des Wassergehalts“, sagte die Hydrogeologin Maria-Theresia Schafmeister von der Universität Greifswald. Moore – zumindest in Mitteleuropa – sind Ökosysteme, in die der Mensch immer wieder eingegriffen hat. „Wie intakte Flusstalmoore  aussehen, ist bei uns wegen der umfassenden Entwässerung nicht mehr zu beobachten. Dafür muss man nach Westsibirien oder Ostchina fahren“, sagt  Moorkundler und Paläoökologe, Professor Hans Joosten, vom Greifswald Moor Centrum. Saxo Grammaticus beschreibe ein solches intaktes Moor sehr gut.

„Moor ist kein Land, und Moor ist kein Wasser. Es ist zu nass, um drüber zu reiten, und es ist zu trocken, um mit einem Schiff drüber zu fahren.“ Ein Durchströmungsmoor wie Trebel und Recknitz sei wie ein langsam strömender Fluss, der mit „Gras“ gefüllt und bedeckt sei. „Ein lebendes Moor enthält 95 Prozent Wasser und damit mehr als Milch.“  

Deshalb seien auch Bauwerke über Moore, gerade über Durchströmungsmoore wie das an der Autobahn 20, höchst anspruchsvoll. Strömendes Wasser habe eben eine beträchtliche Kraft. „Und gerade die Strömung macht es unmöglich, dort einen geschlossenen Damm zu bauen.“ Wenn man einen Baukörper auskoffere, bremse dieser den gesamten Wasserfluss ab. Auch „schwebend“ verlegte Schwimmkörper drückten sich in den meterdicken Torf hinein und verdichteten diesen. „Alles was man dort reinbringt, verzögert und blockiert den Wasserabstrom“, sagt Joosten.

Boden senkt sich jedes Jahr

Die Entwässerung von Mooren ist nach Einschätzung von Moorforschern keine Alternative – nicht nur aus Klimaschutzgründen. Denn der Wasserentzug macht Moore langfristig nicht stabiler. Die Niederlande zeigten, dass eine über Jahrhunderte konsequent betriebene Entwässerung zu einem Absenken des Bodens über mehrere Meter führe, sagt Joosten. „Die Torfe kollabierten, das organische Material kommt in Berührung mit Sauerstoff und zersetzt sich.“ Dadurch würden nicht nur gigantische Mengen CO2 freigegeben, sondern der Boden senke sich durch die Entwässerung pro Jahr um ein bis zwei Zentimeter ab. Aus dem Umweltministerium hieß es, dass die Wiedervernässung eher stabilisierend auf Moore wirke.

Martina Rathke

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr zum Artikel
Stralsund
Mitarbeiter der Stralsunder Tafel sortieren Obst und Gemüse für die Ausgabe: Sie sind auf Spenden von lokalen Betrieben angewiesen.

Zwei volle Einkaufswagen jährlich – so viel wirft jeder Deutsche im Schnitt in den Müll. Betriebe in Vorpommern wollen diesen Berg reduzieren.

Kostenpflichtiger Inhalt mehr
Mehr aus MV aktuell
Benjamin Barz Ostsee-Zeitung Ostsee-Zeitung Termine, Events, Veranstaltungen Teaser der den User auf die Seite "Termine" führen soll image/svg+xml Image Teaser Termine 2015-09-23 de Veranstaltungen Aktuelle Termine Konzerte, Kino, Ausstellungen, Vorträge, Theater, Workshops, Tanz und noch vieles mehr. Alle Veranstaltungen und Freizeittipps in Ihrer Nähe finden Sie hier.