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MV aktuell Achtung Abbruchgefahr: Rügener Steilküste rutscht wieder
Nachrichten MV aktuell Achtung Abbruchgefahr: Rügener Steilküste rutscht wieder
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09:31 11.10.2018
Abbruch der Steilküste bei Sassnitz auf Rügen. Quelle: Susanne Grossnick
Kap Arkona/Rostock

Steilküsten bröckeln: Gleich an mehreren Stellen sind in den vergangenen Tagen Teile der Küste in MV abgebrochen. Dabei treibt gerade jetzt bestes Ferienwetter Tausende Urlauber an die Strände. Deshalb warnen Experten: Das gute Wetter macht die Klippen keineswegs harmloser. Es muss jederzeit mit Abbrüchen gerechnet werden. Unterhalb der Küste besteht vielerorts Lebensgefahr.

„Wir haben viele aktive Kliffs und raten deshalb generell von Wanderungen unterhalb der Kreideküste ab. Wir bieten dort auch keine Führungen an – selbst wenn die Bereiche nicht gesperrt sind“, sagt Gernot Haffner, Leiter des Nationalparkamtes Vorpommern.

Gewaltige Massen abgestürzt

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Dass der Sonnenschein trügerisch sein kann, belegen die jüngsten Abbrüche: Am Kap Arkona sind vor wenigen Tagen gewaltige Massen einen Hang hinabgestürzt – an einer Stelle, wo sonst oft Fossilienliebhaber ihre Schätze sammeln. In Sellin auf Rügen – eher nicht bekannt als besonders gefährdeter Abbruchort – wurde sogar eine Urlauberin bis zum Hals von Geröllmassen verschüttet, konnte aber gerettet werden. Auch nahe Vitte auf Hiddensee rutschten Hänge ab.

Nach den trockenen Sommermonaten sei es auf Grund der Niederschläge der letzten Wochen zu einer ansteigenden Durchfeuchtung der Kliffs gekommen, heißt es aus dem Umweltministerium auf OZ-Anfrage. Bei steigenden Herbst-Niederschlägen rechnen die Fachleute mit weiteren Rutschungen und Kliffabbrüchen. „Angesichts sich wiederholender, unvorhersehbarer Küstenabbrüche ist es für Spaziergänger zwingend geboten, sich an die ausgewiesenen Wege und Hinweise zu halten“, legt Umweltminister Till Backhaus (SPD) Ortskennern und Gästen an Herz. „Wer diese Regeln beherzigt, kann unsere wilden und grandiosen Küstenlandschaften gefahrlos erleben.“

Jedes Jahr wagen sich tausende Wanderer an die Steilküste auf Rügen. Seit dem tödlichen Absturz einer Bekannten im April frage ich mich, wie gefährlich es dort wirklich ist. Ein Spaziergang.

Todesfälle trotz Warnschildern

Im Nationalpark Jasmund mit seiner zwölf Kilometer lange Kreideküste wurde im Laufe der letzten Jahre massiv aufgerüstet – Mitarbeiter stellten mehr als 80 Hinweis- und Verbotsschilder auf. Tragische Todesfälle haben jedoch gezeigt, dass Schilder längst nicht jeden am Weitergehen hindern. Amtsleiter Haffner berichtet davon, dass es oft abseits der Wege Trampelpfade bis an den Klippenrand gebe. Der Experte erklärt, dass sich Abbrüche meist nicht ankündigen, sondern die Massen völlig unvermittelt herabrauschen.“Wenn Sie dann dort unten am schmalen Strand stehen, haben Sie keine Chance mehr zu entkommen.“

Auch am Hohen Ufer in Ahrenshoop auf dem Fischland sind in den letzten Tagen an mehreren Stellen Erdmassen abgerutscht, bestätigt Jörn Reiche, Initiator der Interessengemeinschaft Hohes Ufer. Stellenweise sei die Küste durch den letzten Winter auf fünf, sechs Metern Breite weggebrochen. „Es sieht sicher aus, aber dort kommt regelmäßig was herunter.“

Das Ostseebad Sellin will nach den jüngsten Vorgängen reagieren und noch offensiver auf die Gefahren aufmerksam machen. Steffi Besch, Mitarbeiterin der Kurverwaltung Sellin, betont, dass im neuen Urlauber-Infoheft „Mittenmang“ künftig dem Thema eine Seite gewidmet sein soll. Die Broschüre liege auch in den Unterkünften aus und werde viel von den Touristen gelesen.

Tragische Todesfälle

September 2017: Ein 57-Jähriger aus Salzgitter verliert ebenfalls nahe der Ernst-Moritz-Arndt-Sicht den Halt und fällt in die Tiefe – auch er stirbt.

Mai 2017: Ein 92-Jähriger stirbt an den Folgen seiner Verletzungen nach einem Küstenabbruch an der Steilküste in Klein Zicker auf Rügen.

April 2017: Eine 20-Jährige stürzt an der Ernst-Moritz-Arndt-Sicht bei den Rügener Kreidefelsen in den Tod, als sie zu nah an die Abbruchkante kam.

Dezember 2011: Ein zehnjähriges Mädchen wird auf Rügen zu Weihnachten von herabstürzenden Massen am Kap Arkona ins Meer gespült und stirbt.

Virginie Wolfram