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Agrar-Experte: Deutschland missachtet EU-Umweltstandards

Mühlengeez Agrar-Experte: Deutschland missachtet EU-Umweltstandards

Bauernpräsident Kurreck lehnt Agrarwende ab / Hitzige Debatte auf Bauerntag

Mühlengeez. Damit hatten die meisten Bauern im Saal nicht gerechnet: Gleich zwei Gäste, die sie zum Bauerntag auf der Agrarmesse Mela ins Podium geladen hatten, konfrontierten sie mit unbequemen Wahrheiten: „Deutschland erfüllt nicht einen EU-Umweltstandard, der mit Landwirtschaft zu tun hat“, warf der Kieler Agrar-Professor Friedhelm Taube der Branche vor. Die Belastung der Gewässer mit Nitrat und Phosphor verstärkt in der Ostsee das Algenwachstum.

Agrar- und Umweltminister Till Backhaus (SPD) stellte klar: „Pauschale Transferleistungen wird es künftig nicht mehr geben.“ Um die Zahlungen aus dem EU-Agrarhaushalt zu rechtfertigen, müssten die Bauern mehr für gesunde Lebensmittel, Tierwohl, Artenvielfalt und Gewässerschutz tun.

Deutschland habe sich verpflichtet, bis 2010 die Umweltbelastung durch Ammoniak auf 500000 Tonnen zu reduzieren. Agrar-Experte Taube: „Alle anderen EU-Länder haben das bis 2008 erfüllt, wir liegen heute noch bei 770000 Tonnen.“ Außerdem verstoße die Bundesrepublik gegen Vorgaben der Nitratrichtlinie von 1993, der Wasserrahmenrichtlinie aus dem Jahr 2000 und der Richtlinie zur Verringerung der Phosphatbelastung der Meere, kritisierte der Wissenschaftler, der auch Mitglied im Beirat des Bundesagrarministers ist.

Beide Kritiker räumten aber ein: Mecklenburg-Vorpommern steht dabei noch vergleichsweise gut da. Es gebe Bundesländer, bei denen das Grundwasser Nitratwerte von 100 Millilitern pro Liter aufweise, doppelt so hoch wie im Trinkwasser erlaubt. Der Durchschnittswert in MV liegt laut Backhaus bei 67 Millilitern pro Liter.

Landesbauern-Präsident Detlef Kurreck hielt hielt dagegen: „Wenn der Mensch konsumieren will, hinterlässt er nun einmal Fußspuren in der Umwelt.“ Es müsse „ausbalanciert werden, wie weit dabei in die Natur eingegriffen werden darf“. Kurreck: „Eine Agrarwende, wie sie oft kolportiert wird, brauchen wir nicht.“

Überraschenderweise entspann sich am Thema Artenvielfalt ein Vergleich mit der DDR-Landwirtschaft. In der DDR sei jedes Stück Acker intensiv genutzt worden. Wenn jetzt trotz Schutzstreifen und Umweltprogrammen das Artensterben zunehme, liege das vielleicht nicht allein an der Landwirtschaft, meinte Kurreck. Agrar-Professor Taube konterte: „Was kann der Mecklenburger Bauer heute noch außer Raps und Weizen?“ Früher seien mehr Kleegras, Kartoffeln und Zuckerrüben angebaut worden. Minister Backhaus ergänzte: „In der DDR-Mangelwirtschaft hatten wir viel weniger Stickstoffdünger zur Verfügung.“

Zwei Landwirte, die sich aus dem Publikum zu Wort meldeten, klangen verbittert: Ein Bauer aus der Prignitz warf dem Podium vor: „Sie leben auf einem anderen Stern, sie müssen nicht von Landwirtschaft leben.“ Landwirtin Monika Hansen aus Kreien (Ludwigslust-Parchim) forderte die Politik auf, in die Landkäufe durch Industrielle einzugreifen. „Erst nehmen uns das Land weg, dann auch die Arbeitskräfte“, so die 60-Jährige. Backhaus gab ihr recht: „Hier entwickelt sich ein neues feudalistisches System.“

Was dem Bauerntag guttat: Die Redner verzichteten auf parteipolitische Statements, trotz der bevorstehenden Bundestagswahl. Einzige Ausnahme: Bauernpräsident Kurreck erlaubte sich die Bemerkung: „Wählen ist wie Zähneputzen. Wenn man es nicht macht, wird’s braun.“ Als Kurreck dem früheren Vorsitzenden des Landtags-Agrarausschusses, Fritz Tack (Linke), die Bauernverbands-Ehrennadel überreichte, würdigte er das „überparteiliche“ Engagement des Rostocker Agrar-Professors.

Elke Ehlers

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