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Akkordeon-Virtuose ohne Finger

Altkalen Akkordeon-Virtuose ohne Finger

Jazz und Klezmer spielt Kende Kabuß (15) am liebsten. „In Zukunft möchte ich mich mehr mit Klassik beschäftigen“, sagt der Schüler und Hobby-Akkordeonspieler aus ...

Altkalen. Jazz und Klezmer spielt Kende Kabuß (15) am liebsten. „In Zukunft möchte ich mich mehr mit Klassik beschäftigen“, sagt der Schüler und Hobby-Akkordeonspieler aus dem kleinen Ort Altkalen bei Gnoien (Landkreis Rostock). Ohne Noten, nur aus dem Kopf, spielt Kende ein Klezmer-Freilach-Stück vor. Das aberwitzige Tempo schafft er mühelos. Laut und mächtig schallt schnelle osteuropäische Tanzmusik durch sein aufgeräumtes Kinderzimmer.

 

OZ-Bild

Kende Kabuß spielt in Altkalen (Landkreis Rostock) auf seinem Akkordeon. Der 15-Jährige hat keine vollständig ausgebildeten Finger. Dennoch spielt er seit vielen Jahren mit großer Leidenschaft.

Quelle: Norbert Fellechner

Kende spielt sehr gut — für sein Alter und dafür, dass ihm etwas Wichtiges fehlt, um hohe Fingerfertigkeit zu erreichen: Finger. Kende wurde mit nicht komplett ausgebildeten Gliedmaßen geboren, einer sogenannten transversalen Fehlbildung. Wo bei anderen Leuten Finger sind, hat Kende nur die kurzen Mittelhandknochen seiner unvollständigen Hände.

Für ihn ist das kein Grund, nicht Akkordeon zu spielen. Das macht er, seitdem er sechs ist. „Als kleines Kind hat er vorher verschiedene Instrumente ausprobiert“, sagt Christian Kabuß, Kendes Vater (47). Bei dem Kasten mit den vielen Tasten und dem Ziehharmonika-Balg machte es schließlich „Klick“.

Mit einem einfachen Kinderakkordeon mit wenigen Tasten und Knöpfen für die Bässe fing Kende an. Nach einigen Jahren bekam er ein umgebautes, größeres Kinder-Akkordeon von der Firma Weltmeister aus dem Erzgebirge. Aber auch das wurde rasch zu klein für die Spielfreude des inzwischen hochgewachsenen Jugendlichen. Ein neues, ein richtiges Instrument musste her! So begann ein Groß-Projekt, „an dem die unterschiedlichsten Leute mitgearbeitet haben“, so Christian Kabuß.

Zweieinhalb Jahre dauerten die Arbeiten. Kabuß senior, von Beruf Künstler, ist studierter Industrie-Designer. Aus alten Kartons und Holz baute er lebensgroße Modelle, um herauszufinden, wie ein Akkordeon aussehen könnte, das Kende möglichst gut spielen kann. Am schwierigsten waren die Tasten für die Bässe. Große Akkordeons haben 120 Stück davon. Sie sind sehr klein, stehen dicht zusammen und werden von der linken Hand gespielt. Kendes neues Akkordeon hat nun 72 Bässe, die er über wenige Knöpfe bedienen kann, die über ein kompliziertes System miteinander verbunden sind. „Die meisten Umbauten sind innen drin“, meint Christian Kabuß über das neue Akkordeon. Er hätte nie geglaubt, dass mehr als 60 Bässe möglich seien.

Doch das gelang den Instrumentenbauern von der kleinen Firma Victoria aus dem italienischen Adria-Städtchen Castelfidardo — die Welthauptstadt des Akkordeonbaus. Die ganze Familie Kabuß, zu der noch Baldur (13), Lelle (7) und Mutter Adrienne Györgyi (47) gehören, fieberte mit, ob das ehrgeizige Projekt gelingt. Die aus Norddeutschland stammende Ko-Chefin von Victoria war von Anfang an begeistert. Regelmäßig tauschten sich die Instrumentenbauer mit der Mecklenburger Familie aus, vor allem per Internet. Als Anpassungsarbeiten anstanden, fuhr die gesamte Familie hin.

Maßarbeit hat ihren Preis. Der lag in diesem Fall bei mehr als 20000 Euro — deutlich mehr als die sparsam lebende Künstlerfamilie, die vor sechs Jahren aus Berlin aufs Land nach Mecklenburg gezogen war, aufbringen kann. Schon früh signalisierten mögliche Sponsoren Unterstützung. Victoria verzichtete auf den halben Preis. Etwa die Hälfte der übrig gebliebenen 10370 Euro steuerte das Musikinstrumenten-Förderprogramm des Schweriner Kultusministeriums bei. „Ich freue mich, dass er mit dem Akkordeon sein musikalisches Talent weiterentwickeln kann“, sagt Minister Mathias Brodkorb (SPD) über Kendes Instrument. Die Nordmetall-Stiftung gab einen größeren Betrag, vier weitere Stiftungen waren beteiligt und eine Güstrower Orthopädietechnik-Firma. An der Musikschule Güstrow ist Kende einer der besten Schüler am Akkordeon. Zurzeit muss er sich aber viel mit der Schule beschäftigen, er geht in die lernaufwändige 11. Klasse, am Gymnasium in Laage. Seine Lieblingsfächer sind Mathe und Englisch. Während viele seiner Altersgenossen noch nicht so genau wissen, was sie später einmal machen sollen, hat Kende einen festen Plan für sein künftiges Berufsleben: „Ich will Konzerte geben.“ Das richtige Instrument dafür hat er jetzt schon.

Erfolgreich trotz Handicaps

Musiker , die trotz körperlicher Behinderungen große Meister wurden, gab es immer wieder:

Django Reinhardt (1910 - 1953): Der Sinti aus Frankreich gilt noch immer als einer der wichtigsten Jazz-Gitarristen überhaupt. Bei einem Feuer wurde seine rechte Hand verstümmelt.

Das glich er mit einer eigenen, charakteristischen Spieltechnik aus.

Michel Petrucciani (1962 - 1999): Der vielfach ausgezeichnete Jazzpianist aus Italien litt an der Glasknochenkrankheit und war nur knapp einen Meter groß.

Thomas Quasthoff (geb. 1959): Der international erfolgreiche, contergan-geschädigte Baritonsänger und Gesangs-Professor erkämpfte sich gegen viele Widerstände ein Musikstudium.

Von Gerald Kleine Wördemann

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