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MV aktuell Alkoholmenge in Gramm soll aufs Etikett
Nachrichten MV aktuell Alkoholmenge in Gramm soll aufs Etikett
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00:20 30.11.2016

Fünf Notfalleinsätze im Raum Rostock an einem Tag. In zwei Fällen waren die Patienten schwer alkoholisiert. Ein Mann halluzinierte, der andere war nach einem Sturz in seiner Wohnung ohnmächtig zusammengebrochen. Dr. Gernot Rücker pustet kurz durch. Der 51-jährige Leiter der Rostocker Simulationsanlage und des Notfallausbildungszentrums der Unimedizin Rostock hat einen 24-Stunden-Dienst hinter sich.

Seit 20 Jahren ist der Notfallmediziner in MV mit Rettungsteams unterwegs. Schockieren kann ihn wenig. Was der Alkohol mit vielen Menschen macht, sei kaum vorstellbar. Selbst Dr. Rücker wirkt fassungslos, wenn er erlebt, wie sich bereits Kinder mit dieser Alltagsdroge ins Koma befördern.

Von den meist unerfahrenen Trinkern weiß kaum jemand, wie viel er getrunken hat. „Wir haben bei Großveranstaltungen 1000 Teilnehmer untersucht. Die Antwort auf die konsumierte Alkoholmenge blieben uns fast alle schuldig“, sagt der Arzt.

Aufgrund der Vielzahl berauschender Getränke sei es jedoch auch fast unmöglich, die getrunkene Alkoholmenge abzuschätzen. „Wir haben in nur einem Rostocker Supermarkt 2571 verschiedene Alkoholika gezählt“, so Dr. Rücker.

Die Angabe des Alkoholinhalts in Volumenprozent lasse keinen direkten Rückschluss auf die getrunkene Menge zu. Er und seine Kollegen fordern die zusätzliche Angabe der Grammzahl pro 100 Milliliter Flüssigkeit (g/100 ml). So könne besser abgeschätzt werden, wann etwa der Entzug des Führerscheins – ab 0,5 Promille – droht.

Auf einer 0,5 Liter großen Flasche Bier, die fünf Volumenprozent Alkohol enthält, müsste vier Gramm/100 ml stehen. Da sie insgesamt 20 Gramm Alkohol enthält, wäre nach ihrem Genuss der 0,5-Promille-Wert zum Beispiel bei einem 70 Kilo schweren Mann (Tabelle rechts) fast erreicht.

„Eine solche Kennzeichnung wäre hilfreich. Denn viele Jugendliche sind erstaunt, wenn wir ihnen erklären, wie viel Alkohol unter anderem Bier enthält“, sagt Jaqueline Sedat. Die Suchtberaterin des Wohlfahrtsverbandes Caritas in Neubrandenburg weiß, dass viele Eltern das Problem verharmlosen, da sie selbst nicht wissen, wie hoch die enthaltene Alkoholmenge ist.

Auf die Frage, ob die Bierbrauer zusätzlich die Grammzahl Alkohol pro 100 ml aufs Etikett drucken würden, erklärte Elisa Preuß, Sprecherin der Störtebeker Braumanufaktur in Stralsund: „Die gut erklärte Angabe der Alkoholmenge in Gramm macht Sinn.“ Einen Alleingang aber lehnen die Stralsunder ab. Es bedürfe der Abstimmung etwa im Brauer-Bund. Keinen Änderungsbedarf sieht die Carlsberg Deutschland GmbH, zu der die Lübzer Brauerei gehört. „Der Verbraucher in Deutschland erhält bereits jetzt – im Gegensatz zu vielen anderen EU-Ländern – auf den Etiketten wertvolle Informationen“, erklärt auch Peter Christian Gliem, Geschäftsführer der Hanseatischen Brauerei Rostock. V. Penne

OZ

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