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Amokexperte: „Die Tat erfährt eine Erhöhung“

Rostock Amokexperte: „Die Tat erfährt eine Erhöhung“

Die OSTSEE-ZEITUNG sprach mit dem Psychologen Jens Hoffmann über den fließenden Übergang zwischen Amok und Terror.

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Vor dem Schweriner Schloss wehen die Flaggen auf halbmast. Das Innenministerium Mecklenburg-Vorpommern ordnete diese Trauerbeflaggung  nach dem Münchner Amoklauf an.

Quelle: Cornelius Kettler

Rostock. OSTSEE-ZEITUNG: Herr Hoffmann, könnte der Amokläufer von München auch durch die Terrorakte der vergangenen Wochen beeinflusst worden sein? Jens Hoffmann: Ja, das wäre möglich. Nachahmer-Effekte sind viel weniger spezifisch, als wir Experten lange geglaubt haben. Es spielt keine Rolle, ob ein islamistischer Anschlag, eine rechtsterroristische Tat oder ein Amoklauf geschehen. All diese Ereignisse können bei Nachahmer-Tätern den Entschluss zum Handeln hervorrufen. Vielleicht haben sie vorher in ihrer Fantasie das Szenario durchgespielt, vielleicht haben sie sich vorbereitet. 

 

OZ: Beim Täter von München wurde Literatur zum Thema Amok gefunden. Aber warum hat er gerade jetzt gehandelt? Hoffmann: Warum hat der Täter von Würzburg gerade jetzt gehandelt? Warum der von Orlando? 

OZ: Das waren Terroristen, nicht Amokläufer... Hoffmann: ...aber die Übergänge sind fließend. Es gibt keine eindeutige Trennwand zwischen Terror und Amok. Beim Täter von Würzburg kam offenbar eine persönliche Krise, die Trauer über den Tod eines engen Freundes, mit einer latent vorhandenen Radikalisierung zusammen. Der Täter von Orlando hatte vermutlich Kränkungs- und Selbstwertprobleme. Beide haben ihre ideologischen Motive bekundet, aber das haben auch die Schul-Amokläufer von Columbine. Die nannten es die „Revolution der Ausgestoßenen“.

OZ: Könnte sich der Münchner Täter als ein „Ausgestoßener“ gefühlt haben? Er war vermutlich in psychiatrischer Behandlung. Hoffmann: Ich kann keine Fern-Diagnose auf Basis eines Videos und der ersten Ermittlungen der Polizei abgeben.  Oft vermengen sich Realität und Psychosen. Die Täter meinen, sie müssten die Welt retten, indem sie mit der Pistole losziehen, Menschen töten und Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Es gibt etwas, das als das kulturelle Skript einer solchen Gewalttat bezeichnet wird. Das ist bei Terror und Amok sehr ähnlich. Der Täter geht in eine öffentliche Einrichtung, schießt um sich und bewirkt dadurch etwas.

OZ: Was denn bitte? Hoffmann: Maximale Aufmerksamkeit. 

OZ: In der Tat. Noch nie hat ein Amoklauf in Deutschland dazu geführt, dass noch während der Tat internationale Solidaritätsadressen, sogar von US-Präsident Obama, eintrafen. Erhöht das nicht massiv die Gefahr von Trittbrettfahrern? Hoffmann: Ich möchte weder Barack Obama noch sonst einen Politiker für ihre Reaktionen kritisieren. Eine Schießerei in einem Einkaufszentrum am Freitagabend - das folgte dem befürchteten Muster eines terroristischen Anschlags. Aber natürlich erfährt die Tat so eine Erhöhung, die sie früher nicht bekommen hätte. Wenn ein Amokläufer mit der Pistole loszieht, Menschen erschießt und der amerikanische Präsident sofort regiert, dann ist das eine neue Form von Grandiosität.

OZ: Wie wären Trittbrettfahrer jetzt zu vermeiden? Hoffmann: Durch sehr vorsichtige Berichterstattung. Wir raten in solchen Fällen immer: Zeigt nicht das Gesicht des Täters, nennt nicht den Namen. Er soll nicht zur „Berühmtheit“ werden, sondern dem Vergessen anheimfallen. Das kann Nachahmer abschrecken. Ich fand es eine sehr gute Entscheidung, das Gesicht des Täters in dem Video zu verpixeln, das ihn beim Schießen zeigt.

Jens Hoffmann ist Diplom-Psychologe und Amokexperte. Er lehrt an der TU Darmstadt.

Jan Sternberg

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