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Angehende Staatsanwälte trinken für mehr Gerechtigkeit

Rostock Angehende Staatsanwälte trinken für mehr Gerechtigkeit

Rostocker Rechtsmedizin bildet regelmäßig Juristen weiter – dabei fließt viel Alkohol

Rostock. Nüsse in Schälchen, Mixgetränke parat, gut gelaunte Menschen – dennoch ist es keine Party. In der Rechtsmedizin der Universitätsmedizin Rostock lässt Dr. Ricarda Kegler, Leiterin der Forensischen Toxikologie, alle noch mal ins Alkoholtestgerät pusten, bevor es an die „Trinkversuche“ geht.

Was skurril klingt, hat einen ernsten Hintergrund. 13 junge Referendare, angehende Volljuristen, erhalten eine hochprozentige Lektion, um später in ihrem Job Behauptungen von Angeklagten besser prüfen zu können. Eine Weiterbildung also. Trinken für den Erkenntnisgewinn. Erklärtes Ziel sind 0,8 Promille im Blut. Gerade noch so wenig, dass die Kontrolle nicht komplett aussetzt, aber so viel, dass die Selbsteinschätzung der Probanden schon mal danebenliegt. Das Ganze gleichmäßig verteilt über eine Stunde.

Marvin Ziegert (29) hat es sich leicht gemacht. Aus einem Potpourri alkoholischer Getränke wählt er Rum. Macht ein Glas voll, Mischen ist aber erlaubt. Getrunken wird in Staffeln, das erleichtert die Koordination der Tests, die die Referendare zunächst nüchtern absolvieren und später mit erhitzten Gesichtern wiederholen müssen.

Ähnlich wie in einer Polizeikontrolle muss Ziegert auf einer Linie laufen und den Finger-Nase-Test bestehen. 30 Sekunden lässt ihn die Versuchsleiterin dann mit geschlossenen Augen abschätzen. Dass er zwischendurch mit einem Schubser irritiert werden soll, bringt ihn kaum aus dem Konzept.

„Ich nehme jede Aktion mit, die mir später im Job hilft“, sagt er zu seiner Teilnahme am freiwilligen Lehrgang. In ein Testgerät gepustet habe er noch nie, daher wisse er seinen Pegel nach Partys nicht einzuschätzen. Messbecher füllen sich, Ziegert und Kollege Paul Wilhelms (25) mischen ihre Zuteilung Rum mit Cola und stoßen an. Inzwischen spricht ein Rechtsmediziner über Trinkertypen, Alkoholschäden, aber auch über Fehler bei der Messung, die bei Einsatzkräften gar nicht mal so selten vorkommen. Auch falsche Nachtrunkbehauptungen sollen die Referendare einzuordnen wissen. Hat der Unfallfahrer wirklich erst nach dem Vorkommnis aufgetankt, wie er vorgibt, oder war er schon davor stark alkoholisiert? Bei 0,8 Promille ist das Risiko für Verkehrsunfälle bereits vervierfacht. (Die Autorin ist Sprecherin der Uni-Medizin und war zuvor OZ-Redakteurin.)

Kerstin Beckmann

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