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MV aktuell Annes ziemlich beste Freunde
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07:38 11.05.2016
Anne Passehl (28) sitzt schwerstbehindert im Rollstuhl und ihre fünf Pflegerinnen sind ziemlich beste Freunde für sie: (v.l.) Ramona Bauer (55), Maria Friedrich (26), Karin Ludwig (57), Kathleen Berschel (35) und Brita Schneider (48). Quelle: Thomas Mandt

Sie heißen Brita, Ramona, Karin, Maria und Kathleen. Sie sind Pflegeschwestern und kümmern sich um eine schwerstbehinderte junge Frau. „Sie sind Annes ziemlich beste Freunde“, sagt Sabine Passehl, die Mutter der 28-jährigen Anne, die mit offenem Rücken geboren wurde, etliche Operationen hinter sich hat und seit 2010 nach einer Lungenentzündung als Intensivpflegepatientin betreut wird. 24 Stunden, rund um die Uhr.

Zunächst kamen verschiedene Pflegedienste ins Haus der Passehls in Fienstorf bei Rostock. „Es war zum Teil würdelos“, denkt die Mutter, selbst Krankenschwester, zurück. Die Pflegekräfte waren überarbeitet, unzureichend ausgebildet. „Man wusste nie, wer kommt.“ Dann waren Sabine und Detlef Passehl im Kino, im Film „Ziemlich beste Freunde“. Darin sucht ein vom Kopf abwärts gelähmter Mann einen Pfleger, der im Laufe des Films das Leben des Schwerkranken völlig umkrempelt und beide zu ziemlich besten Freunden werden lässt. „Das will ich auch für unser Kind, habe ich nach dem Film gesagt“, erzählt Sabine Passehl. Ihr Mann habe sie für verrückt erklärt: „Wir sind doch keine Millionäre.“

Doch die 58-Jährige hat recherchiert, sich umgehört, Kontakte gesucht. Sie stieß auf das „persönliche Budget“ — Geldleistungen der Kassen, mit denen Behinderte die Aufwendungen zur Deckung ihres persönlichen Hilfebedarfs bezahlen können. Mit Unterstützung einer Budgetberaterin haben die Eltern die Leistungen für die Krankenkasse kalkuliert. „Dabei kam heraus, dass die angestrebte individuelle Betreuung monatlich noch um 8000 Euro günstiger ist als die Leistungen des Pflegedienstes“, sagt Sabine Passehl. Nach einigem Murren habe die Kasse dem Passehl‘schen Pflegemodell zugestimmt.

Das Team von fünf Pflegeschwestern wurde zusammengestellt. Im Zwölf-Stunden-Rhythmus betreuen sie die schwerstbehinderte junge Frau, die inzwischen in einer eigenen Wohnung in Rostock lebt. Waschen, Duschen, künstliche Ernährung, Wassergaben, Sauerstoffversorgung, alle vier Stunden Blasenkatheterisierung, hauswirtschaftliche Arbeiten, Freizeitbeschäftigung, Urlaubsfahrten. Sie begleiten Anne von Montag bis Donnerstag zur Arbeit in die Behindertenwerkstatt, „weil sie auch dort pflegerisch versorgt werden muss“, erzählt Ramona Bauer, die als Altenpflegerin jahrelang in Heimen und Häuslichkeit gearbeitet hat. Nun ist die 55-Jährige froh, ruhiger arbeiten zu können, Zeit zu haben für die Patientin. „Nicht mehr Leute am Fließband abarbeiten“, ist Karin Ludwig (57) froh. Sie hat erst mit 50 Jahren zur Altenpflegerin umgeschult und ihre Einsätze in der Haus- und Heimpflege als sehr stressig empfunden. „Keine aufwendigen Dokumentationen mehr“, freut sich Brita Schneider (48), die auch in Heimen tätig war.

Anne hat zu jeder Pflegerin eine besondere Beziehung. Mit Maria (26) geht sie shoppen, mit Ramona schaut sie Fotoalben an, mit Brita wird geputzt. „Sie ist ausgeglichener, zufriedener“, bemerkt die Mutter, die die Dienstpläne schreibt, das Budgetgeld für Anne verwaltet. Ein Happy End wie im Film: „Am Ende profitieren alle. Wir wissen Anne in guten Händen, können mal wieder was unternehmen, die Pflegerinnen arbeiten ruhiger und werden besser bezahlt als bei den Diensten“, so Sabine Passehl.

Persönliches Budget

Das persönliche Budget ist eine Leistungsform, bei der behinderte Menschen von den Leistungsträgern in der Regel eine Geldleistung anstelle von Dienst- oder Sachleistungen erhalten. Mit diesem Budget bezahlen sie die Aufwendungen, die zur Deckung ihres individuell festgestellten Hilfebedarfs erforderlich sind. Menschen mit Handicap haben einen Anspruch auf Leistungen zur Rehabilitation und gleichberechtigten Teilhabe. Und sie haben ein Recht darauf, über ihr Leben selbst zu bestimmen. In der Regel erhalten Budgetnehmer am Monatsanfang ihr Budget für den ganzen Monat. Damit kaufen sie sich dann selbst die Leistungen ein, wie zum Beispiel Assistenzen.

Von Doris Kesselring

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