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MV aktuell Vorstand: „Arzt entscheidet über das Patientenwohl“
Nachrichten MV aktuell Vorstand: „Arzt entscheidet über das Patientenwohl“
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11:36 28.08.2018
Vorstandschef Prof. Max Peter Baur, Marie le Claire, Kaufmännischer Vorstand, Klinikdirektor Prof. Winfried Barthlen und Pflegevorstand Peter Hingst stellten sich dem Fotografen vor dem Haupteingang der Unimedizin Greifswald. Quelle: Christian Rödel
Greifswald

Der Mangel an Pflegepersonal lähmt Bereiche der Unimedizin Greifswald. Lange Wartezeiten auf Behandlungstermine, die hohe Belastung von Ärzten und Schwestern – Probleme gibt es reichlich. Andererseits verfügt der größte Arbeitgeber der Region über eine moderne Infrastruktur, viele Top-Mediziner und bundesweit anerkannte Spitzenleistungen in Forschung und Lehre. Über den Spagat zwischen Ökonomisierung der Medizin und dem Kampf um das Patientenwohl sprach die OSTSEE-ZEITUNG mit dem Vorstandsvorsitzenden Prof. Dr. Max Peter Baur, Marie le Claire, Kaufmännischer Vorstand, dem Vorsitzenden der Klinikdirektoren-Konferenz, Prof. Dr. Winfried Barthlen, und Pflegevorstand Peter Hingst.

Personalmangel, insbesondere im Pflegebereich, gefährdet die Versorgung der Patienten beispielsweise in der Poliklinik der Inneren Medizin A und der Poliklinik für Hautkrankheiten. Wie können Sie dagegen ansteuern?Prof. Baur: Der  Fachkräftemangel existiert. Wir haben, wie in ganz Deutschland, Rekrutierungsprobleme. Es fehlen nicht nur gut ausgebildete Schwestern, sondern auch Fachärzte. Die Problematik kann aber nicht nur in einer Richtung betrachtet werden. Die Unimedizin Greifswald war in den vergangenen Jahren  erfolgreich bei der Gewinnung neuer Professoren. So haben wir mit Prof. Dr. Agnes Flöel erstmals eine Direktorin, die die Klinik und Poliklinik für Neurologie leitet. Sie kam aus der Charité in Berlin. Das ist ein Beispiel dafür, wie attraktiv es hier sein kann. Berufungsverfahren in den Bereichen Orthopädie und Augenklinik laufen.

Prof. Barthlen: Ob in Berlin, München, Hamburg – überall werden Fachärzte gesucht. Das gilt nicht nur für meinen Bereich der Kinderchirurgie. Wir müssen versuchen, attraktiver zu sein als die anderen. Dazu gehören die Wertschätzung der Arbeit und das in Einklang bringen von Arbeits- und Privatleben.

Ist abzusehen, wann Sie hinsichtlich des Fachkräftemangels über den Berg sind?Marie le Claire: Wir verzeichnen in allen Bereichen Fluktuation. Momentan ist aber der Großteil der Stellen besetzt. In der Inneren Medizin gibt es Probleme, die nicht zuletzt durch die Urlaubszeit bedingt sind. Wenn dann noch Krankheitsfälle dazu kommen, wird es  knapp. Wir schauen, dass wir alle akuten Fälle versorgen können.

Patienten warten zum Beispiel in der Inneren Medizin Monate auf einen Behandlungstermin. Wie wollen Sie Wartezeiten abbauen?Marie le Claire: Hier muss man etwas differenzieren. Wir haben unterschiedliche Fachschwerpunkte, also auch unterschiedliche Fachsprechstunden. Gerade die Innere Medizin A versorgt auch Patienten, die unter gastrointestinalen Tumoren (zum Beispiel Magenkrebs, d. R.) leiden. Hier gibt es keine Wartezeiten. Die Probleme haben sich durch die Urlaubszeit und Krankheitsausfälle verschärft. Langfristig wird sich die Lage entspannen.

Prof. Baur: Ein Notfall wird immer sofort behandelt. Die chronisch kranken Personen erhalten die Behandlung zeitnah. Im Vordergrund steht, dass Kranke, die sofort Hilfe benötigen, diese auch erhalten.

Vollversorger in VorpommernDie Unimedizin Greifswald und ihre Töchterfirmen beschäftigen aktuell rund 4500 Mitarbeiter. Der einzige Vollversorger in Vorpommern ist von größter Bedeutung für die medizinische Versorgung. Er besitzt 21 Kliniken und 19 Institute. Bis Jahresende soll die Unimedizin über 1003 Betten verfügen. 20 neue Betten für die Psychiatrie wurden 2018 in Betrieb genommen. Die durchschnittliche Verweildauer sank von 6,6 auf 6,5 Tage je Patient. Die Fallzahl entspricht mit 35 369 Patienten fast der von 2016 (35 608). Zudem wurden 115 735 Patienten ambulant und 1950 teilstationär behandelt.

Die  Unimedizin muss  besondere Probleme meistern. Hierher werden die sehr schweren Fälle durch kleine Kliniken überwiesen. Welche Pauschalen erhält die Unimedizin bei stationär und ambulant behandelten Patienten?Marie le Claire: Das hängt von der Ambulanz ab und davon, um welche stationären Fälle es geht. Das InEK-System (Siehe Kasten, d. R.) ist sehr differenziert im Sinne von komplex, was zu unterschiedlichen Vergütungen führt. Es ist auch ein Problem der Dokumentation gegenüber den Krankenkassen. Es wird zunehmend schwieriger und befördert Dispute, etwa mit dem Medizinischen Dienst der Krankenversicherung (MDK).

Worüber wird gestritten?Marie le Claire: Es geht darum, ob an dieser Stelle tatsächlich das erbracht worden ist, was abgerechnet wurde. Da hat das System die eine oder andere Schwäche. Denn es geht mehr darum, ob man alles aufgeschrieben hat, als um die Frage, ob der Patient an dieser Erkrankung litt. Ein klassisches Beispiel ist das Thema Nierenversagen. Wenn Sie anhand der Laborwerte sehen, dass der Patient daran leidet, dann reicht das für den MDK nicht aus. Sie müssen aufschreiben, in dem Laborwert ein Nierenversagen erkannt und deshalb z.B. mehr Flüssigkeit zugeführt zu haben. Nur wenn Sie das aufschreiben, dürfen Sie abrechnen. Fehlt der Satz, lehnt der MDK die Vergütung ab. Und dies, obwohl die MDK-Mitarbeiter anhand der Laborwerte das Problem erkennen.

Prof. Barthlen: Hat sich ein Kind verbrüht, kann ich nicht erst Blut abnehmen lassen, um zu erkennen, dass aufgrund der erhöhten Werte eine Flüssigkeitszufuhr nötig ist. Ich gebe sofort Flüssigkeit und nehme dann Blut ab. Dies führt zu verbesserten Blutwerten, die die ursprüngliche abrechnungsrelevante pathologische Konstellation nicht mehr zeigen. Ich muss also finanzielle Einbußen in Kauf nehmen.

Wenn hocheffizient arbeitende Bereiche Ihres Hauses handlungsunfähig sind, werden die betriebswirtschaftlichen Ergebnisse 2018 schlechter – ein Teufelskreis?Marie le Claire: Wir analysieren in jedem Bereich die Erlöse. Dementsprechend erhält jeder das entsprechende Stellenbudget.

Prof. Baur: Eine unserer Besonderheiten ist der Status als Universitätsmedizin. Das heißt, wir wollen und müssen alle klinischen Bereiche für die Krankenversorgung, aber auch für Forschung und Lehre im vollen Umfang vorhalten. Die Einheit von Krankenversorgung, Lehre und Forschung muss gewahrt sein, sonst sind wir keine Unimedizin mehr. Diese Einheit macht uns aber besonders stark im Hinblick auf die Vielfalt der vorhandenen Kompetenzen.

Prof. Barthlen: Universitäten unterliegen einem besonderen Strukturwandel, etwa durch die veränderte Demografie. Wir müssen uns darauf einstellen. Das ist mitunter ein schmerzhafter Prozess.

Der Druck von allen Seiten wächst. Ein Beispiel stellt die Verweildauer der Patienten dar. Alljährlich wird diese neu errechnet. Warum sollen Ihre Kliniken diesen Wert noch um 15 Prozent unterschreiten?Prof. Barthlen: Dieses Denken ist mir und allen meinen Kollegen fremd. Die Verweildauer richtet sich nach dem medizinischen Zustand des Patienten. Wir können aufgrund neuer OP-Verfahren die Verweildauer verkürzen, aber nicht, weil wir Gewinne erwirtschaften wollen, sondern weil wir besser werden. Die Verweildauer ist und bleibt eine medizinische Entscheidung. Allein der Arzt entscheidet über das Patientenwohl!

Damit erfüllen Sie Ihr  Gelöbnis als Arzt. Dieser darf „hinsichtlich der ärztlichen Entscheidungen keine Weisungen von Nichtärzten entgegennehmen“.Prof. Barthlen: Das trifft zu.

Der Vorstand machte also keine Vorgabe, die Verweildauer zu unterschreiten?Prof. Barthlen: Nein. Wir entscheiden rein nach medizinischen Gesichtspunkten.

Marie le Claire: Auf der Gesamtebene schauen wir uns die Verweildauer an. Das InEK-System finanziert eine durchschnittliche Verweildauer über das gesamte Bundesgebiet. Es gibt einen gewissen Zeitversatz zwischen Datenerhebung und dem Zeitpunkt, wann sie in der Finanzierung abgebildet ist. Diesen betrachten wir. Dänemark hat beispielsweise eine durchschnittliche Verweildauer von 3,5 Tagen. Hierzulande sind es 6,5 Tage. Eine kürzere Verweildauer heißt nicht automatisch eine schlechtere medizinische Versorgung, denn Dänemark ist da sehr gut aufgestellt.

Ihnen werden Leistungen von den Kassen regelmäßig gestrichen. Das passiert, wenn Patienten am Vortag auf die OP vorbereitet werden, weil diese aufgrund der langen Wege nicht am gleichen Tag zur Klinik gelangen. In Großräumen wie Hamburg oder Berlin ist dies oft einfacher möglich. Ein Unding?Marie le Claire: Die Idee der Kasse ist: Wenn an dem Tag nichts gemacht wird, zahlen wir nicht. Wir versuchen beispielsweise bei der OP-Plangestaltung weitere Anreisen zu berücksichtigen.

Sie erfassen aber bei der Aufnahme die Daten der Patienten und checken den Gesundheitszustand.Prof. Barthlen: Wenn ich meine, dass es dem Kind besser geht, wenn es am Vortag des Eingriffs in der Klinik erscheint, wird es einen Tag vorher aufgenommen. Dies geschieht wohl wissend, dass uns dieser Tag gestrichen wird.

Erfasst die Unimedizin die Arbeitszeit der Ärzte?Marie le Claire: Ja. An der elektronischen Erfassung für alle Berufsgruppen arbeiten wir derzeit.

Ober- und Assistenzärzte leisten viele angeordnete, also zusätzliche  Dienststunden. Gibt es Beschwerden hinsichtlich der Vergütung?Marie le Claire: Wir haben Beschwerden, wenn Überstunden anfallen und diese nicht durch Freizeit ausgeglichen werden können, zum Beispiel wenn bestimmte Stellen nicht besetzt werden können.

Sie wollen einen eigenen Lehrstuhl für die Schwesternschaft schaffen. Wann ist dies geplant? Peter Hingst: Der Start soll 2020 erfolgen. Greifswald bildet an der Berufsfachschule seit Jahren die examinierte Krankenpflegekraft aus. Die Zahl der Abiturientinnen jedoch steigt. Diese suchen einen Studienberuf. Mit einer Arbeitsgruppe des Landes haben wir ein Konzept erarbeitet, wie man den Pflegeberuf ,studierbar’ machen kann.

Verweildauer der Patienten Wie alle Kliniken bundesweit kämpfen auch die Uni-Mediziner in Greifswald mit den Vorgaben zur sogenannten Verweildauer der Patienten. Worum handelt es sich hier konkret: Für alle stationären behandelten Patienten in Deutschland wird für sogenannte Krankheitsgruppen eine mittlere Verweildauer errechnet. Diese basiert auf den Durchnittswerten aller deutschen Krankenhäuser, die jeweils zwei Jahre vorher angefallen sind. Die Berechnung nimmt das InEK-Institut Siegburg (Nordrhein-Westphalen) für das Entgeltsystem jährlich vor.

Volker Penne Alexander Löw

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