Menü
Ostsee Zeitung | Ihre Zeitung aus Mecklenburg-Vorpommern
Anmelden
MV aktuell Chefs protestieren gegen Abschiebungen ihrer Mitarbeiter
Nachrichten MV aktuell Chefs protestieren gegen Abschiebungen ihrer Mitarbeiter
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
In der Gastronomie gibt es im Nordosten besonders viele freie Stellen. Nicht-EU-Ausländer einzustellen ist schwierig. Quelle: Hannes Ewert
Rostock

Alexander Vorobyov sagt, er habe oft Angst. Der Ukrainer lebt mit seiner Frau und drei Kindern in Röbel an der Müritz. „Sie können jeden Tag kommen und uns abholen“, erzählt er in gebrochenem Deutsch am Telefon. Die Asylanträge der Familie, deren Wohnung in Donezk eine Bombe zerstört hat, wurden abgelehnt, wie bei fast allen Ukrainern. Dennoch sah ihre Welt vor ein paar Wochen noch freundlich aus: Er und seine Frau hatten Arbeit im Müritzer Strandhotel. Ihr Chef war froh, endlich Arbeitskräfte gefunden zu haben. 

Der ehemalige Manager und die Ex-Buchhalterin bereiteten Mahlzeiten vor, brachten Teller an die Tische, nebenbei qualifizierten sie sich weiter. Dann kam der Brief von der Neubrandenburger Ausländerbehörde, der die Arbeitserlaubnis für das Ehepaar aufhob. Hotelbesitzer Gunnar Redmer kämpfte dagegen an, vergeblich. Seitdem leben die Vorobyovs von Sozialhilfe und warten auf die Abschiebung. Weil sie nicht mehr arbeiten dürfen, musste das Strandhotel sein Speisenangebot verkleinern, der Umsatz schrumpfte monatlich um einen fünfstelligen Betrag.

Vorobyov kennt ein halbes Dutzend ukrainische Familien in MV, denen es ähnlich geht, unter anderen in Bergen auf Rügen und in Rostock. Sie haben Jobs, die sonst niemand machen will oder kann, liegen nicht dem Staat auf der Tasche, müssen aber ausreisen. „So etwas passiert oft“, sagt Isabell Wresch, Integrationsbeauftrage der Industrie- und Handelskammer Rostock. Sie geht von einer Fallzahl im „unteren Hunderterbereich“ in ihrem Kammerbezirk aus. Es sei logisch schwer zu verstehen, was da passiert, meint sie.

Gut integrierte Familie muss gehen

Wie bei der vierköpfigen Familie Sereda. „Die Hoffnung stirbt zuletzt“, sagt Roland Vagt, Inhaber einer traditionsreichen Elektrofirma in Ribnitz-Damgarten und Arbeitgeber von Vladislav Sereda. Seit einem Jahr arbeitet der 40-jährige Ukrainer in Vagts Betrieb. Der Chef ist zufrieden mit ihm und darüber, endlich eine Fachkraft gefunden zu haben. Doch auch die Seredas dürfen nicht in Deutschland bleiben. Das ginge nur, wenn Vladislav eine Ausbildung anfinge, so die Stralsunder Ausländerbehörde. Was sie aber nicht genehmigt, weil er in der Ukraine bereits eine einjährige Ausbildung absolviert hat – obwohl diese Deutschland nicht anerkannt wird. Auch das sei für Außenstehende kaum zu verstehen, meint IHK-Expertin Wresch.

Sereda hat eine Frau und zwei Söhne. Die Familie gilt als bestens integriert, der jüngste Sohn ist Jahrgangsbester in der Schule, er und sein Bruder tanzen beim Folklore-Ensemble „Richard Wossidlo“. Für den 29. Oktober hat ihr Vater Flugtickets gekauft, um seiner Familie das Trauma zu ersparen, nachts von Polizisten abgeholt und ins Flugzeug gesetzt zu werden. Die Kinder sind verzweifelt. Und Firmenchef Roland Vagt ist sauer: Leute, die bleiben sollten, werden abgeschoben, weil die Behörden sie jederzeit in ihren Wohnungen finden. Nicht aber „irgendwelche Schurken, die mit Drogen handeln und sich irgendwo verstecken“. Der Unternehmer hat Angela Merkel geschrieben, mit der Bitte, der Familie zu helfen.

Schlechtere Chancen für Zuwanderer in MV

Theoretisch könnten die Seradas als freiwillig Ausgereiste nach ihrer Rückkehr in der Ukraine gleich Arbeitsvisa für Deutschland beantragen. Doch weil Vladislav Serada nach deutschen Regeln als Ungelernter gilt, hat er kaum eine Chance. Dieser Weg nach Mecklenburg-Vorpommern ist ohnehin besonders steinig. Als einziges Bundesland hat sich MV 2016 entschlossen, die sogenannte Vorrangprüfung beizubehalten.

Firmen im Nordosten, die einen Ausländer aus einem Nicht-EU-Land einstellen wollen, müssen deshalb noch immer aufwendig nachweisen, dass kein Deutscher den Job machen wurde. In der Praxis bedeutet das eine sehr hohe Hürde, heißt es bei der IHK: Es könne schon eng werden, wenn in dem jeweiligem Beruf einige Personen offiziell arbeitssuchend gemeldet sind, obwohl sie vielleicht gar nicht arbeiten wollen oder können. IHK und der Gastronomieverband Dehoga fordern, dass die Vorrangprüfung abgeschafft wird. Das Schweriner Wirtschaftsministerium verweist auf das geplante Bundesgesetz zur Fachkräftezuwanderung. Laut einem Entwurf könnte die Prüfung damit künftig entfallen.

Weiterlesen:
Kommentar – Es trifft die Falschen

Gerald Kleine Wördemann

MV aktuell Sonderschau in Güstrow - Das Ende des Ersten Weltkriegs

Mit der neuen Sonderausstellung „Der Große Krieg im Kleinformat“ nimmt die Ernst Barlach Stiftung Bezug auf das Ende des Krieges vor 100 Jahren.

11.10.2018

Autofahrer sollen voraussichtlich ab Dezember wieder auf einer Spur je Richtung die Mega-Baustelle auf der A 20 bei Tribsees passieren können. Damit würde auch die Umleitung des gesamten Autobahnverkehrs durch mehrere Dörfer entfallen.

11.10.2018
MV aktuell Schulen in Mecklenburg-Vorpommern - Schüler belegen lieber Spanisch als Russisch

Lange Zeit hielt sich Russisch auf Platz drei der beliebtesten Fremdsprachen an Mecklenburg-Vorpommerns Schulen - jetzt hat Spanisch diesen Platz inne.

11.10.2018