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MV aktuell Auf dem Kamel zum Zahnarzt
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07:00 05.10.2017
Zahnärztin Sabine Reinhardt mit einer kleinen mongolischen Patientin. Quelle: Foto: Privat
Rostock

Am Ende waren es 236 gezogene Zähne: So lautet die Bilanz der Rostocker Zahnärztin Sabine Reinhardt nach ihrem humanitären Einsatz in der Mongolei. Für die Organisation „Zahnärzte ohne Grenzen“ war die 53-Jährige jetzt schon zum zweiten Mal in dem ostasiatischen Land, um den Mongolen auf den Zahn zu fühlen.

Zahnärzte helfen grenzenlos

55Zahnstationen in zwölf Ländern betreibt die Stiftung „Zahnärzte ohne Grenzen“.

930 Zahnärzte und Helfer behandelten dabei seit dem Jahr 2004 rund 167000 Patienten. Die Stiftung finanziert sich weitgehend über Spenden, die Zahnärzte arbeiten kostenlos und müssen auch ihre Reisekosten selber tragen.

Zähne zu ziehen war dabei freilich nicht die Hauptaufgabe, sondern nur das letzte Mittel, erklärt Sabine Reinhardt. Wie auch in Deutschland stand die Erhaltung der Zähne im Vordergrund. Doch das war nicht immer möglich: „Die Zähne unserer Patienten waren teilweise in einem katastrophalen Zustand“, berichtet Reinhardt. Zähneputzen sei zwar auch in der Mongolei normal, allerdings würden die Menschen dort teilweise den ganzen Tag Süßigkeiten essen, was zu Karies führe. „Viele wissen gar nicht, wie schädlich Zucker ist.“

Eigentlich hatte sich das deutsche Team, das aus fünf Zahnärzten und einer Helferin bestand, zur Regel gemacht, pro Patient nur drei Zähne zu behandeln. „Sonst hätten wir gar kein Ende gefunden“, erklärt die Rostockerin.

Doch angesichts der teilweise schlimmen Schäden wichen die Dentisten auch ab und zu von dieser Regel ab. Angesiedelt war die Hilfsmission in einer Kleinstadt unweit der mongolischen Hauptstadt Ulan Bator. „Dort gab es ein Krankenhaus mit einer Zahnstation, in der wir arbeiten konnten“, sagt Reinhardt. „Diese war allerdings schlecht eingerichtet, so dass wir viel Material aus Deutschland mitbringen mussten.“

Die Ankunft der deutschen Zahnärzte sprach sich schnell herum, und die Patienten reisten aus der ganzen Region an, um sich behandeln zu lassen. „Sie kamen mit dem Auto, mit dem Motorrad oder auch mal auf dem Kamel.“

Dabei lernte die Rostockerin auch Einheimische kennen, etwa beim Besuch einer Familie, mit der eine der mongolischen Kolleginnen verwandt war. Von ihr wurden die Deutschen in der Jurte, dem traditionellen mongolischen Wohnzelt, begrüßt. „Wir mussten uns an einige Regeln halten. So durften wir nicht auf die Schwelle der Jurte treten“, berichtet die Zahnärztin. Denn das bringt nach mongolischer Überlieferung Unglück. „Es war gerade die Jahreszeit, als die Stuten gemolken wurden“, erinnert sich Reinhardt. Jede Stunde musste die Tochter der Familie auf die benachbarte Koppel, um dort vorsichtig das Fohlen von der Mutter zu trennen und eine kleine Menge Milch zu gewinnen. „Es war bemerkenswert, mit welcher Anmut und Würde die junge Frau ihre Arbeit machte“, erinnert sich Reinhardt.

Tags darauf kamen die Familienmitglieder geschlossen in die Zahnstation, um sich behandeln zu lassen. „Ich habe sie kaum wiedererkannt, denn in der Jurte hatten sie die traditionelle mongolische Kleidung getragen. Bei uns hatten sie dann Straßenkleidung an.“ Nur den Familienvater erkannte Reinhardt gleich an einem – in wahrsten Sinne des Wortes – hervorstechenden Merkmal: „Er war vor Jahren von einem Pferd getreten worden und hatte einen schiefen Zahn, der nach vorne wegstand.“

Nach seinem Besuch in der Klinik war der Mann dieses Merkmal los. Kurz vor Ende des Aufenthalts hatte Reinhardt noch eine ganz besondere Patientin: „Eine einheimische Zahnärztin, mit der wir zusammengearbeitet hatten, bat mich, ihre Zähne zu behandeln“, sagt Reinhardt. Das war auch dringend nötig: „Zwei oder drei Zähne waren sehr stark geschädigt.“

Die Rostockerin musste ihr ganzes Können und Wissen aufbieten und auch improvisieren, um ihrer Kollegin bei dieser schwierigen Aufgabe zu helfen. „Solche Füllungen wie bei ihr habe ich noch nie gelegt“, gibt sie zu. Aber am Ende konnte die Frau, wie auch die vielen anderen mongolischen Patienten, wieder lächeln.

Axel Büssem

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