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MV aktuell Auswanderer wollten der Armut entfliehen
Nachrichten MV aktuell Auswanderer wollten der Armut entfliehen
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00:00 15.04.2017
Das historische Rathaus von Grabow (Ludwigslust-Parchim) beherbergt das Stadtarchiv mit vielen Dokumenten über die Armutsflucht im 19. Jahrhundert.

Unter dem Dach des 300 Jahre alten Grabower Rathauses liegt, sorgsam verpackt in zwölf Spezialkartons, ein Schatz. Mit weiß behandschuhten Händen nimmt Christian Krautz vorsichtig ein Buch heraus und schlägt es auf. „Register von Auswanderern über den Agenten Dincklage Grabow 1855 – 1897“ steht auf dem altersdunklen Deckel. Darin sind in akkurater Kontorschrift Hunderte von Schicksalen aufgeführt – 123 Ausreisen nach Amerika sind allein über diesen Agenten für das Jahr 1868 vermerkt. Oft verbergen sich dahinter ganze Familien.

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Im 19. Jahrhundert verließen viele Familien Mecklenburg–Vorpommern / Grabows Stadtarchiv erhält Anfragen von Nachfahren der damaligen Flüchtlinge

Unter der Nummer 88 sind die Schröders aus Glaisin bei Ludwigslust notiert. Am 30. September 1868 stach die Familie an Bord der „Germania“ in Hamburg nach New York in See: Johann Joachim Schröder, 58, seine Frau Dorothea, 45, und die gemeinsame Tochter Elisabeth, 21. Die drei gehören zu den etwa 200000 Mecklenburgern, die im 19. Jahrhundert der Armut, Perspektiv- und Rechtlosigkeit ihrer Heimat entfliehen wollten und auf ein Stück eigenes Land in Amerika hofften.

Ob sich ihre Sehnsüchte erfüllt haben? „Das kann ich nicht sagen“, sagt der studierte Philosoph Krautz, der im Stadtarchiv Grabow derzeit den Beruf des Archivars erlernt. „Wir verwahren lediglich die Akten.“ Für Nachfahren von Auswanderern, Historiker und Ortschronisten ist das Archiv im Dachgeschoss des Fachwerk-Rathauses eine Fundgrube. Fünf Anfragen gebe es im Schnitt monatlich, seit die Akten restauriert wurden und die Presse darüber berichtet hatte, sagt Krautz. Davor seien es weniger gewesen.

Der Aktenschatz von Grabow enthält für jede Auswandererfamilie eine Bescheinigung über den Kauf der Tickets. Daraus geht hervor, dass Familie Schröder 165 Preußische Taler für die Passage nach New York zu entrichten hatte, davon 60 Taler sofort beim Agenten Dincklage, den Rest bei Abfahrt des Schiffes in Hamburg. Die Witwe Friederike Hinz aus Dambeck bei Grabow brach mit sechs Kindern im Alter zwischen 4 und 20 Jahren in die Neue Welt auf.

Der prominenteste Ausreisewillige in den Grabower Akten ist zweifellos Carl Wiedow (1847–1913). Der Tagelöhner kehrte 1868 im Alter von 21 Jahren seiner Heimat den Rücken. Aus Amerika schrieb er seinem ehemaligen Dorfschullehrer in Glaisin Briefe über das Ankommen, die erste harte Zeit als Farmhelfer, die neuen Sitten, die Gründung einer eigenen Farm, über Rückschläge und Vorankommen. Der Sohn des Lehrers, Johannes Gillhoff (1861-1930), nutzte die Briefe später als Quelle für seinen Auswanderer-Roman „Jürnjakob Swehn der Amerikafahrer“. Das von feinem Humor durchzogene Buch erschien vor genau 100 Jahren, 1917, und avancierte zwischen den beiden Weltkriegen zum Bestseller, wie Hartmut Brun von der Gillhoff-Gesellschaft erzählt. „Die Gesamtauflage hat die Millionengrenze weit überschritten.“

Es wurde in viele Sprachen übersetzt, darunter ins Englische, Französische, Norwegische, Dänische und Arabische. Hundert Jahre nach seinem Erscheinen ist es noch immer auf dem Markt. Eine Ausgabe ist beim Deutschen Taschenbuchverlag (dtv) lieferbar. Das Buch ist aktueller denn je, lässt es doch Fluchtursachen und dem Aufstiegswillen von Migranten lebendig und nachvollziehbar werden.

Carl Wiedow ist der Aufstieg in Amerika gelungen, schenkt man dem Roman Glauben. Briefe von erfolgreich in der neuen Heimat Angekommenen waren nicht selten. „Sie lösten regelrechte Kettenauswanderungen aus“, sagt der Genealoge Karl-Heinz Steinbruch, der für Auftraggeber in aller Welt Spuren von Vorfahren in Deutschland sucht. „Einer oder zwei gingen voran. Sie schrieben nach Hause, dass es ihnen gut geht, und das halbe Dorf zog nach.“ Mit der Gründung des Deutschen Reiches 1871 ebbte die Auswanderungswelle ab. Gründe waren neue Freiheiten und eine bessere Wirtschaftslage.

Iris Leithold

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