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Bluthochdruck: Prozess gegen KZ-Sanitäter vertagt

Neubrandenburg Bluthochdruck: Prozess gegen KZ-Sanitäter vertagt

Der Angeklagte Hubert Z. soll krank sein / Das Auschwitz-Komitee vermutet eine Verzögerungstaktik / Dem 95-Jährigen wird tausendfache Beihilfe zum Mord vorgeworfen

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Großes Medieninteresse beim gestrigen Prozessauftakt in Neubrandenburg. Im Bild: Cornelius Nestler, der Vertreter der Nebenklage (r.).

Quelle: Norbert Fellechner

Neubrandenburg. Die Stimmung vor dem Landgericht Neubrandenburg ist aufgeheizt: Straßen sind abgesperrt, Polizisten durchsuchen alles und jeden. Plakate vor dem Eingang erinnern an Auschwitz-Birkenau, das größte Vernichtungslager während der Zeit des Nationalsozialismus. Dort soll Hubert Z., ein Mann aus der Nähe von Neubrandenburg, 1944 als KZ-Sanitäter Beihilfe zum Mord geleistet haben — in mindestens 3681 Fällen.

Millionen Tote

Das Konzentrationslager Auschwitz war ein nationalsozialistischer Lagerkomplex, der eine Doppelfunktion als Konzentrationslager und Vernichtungslager hatte. Die SS betrieb es von 1940 bis 1945 am Westrand der polnischen Stadt Oswiecim (deutsch: Auschwitz). Die Zahl der Todesopfer wird auf 1,1 bis 1,5 Millionen geschätzt.

Fast 72 Jahre später soll sich der hochbetagte Mann vor Gericht verantworten. Da die meisten Zeitzeugen mittlerweile verstorben sind, könnte es einer der letzten Prozesse gegen ehemalige KZ-Schergen werden. Doch beim gestrigen Prozessauftakt bleibt der Stuhl des Angeklagten leer. Eine Notärztin hat ihn kurzfristig für verhandlungsunfähig erklärt: Z. leide an Bluthochdruck und habe Suizidgedanken. Als das im Gericht verkündet wird, ist die Enttäuschung unter den Zuschauern groß. Sie sind aus der ganzen Welt angereist, für viele ist der medizinische Befund eine weitere Verzögerungstaktik — auch für Christoph Heubner vom Internationalen Auschwitz Komitee mit Sitz in Berlin: „Das ist eine Respektlosigkeit gegenüber den Opfern.“ Heubner hat zwei große Plakate vor dem Eingang postiert und hätte gern erfahren, wie Z. in die KZ-Mord-Maschinerie hineingeraten ist. „Noch hat er dazu die Möglichkeit. Er könnte vor allem junge Leuten seine Fehler erklären und ihnen damit sagen: Macht es besser!“

Doch sich der Anklage zu stellen, dazu soll Z. zurzeit weder körperlich noch geistig in der Lage sein. „Ich kann nicht mehr, ich bin am Ende“, hat Z. zur Notärztin gesagt. Gerufen haben sie am Sonnabend seine Söhne, da ihr Vater regungslos auf der Bettkante verharrte. Vom 15. August bis zum 14. September 1944 war Z. Unterscharführer in der SS-Sanitätsstaffel in Auschwitz-Birkenau. Laut Anklage sei er dabei gewesen, als mindestens 14 Deportationszüge im Vernichtungslager ankamen, darunter einer mit dem jüdischen Mädchen Anne Frank, deren Tagebuch später weltberühmt wurde. Von den Häftlingen, die in der Zeit ins KZ gebracht wurden, sollen 3681 in Gaskammern ermordet worden sein. Im Falle einer Verurteilung drohen Z. drei bis 15 Jahre Haft.

Die Frage „Ist Z. verhandlungsfähig oder nicht?“, beschäftigt die Gerichte seit Monaten. 2015 hat die Schwurgerichtskammer eine Eröffnung des Verfahrens wegen seines angeblich schlechten Gesundheitszustandes abgelehnt. Das Oberlandesgericht ließ daraufhin ein neues Gutachten anfertigen und ordnete die Verhandlung an. Dass der Anklagte gestern nicht zur Prozesseröffnung erschienen ist, hat Staatsanwalt Thomas Bardenhagen nicht überrascht: „Er ist ein hoch betagter Mann und die Verhandlung eine Belastung, aber hohen Blutdruck kann jeder aufgeregte Mann haben.“

Der Prozess ist auf den Vormittag des 14. März vertagt worden. Wenige Stunden davor sollen zwei Ärzte Z. untersuchen. Für seinen Verteidiger Peter-Michael Diestel steht fest: „Mein Mandant ist einem Prozess nicht mehr gewachsen.“ Z. sei bereits bestraft worden und stehe unmittelbar vor dem höchsten Richter. Laut Diestel sei Z. nach dem Krieg in Polen für einen Einsatz im KZ zu vier Jahren Haft verurteilt worden und habe die Strafe verbüßt. In dem jetzt verhandelten Zeitraum habe der Sanitäter nur SS-Angehörige betreut. Christopher Heubner vom Internationalen Auschwitz Komitee sieht das anders: Z. sei wegen seiner Mitgliedschaft in der Waffen-SS verurteilt worden, „nicht wegen der Taten in Auschwitz“.

 



Kerstin Schröder

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Neubrandenburg
Ein Schild mit der Aufschrift «Halt!» im ehemaligen Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau.

Eine Ärztin hat den Hubert Z. (95) unmittelbar vor dem Beginn des Verfahrens vor dem Landgericht Neubrandenburg für verhandlungsunfähig erklärt. Der Rentner ist angeklagt, bei der Ermordung von mehr als 3600 Menschen in Auschwitz geholfen zu haben.

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