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00:10 03.05.2018
Nach fünf Tagen Einsatz und Brandwache am Wismarer Markt rückt die Berufsfeuerwehr ab.
Wismar

Der Gestank beißt in der Nase – und man wird ihn so schnell nicht wieder los. Ein Gerüst aus Holzbalken hält zusammen, was das verheerende Feuer von zwei Häusern mitten in der Wismarer Altstadt nicht zerstört hat. Viel ist es nicht. Gestern konnte die Feuerwehr nach sechs Einsatztagen abrücken. Nun übernimmt die Polizei und ermittelt, wie es zu dem Unglück kommen konnte.

Nach dem verheerenden Feuer in der Wismarer Altstadt sind die letzten Glutnester beseitigt. Was bleibt, sind Gestank, Ruinen Millionenschäden.

„Wahnsinn, oder?“, sagt eine Frau und mustert über die Absperrung hinweg die ausgebrannten Häuser. Der einzige Handchirurg in Wismar habe darin seine Praxis gehabt, sagt sie geknickt. „Das war bestimmt Brandstiftung“, sagt sie. Etwas anderes könne sie sich nicht vorstellen. Die Behörden sehen das anders: Die Brandursache gilt weiterhin als ungeklärt.

Um 18 Uhr am Freitag war bei der Feuerwehr der Notruf eingegangen. Zunächst waren etwa 70 Einsatzkräfte am Markt, um zu löschen und ein Übergreifen auf das Nachbargebäude zu verhindern. Aber zwecklos. Auch das Haus an der Ecke zur Mecklenburger Straße fiel den Flammen zum Opfer. Immer wieder drohten die Häuser erneut in Brand zu geraten.

„Das ist schwer zu begreifen“, sagt Felix Schrimpf, der in einer der Wohnungen lebte. Als der Brand ausbrach, war er gerade einkaufen. Vom Markt aus musste er mit ansehen, wie das Giebelhaus und seine Wohnung von Flammen und Rauch zerstört wurden. „Zum Glück war ich nicht zu Hause.“ Wie es in seiner Wohnung nach dem Brand aussieht, weiß der 24-Jährige noch gar nicht. „Das ist vielleicht auch besser so.“

Mittwoch, 13.30 Uhr: Bis zuletzt sucht die Feuerwehr mit Wärmebildkameras nach Glutnestern – und wird fündig. Noch am Morgen ihres letzten Einsatztages am Markt mussten die Kameraden eines beseitigen, damit es keinen neuen Brand entfacht. „Nun besteht aus Sicht der Feuerwehr keine Gefahr mehr“, sagt Ronny Bieschke, Leiter der Wismarer Berufsfeuerwehr. Seine Einsatzkräfte werden noch an diesem Nachmittag abrücken.

Unter den neugierigen Blicken von Passanten, die das Geschehen mit ihren Handys festhalten, begutachten Mitarbeiter des Bauamts von einer Drehleiter aus die Schäden. Der Einsatzort wird nun der Polizei übergeben.

Anika Nicke-Wolter arbeitet gegenüber dem Unglücksort in einer Pflegeeinrichtung und beobachtet das Treiben vor ihrem Fenster. Am Tag des Feuers hatte sie Dienst. „Alles war voller Feuerwehrleute“, berichtet sie. Und voller Rauch, „dicht wie Nebel“, erzählt die 35-Jährige, im blauen Kittel auf das Fensterbrett gestützt. Sie fürchtete, auch sie und die Patienten müssten evakuiert werden. Aber die Einrichtung blieb verschont.

„Das ist ein sehr schwerer Einsatz gewesen“, sagt Feuerwehrchef Bieschke nachdenklich. So einen habe er in 21 Dienstjahren nicht erlebt. Als am Abend des Feuers sein Telefon klingelte und seine Kollegen vom Notfall berichteten, habe er bereits Böses geahnt und sei zum Markt geeilt. Rund 300 Männer und Frauen von Feuerwehren und des Technischen Hilfswerks (THW) waren am Wochenende im Einsatz, mit vier Drehleitern gleichzeitig.

Der Brandort direkt am historischen Marktplatz ist zum Blickfang in der Altstadt geworden. Stadtführer bremsen ihre Busse ab und erzählen ihren Gästen von dem Feuer. Handwerker stehen Eis schleckend am Zaun, Passanten bleiben stehen und diskutieren.

Unübersehbar sind nun die Gebäude, die zuvor eher unscheinbar waren. Eine riesige Holzkonstruktion, beschwert von mit Tausenden Litern Wasser gefüllten Containern, stützt die Mauern, damit sie nicht einstürzen. Im Innern ist wohl nichts mehr zu retten. Flammen und Löschwasser haben die Räume verwüstet. „Ich habe lange gehofft, dass die Schäden vielleicht doch nicht so groß sind“, sagt Felix Schrimpf. „Dann wird einem bewusst, wie schlimm das ist. Jetzt ist das nicht mehr meine Wohnung. Damit habe ich abgeschlossen.“

„Zum Glück ist es uns aber gelungen, die Deutsche Bank zu halten“, so Bieschke. Die Bank grenzt direkt an das Brandhaus – wie auch ein Eiscafé, das aus Sicherheitsgründen vorerst geschlossen bleibt.

14.20 Uhr: Feuerwehrleute laden Ausrüstung in Hänger und Transporter: Atemschutzmasken, Schläuche, Werkzeug. Auch der Lkw, auf dem groß „Katastrophenschutz“ steht, räumt seinen Platz auf dem Markt.

Nur Absperrungen, Zäune und zwei ausgebrannte Bauten bleiben. Und der noch immer beißende Gestank in der Nase.

Philip Schülermann

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