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MV aktuell Crivitzer Eltern empört: War es Mobbing oder alles nur ein „Spiel“?
Nachrichten MV aktuell Crivitzer Eltern empört: War es Mobbing oder alles nur ein „Spiel“?
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16:06 24.03.2019
Wollen nicht von „Mobbing“ in Crivitz sprechen: Bürgermeisterin Britta Brusch-Gamm (links), Bildungsministerin Hesse (vorn) und Rektor Egbert Dähn (rechts) Quelle: JULIANE SCHULTZ
Crivitz

Wäre es nach den Verantwortlichen gegangen, würde in Crivitz (Landkreis Ludwigslust-Parchim) seit einer Woche wieder Ruhe herrschen. Die Hoffnung darauf hatten Bildungsministerin Birgit Hesse (SPD), Bürgermeisterin Britta Brusch-Gamm und Schulleiter Egbert Dähn nach einer Versammlung am vergangenen Montag laut geäußert. Ruhe ist nicht eingekehrt – aus allerlei Gründen: Eine Entschuldigung für die Vorkommnisse an der Regionalen Schule Crivitz steht aus. Niemand hat Verantwortung dafür übernommen, dass Schüler jahrelang unbehelligt ein sexualisiertes Ritual in den Pausen auf dem Schulhof praktizieren konnten. Das Wort „Mobbing“ für diese Übergriffe wurde durch die Bezeichnung „Spiele“ ersetzt. Die Teilnahme an einer Präventionsveranstaltung für Schüler ist freiwillig.

Über den Ablauf der Ereignisse sind sich inzwischen alle einig: Vier Jahre lang schnappten sich jeweils mehrere Sechstklässler einen jüngeren Schüler. Sie pressten die Beine des Jungen um einen Baum und rieben den Schritt des Kindes am Stamm. Rektor Dähn hatte davon im September 2018 erfahren, jedoch nicht alle Eltern informiert. Viele hatten erst durch die Berichterstattung der OZ vor zwei Wochen davon erfahren. Im Anschluss meldeten sich weitere betroffene Kinder. Eltern berichten, dass die Fünftklässler sich gegenseitig vor dem sogenannten „Stängeln“ warnten. Sie bewegten sich nur in Gruppen über das Schulgelände. Für viele Eltern ein klarer Fall von Mobbing, doch dieser Begriff wird nun in Frage gestellt.

„... och naja, das ist ein Ritual, das dazu gehört.“

Birgit Hesse fragt: „Wo fängt Mobbing an? Jeder empfindet das unterschiedlich. Einer fühlt sich davon gemobbt und der andere denkt, och naja, das ist ein Ritual, das dazu gehört.“ Die Bildungsministerin spricht deshalb von „Stängelspielen“ an der Schule. Auch Rektor Dähn benutzt diesen Begriff in einem Brief an die Eltern. Bürgermeisterin Brusch-Gamm, als Vertreterin des Schulträgers, sagt gar: „Die Frage ist doch, ob es für die Kinder überhaupt ein Problem war, bevor es über die Medien kommuniziert wurde.“

Anfang März 2019 wurde bekannt, dass sich Kinder hier jahrelang mit einem Ritual mobbten. Die Schulleitung wusste von den Vorfällen seit September 2018. Einige Eltern klärten die Vorgänge intern auf.

Annett Mehlitz-Albat, Mutter eines 15-jährigen Schülers, ist empört: „Ist es eine Bagatelle, wenn das Genital eines Kindes an einen Baumstamm geklemmt wird? Wenn das kein Mobbing ist, was dann?“ Sie habe den Eindruck, dass die Vorgänge verharmlost werden. Und die 35-Jährige erläutert: „Mir fehlt das Eingeständnis, dass Menschen, denen ich mein Kind anvertraut habe, Fehler gemacht haben und eine Entschuldigung für diese Fehler. Von verletzter Aufsichtspflicht spricht kein Verantwortlicher mehr.“

„Aber es muss doch auch aufgearbeitet werden.“

Nicole Maltzahn, Mutter eines betroffenen Kindes, sieht das ähnlich: „Ich verstehe ja, dass alle ihre Ruhe haben wollen. Aber diese Vorfälle müssen doch auch aufgearbeitet werden.“ Sie folgt damit der Ansicht von Christiane Gotte, Vorsitzende des Schulelternrates, die bereits unmittelbar nach dem Treffen am Montag zu bedenken gab: „Die Kinder werden sicher nicht nach einem Tag enttraumatisiert sein.“

Annett Mehlitz-Albat befürchtet, dass es eine Aufarbeitung nicht geben wird, weil sich zu viele Verantwortliche nach guten Nachrichten sehnen. So schrieb eine Mitarbeiterin der Stadtverwaltung auf einem öffentlichen Facebook-Forum „Der öffentliche Druck sollte jetzt in die Richtung gehen, dass es jetzt gut ist. Gebt Ruhe!“ Und weiter: „Gebt Crivitz wieder ein freundliches Image.“ Mehlitz-Albat macht das fassungslos: „Das Wohl der Kinder muss doch über dem Image der Stadt stehen.“

Prävention bleibt freiwillig

Auch ein Brief von Schulleiter Dähn sorgt bei den Eltern für Kopfschütteln: Auf ihre Initiative hin hatte Mobbing-Experte Carsten Stahl kurzfristig zugesagt an diesem Montag, ein Präventionsseminar an der Schule zu geben. Dähn teilte Donnerstag mit, dass er den Schülern die Teilnahme daran freistellt und sie parallel ein Ausweichprojekt besuchen dürfen. „Ich bin wirklich aufgebracht“, sagt Mehlitz-Albat. „Was ist denn das für ein Signal?“ Besonders irritierend daran: Carsten Stahl gab bereits im vergangenen November ein Seminar am Gymnasium in Crivitz. Auch Dähn war mit seinen Schülern dazu eingeladen. Da war ihm das „Stängeln“ schon mindestens zwei Monate bekannt gewesen. Er hatte es abgelehnt mit seinen Schülern die Anti-Mobbing-Veranstaltung zu besuchen.

Alle Artikel zum Mobbing-Fall Crivitz

11. März 2018 Sexualisiertes Mobbing-Ritual: 30 Schüler an Schule in Crivitz beteiligt

11. März 2018 – Kommentar: Schamgefühle von Eltern und Lehrern schaden Opfern und Tätern

12. März 2018 Mobbing-Ritual in Crivitz: Eltern erheben Vorwürfe gegen Rektor

13. März 2018 Mobbing-Ritual in Crivitz: Noch mehr Kinder betroffen

13. März – Kommentar: Brecht das Schweigen!

18. März: Nach Mobbing-Ritual: Ministerin Hesse (SPD) in Crivitz erwartet

19. März: Mobbing in Crivitz: Schulleiter äußert sich erstmals

Juliane Schultz

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