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MV aktuell Das Herz einer Frau schlägt anders
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00:31 07.05.2018
Elpiniki Katsari (46, r.) im Greifswalder Fitnessstudio mit Inhaber Andreas Wolframm (45) und Sylvia Heidemann (63). Quelle: Foto: Mathias Otto

Wer keinen Sport treibt oder sich wenig bewegt, lebt gefährlich. Eine australische Studie belegt, dass die meisten Herzinfarkte beim weiblichen Geschlecht durch Bewegungsmangel verursacht werden. Die Zahlen sind für Frauen alarmierend. 117 518 Frauen sind laut aktuellem Bericht der Deutschen Herzstiftung im Jahr 2015 an einer Herzkrankheit gestorben. Der Männeranteil lag bei 103993. Frauen hören viel zu selten auf ihr Herz, weiß auch Dr. med. Elpiniki Katsari (46), Chirurgin im Kreiskrankenhaus Demmin, aus Erfahrung.

Die Ärztin gehört zu den wenigen Expertinnen für geschlechtsspezifische Medizin (Gender-Medizin) in Deutschland. Sie engagiert sich für eine geschlechtersensible Gesundheitsversorgung in medizinischen Fachgesellschaften und im Anna-Fischer-Beirat „gender in medicine“ in Berlin.

Die Medizinerin wünscht sich, dass mehr in geschlechtergerechte Prävention investiert wird und angehende Ärzte und Ärztinnen gezielt in diesem Fachbereich unterrichtet werden.

Sie warnt: Vor allem junge Frauen unterschätzen ihr Infarkt-Risiko. Aber auch Ärzte deuten Beschwerden ihrer Patientinnen häufig falsch. Grund: Frauen leiden anders als Männer – eine Tatsache, mit der sich die Gender-Medizin befasst.

Männer sind schon ab dem 35. Lebensjahr infarktgefährdet, das Risiko für Frauen trete oft erst nach den Wechseljahren auf. Bis dahin schützt sie das körpereigene Hormon Östrogen. Und trotzdem leiden Frauen immer häufiger im Alter ab 35 an Herz-Kreislauf-Erkrankungen. „Der Anteil rauchender Frauen nimmt zu. In Verbindung mit Bluthochdruck oder Diabetes kann es schnell gefährlich werden“, sagt sie. Oft erkennen sie mögliche Symptome eines Herzinfarktes wie Oberbauchschmerzen, Erbrechen, Schmerzen im Rücken oder am Kiefer zu spät. Elpiniki Katsari musste schon häufig junge Frauen behandeln, die in einem sehr schlechten Zustand zu ihr in die Klinik gekommen sind. Die Chancen, eine Herz-OP ohne Komplikationen zu überleben, stehen schon von vornherein viel schlechter als bei einem Mann. Lange hat sich die Medizin nur für bestimmte Organe und für deren Erkrankungen geschlechtsspezifisch interessiert. Beispielsweise Prostatakrebs und Brustkrebs. „Die Forschung hat aber gezeigt, dass Krankheiten, die bei allen Menschen auftreten können, bei Frau oder Mann sich oft unterschiedlich äußern und unterschiedlich verlaufen“, berichtet Elpiniki Katsari. Sie macht auch auf die medizinische Forschung vergangener Tage aufmerksam. „Frauen waren von den 70er bis in die 90er Jahre weitgehend von Arzneimittel-Studien ausgeschlossen. Und die Medikamente wurden anschließend für beide Geschlechter oft gleich dosiert angewandt“, sagt sie.

Oft zum Nachteil für das weibliche Geschlecht, denn die anatomischen Strukturen sind anders, auch die Verstoffwechselung und Verteilung von Medikamenten. „Eine Frau hat ein anderes Verhältnis aus Fett- und Muskelmasse und einen anderen, noch dazu zyklusabhängigen Wassergehalt. Das unterschiedliche enzymatische Profil bei den Frauen kann dazu führen, dass Medikamente sehr schnell überdosiert werden und verstärkte Nebenwirkungen auftreten“, erklärt die 46-Jährige. Der Anteil weiblicher Studienteilnehmer ist inzwischen deutlich gestiegen, allerdings werden immer noch zahlreiche Studien ohne Angabe des Geschlechterverhältnisses publiziert.

Elpiniki Katsari fordert deshalb, das Umsetzen der geschlechtsspezifischen Besonderheiten bei der Prävention, Diagnostik , Therapie und Rehabilitation in die moderne Medizin. Sie spricht dabei die aktuellen Zahlen an, die künftig nur durch eine verbesserte Versorgung nach unten korrigiert werden können. Die Sterbeziffer bei Herzschwäche für Frauen lag 2015 um 64,4 Prozent über dem Wert der Männer, bei den Herzrhythmusstörungen lag der Wert 51 Prozent über dem der Männer.

„Es gibt 36 medizinische Fakultäten in Deutschland, in 16 wird die Gender-Medizin thematisiert, und nur eine einzige Fakultät erreicht die internationalen Standards bei der Integration geschlechtsspezifischer Aspekte in die medizinische Lehre“, sagt die Medizinerin. Durch ein verbessertes Wissen über Krankheitssymptome, richtiges Notfallverhalten und Vorsorgemaßnahmen könnten viele Herzkrankheiten und Sterbefälle vermieden werden.

Anna-Fischer-Projekt

Auf einem vom Anna-

Fischer-Project organisierten Workshop zum Thema Gendermedizin und Öffentlichkeit kamen 2011 Experten aus Forschung, Praxis, Gesundheitswirtschaft, Krankenkassen, Politik und Medien überein, das Netzwerk „Gendermedizin und Öffentlichkeit” zu gründen. Ziel ist es zum einen, über das Netzwerk den Austausch neuer Erkenntnisse zwischen den

Protagonist/innen zu

intensivieren, zum anderen die Gesellschaft über gezielte Medien und Öffentlichkeit

sowie Lobbyarbeit zu sensibilisieren.

Zu diesem Zwecke

organisiert, veranstaltet und unterstützt das Anna-Fischer-Projekt unter anderem verschiedene Veranstaltungen und vernetzt internationale Expertinnen und Experten.

www.gendermed.info

Mathias Otto

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