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MV aktuell Bier vom Balkon: Das ist Greifswalds kleinste Brauerei
Nachrichten MV aktuell Bier vom Balkon: Das ist Greifswalds kleinste Brauerei
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17:24 17.09.2018
Lutz Mehl betreibt Greifswalds kleinste Brauerei. Gebraucht wird mit selbstgebauten Materialien. Quelle: Antje Bernstein
Greifswald/Wismar

Bei Lutz Mehl braut sich was zusammen: Auf dem Balkon seiner Plattenbauwohnung im Ostseeviertel in Greifswald stellt der 59-Jährige her, wonach so manche Kehle durstet – Bier. Kein Einheitsgebräu, sondern Kreatives in Flaschen. Lutz Mehl ist Hobbybrauer. Bei der 2. Deutschen Meisterschaft der Hobbybrauer in Stralsund will er jetzt zeigen, was er auf dem Kasten hat.

Früher kam bei Lutz Mehl ausschließlich Pils ins Glas. „Ich bin Bitterbiertrinker.“ Von Craft-Bieren wollte er nichts wissen. Bis eine Überraschung alles ändert.

Lutz Mehls Expedition ins Bierreich beginnt im März 2016: Zum 57. Geburtstag schenkt Heike Mehl ihrem Mann ein Brau-Set. Und bekommt prompt die Quittung. „Ich habe ihre Küche verwüstet und wahnsinnig rumgekleckert“, sagt Lutz Mehl. Mit dem Resultat seiner Brauerpremiere – sieben Flaschen Ale – kann er seine Frau nicht entschädigen, denn die trinkt kein Bier. „Aber ich kann sagen: Mein Mann kann kochen – und wenn es nur Bier ist“, neckt sie ihren Mann.

Viel Skepsis beim ersten Mal

Mehls erstes Brau-Erlebnis war von Skepsis geprägt: Den bräunliche Brei, die Maische, zu probieren, traut er sich nicht. „Die Pampe sah so eklig aus.“ Umso überraschter ist er dann, als er seine erste selbst abgefüllte Flasche öffnet, sich ein Glas Selbstgebrautes einschenkt und mit ansehnlicher Schaumkrone belohnt wird. „Es sah aus wie Bier und schmeckte auch so.“ Beim ersten Schluck ist es um ihn geschehen – das Brauvirus hat ihn infiziert.

Inzwischen setzt Lutz Mehl jeden Sonnabend 20 Liter Sud an. Sieben Stunden dauert der aufwändige Brauvorgang. Danach hat die Hefe eine Woche Zeit, den Zucker zu Alkohol zu vergären. Anschließend füllt Mehl das Jungbier in Flaschen ab und lässt es zwei weitere Wochen reifen. Danach wird es nochmal sieben Tage lang gelagert. Erst dann hat sich der Geschmack komplett entwickelt.

Zufall führt zu neuer Sorte

„Eigentlich ist das nichts für einen nervösen Typen wie mich“, sagt Mehl. Doch wider Erwarten kann er beim Brauen perfekt entspannen. Nur im Winter bleibt der Kessel kalt. „Dann kriegt mich keiner raus. Ich bin eine Frostbeule.“ Er nutzt die Gelegenheit und stellt Craft-Bier-Brauereien, von denen mittlerweile unzählige Handwerksbiere im Handel vertreiben, auf die Geschmacksprobe. Mehls eigener Bierkühlschrank hat aber auch jede Menge zum Wegzischen zu bieten: African Queen, Summertime, Baltic Smoker und Hopfen Smoothie heißen seine Eigenkreationen. Manchen Mix rührt der Zufall an: Als ein Regal und mit ihm der Malzvorrat abstürzt, vermischen sich verschiedene Getreidesorten. Lutz Mehl braut ein Bier daraus und nennt es passenderweise „Ground Impact“ – Bodenaufprall.

Genauso pragmatisch handhabt Lutz Mehl sein Brau-Equipment. Vieles ist Marke Eigenbau. Das Malz maischt er in einem Einmachtopf ein, den er mit einer Isomatte umwickelt und mit von einem DDR-Scheibenwischermotor betriebenen Rühreinsatz bestückt hat. Solche Basteleien sind für Mehl kein Problem, schließlich leitet er die Werkstatt der Fakultät für Elektrotechnik und Informatik an der Hochschule Stralsund.

Herausforderung: ein Wit-Bier Belgischer Art

Sechs Kilometer Luftlinie von seinem Arbeitsplatz entfernt wird Lutz Mehls Gerstensaft am 29. September von echten Kennern verkostet. In der Störtebeker Braumanufaktur nehmen Sommeliere und Profibrauer bei der Hobbybrauer-Meisterschaft die Wettbewerbsbeiträge von mehr als 100 Teilnehmern aufs Korn. Aus MV gehen zwölf Brauer an den Start. Abliefern müssen sie ein Wit-Bier Belgischer Art. Das als Belgisches Weißbier bekannte Getränk zeichnet sich durch eine durchgehende Trübung und sein helles Strohgelb aus. Typisch für das Wit ist sein fruchtiger Geschmack, denn es wird neben Koriander mit Orangenschalen verfeinert.

Angesichts der großen Konkurrenz rechnet sich Lutz Mehl kaum Chancen auf den Sieg aus. „Es wär’ die Höchststrafe, wenn ich gewinne“, scherzt er. „Wit krieg’ ich nämlich überhaupt nicht runter.“ Der Hobbybrau-Meister 2018 aber bekommt als Prämie gleich vier Hektoliter seiner Kreation frei Haus geliefert.

Wismarer Hobby-Brauer experimentieren mit Gewürzen

Mit Wit tun sich auch Heiner Busche und seine Mitstreiter vom Braukombinat Wismar schwer. „Niemand von uns hatte je zuvor ein Wit gebraut, und wir mussten im Grunde so ziemlich bei Null anfangen.“ Aber die Hobbybrauer nehmen die Herausforderung an. „Wir haben uns sechs verschiedene belgische Hefen besorgt und mit verschiedenen Gewürzmischungen experimentiert. Das Ergebnis war dann leider aber nur irgendwo zwischen ganz okay und ungenießbar“, gibt Busche zu. Um ein Bier mit Gewürzen zu verfeinern, brauchen die Brauer Fingerspitzengefühl. „Nimmt man zu wenig, schmeckt man’s kaum raus, bei Überdosierung wird's schnell zu dominant.“

Im holzbefeuerten Waschkessel braut Heiner Busche vom Braukombinat Wismar einen Sud für eine Versuchsreihe mit verschiedenen belgischen Hefen.

Doch das Braukombinat gibt Hopfen und Malz nicht verloren. „Wir haben am Ende alles über Bord geworfen und noch mal ganz anders von vorne angefangen.“ Sollte das Wit aus Wismar die Jury nicht überzeugen, ist das kein Problem. „Unser Herz schlägt eigentlich mehr für den Kreativbier-Wettbewerb, denn da ist wirklich alles erlaubt.“

Brauer hoffen auf Publikumspreis

Neben der Expertenjury vergeben bei der Hobbybrau-Meisterschaft auch die Besucher des zeitgleich stattfinden Bierfestivals einen Preis. Hier schicken die Brauer ihren Lieblingssud ins Rennen. Der Favorit des Publikums wird in der Berliner Kult-Brauerei Brlo gebraut. Der Gewinner bekommt einen Hektoliter seines Bieres.

Im vergangenen Jahr haben die Wismarer ein Gurke-Fenchel-Ale beigesteuert. Dieses Mal wollen sie mit einem mittelalterlichen hopfenlosen Kräuter-Grutbier den Geschmack der Massen treffen.

Kartoffelbier aus Greifswald

Auch der Greifswalder Lutz Mehl setzt auf Rustikales. „Ich habe ein Kartoffelbier gebraut.“ Bei seinen Kumpels kam das überraschend gut an. Doch ihm und Heiner Busche sind Titel einerlei. Die Männer wollen sich bei der Meisterschaft vor allem mit anderen Brauverrückten austauschen. Und nebenbei, na klar, das ein oder andere Bierchen zischen.

Brauen ohne Grauen

200 Liter Bier pro Jahr darf ein Hobbybrauer steuerfrei zum Eigengebrauch herstellen. Vor dem ersten Brauvorgang muss er dies beim zuständigen Hauptzollamt anmelden, sonst drohen Strafen. Die 2. Deutsche Meisterschaft der Hobbybrauer findet am 29. September in der Störtebeker Braumanufaktur Stralsund zeitgleich mit einem Bierfestival statt, bei dem neben Verkostungen auch eine Aftershowparty auf dem Programm steht. Im vergangenen Jahr setzte sich ein Brauerei-Azubi aus Hessen gegen gut 80 Konkurrenten mit einem hellen Bockbier durch. Der Publikumspreis ging damals an einen Sachsen für sein Spezial Ale.