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Der Bankier mit dem Zaster-Bus

Rostock Der Bankier mit dem Zaster-Bus

Mit seinem Sparkassenmobil tourt Jens Urbschat von Dorf zu Dorf / In der Fahrfiliale geht’s um mehr als Geld: Einheimische schätzen sie als Treffpunkt

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Berater, Busfahrer und Plauderpartner: Jens Urbschat ist mit seinem Sparkassenmobil in und um Rostock unterwegs. Fotos (2): Antje Bernstein

Rostock. „Hallo-oh“, ruft Christel Gensicke in den roten Bus. Die Rentnerin lässt sich auf ihren Rollator sinken und schnauft durch. „Ah, da kommt ja meine große Hilfe“, freut sich die 81-Jährige, als Jens Urbschat aus dem Sparkassenmobil steigt und ihr zur Begrüßung herzlich die Hand tätschelt. Ein paar warme Worte, dann steckt sie ihm ihren Überweisungsschein zu. „Was zum Einkaufen brauch’ ich auch noch“, sagt sie und nestelt die Geldkarte aus dem Portemonnaie während sich der Bankier schon um den Papierkram kümmert. Dass Urbschat mit seinem rollenden Geldautomaten in ihr Dorf kommt, ist für die Rentnerin eine Erleichterung. Die nächste Sparkasse ist sieben Kilometer weit weg. „Wie sollte ich da hinkommen?“ Mobil ist Christel Gensicke kaum noch. Die Sparkasse schon.

OZ-Bild

Mit seinem Sparkassenmobil tourt Jens Urbschat von Dorf zu Dorf / In der Fahrfiliale geht’s um mehr als Geld: Einheimische schätzen sie als Treffpunkt

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Sparkasse auf Achse

42 stationäre Filialen und zwei Busse betreibt die OstseeSparkasse. Als einzige Sparkasse in Mecklenburg-Vorpommern schickt sie mobile Filialen auf Achse. Die Sparkasse Vorpommern will indes 2017 einen Teil ihrer 88 Geschäftsstellen und SB-Terminals schließen. Betroffen sind die Standorte Kröslin, Niepars, Elmenhorst, Sassnitz-Lancken, Stralsund (Tribseer Damm) und Grimmen (Sky-Markt).

Jeden Dienstag Punkt zehn Uhr steuert Jens Urbschat seine fahrbare Filiale auf den Netto-Parkplatz in Markgrafenheide bei Rostock. Seit Mai sitzt der 50-Jährige mindestens einmal pro Woche auf dem Bock. Er fährt die Plätze im Geschäftsbereich der OstseeSparkasse (Ospa) an, in denen sonst kein Geldautomat zu finden ist: kleine Dörfer und große Events wie etwa jüngst die Hanse Sail. Bei Heimspielen des FC Hansa Rostock sorgt Urbschat dafür, dass Fußballfans nicht das Geld für Trikots, Bier und Bratwurst ausgeht.

Seit 2011 setzt die Ospa auf das Konzept „mobile Zweigstelle“, zunächst mit einem Bus. Der ist montags bis freitags zwischen Bernitt bei Bützow und Dahmen am Malchiner See unterwegs. 2013 kam die zweite Fahrfiliale hinzu, die seither Markgrafenheide und Gelbensande anfährt. Weitere Haltepunkte wie etwa ein Campingplatz in Pepelow am Salzhaff werden derzeit getestet.

Banken, Sparkassen und Krankenversicherungen – bundesweit dünnen Dienstleister aus Kostengründen ihre Filialnetze aus. Vor allem auf dem platten Land, wo sich wegen schwindender Kundschaft und der Verlagerung aufs Online-Geschäft kaum eine Zweigstelle lohnt. Die Ospa will vor Ort bleiben, wenn auch nicht überall mit einer Geschäftsstelle. „Wir haben eine Verantwortung für die Region“, erklärt Ospa-Sprecherin Katrin Stüdemann. Kein Kunde soll es weiter als zehn Kilometer bis zur nächsten Filiale haben. Wo das nicht klappt, fährt der Bus hin.

Gut 50 Kunden hat Jens Urbschat pro Tour. Viele kommen jede Woche. Nicht nur, weil sie im Ospa-Bus quasi vor der Haustür und ohne Internet-Schnickschnack Bankgeschäfte erledigen können. Er ist ein beliebter Treffpunkt. Kaum hat es sich Christel Gensicke vor dem Bus bequem gemacht, fährt Eva Rickmann mit ihrem Rollator vor. „Na Evi, brauchste Geld?“, scherzt Christel. „Nee, ich hab’ gestern Nacht was rangeschafft“, kontert die 91-Jährige launig und lacht. Ein Flaps muss sein. Klönschnack sowieso. Das Neuste aus der Nachbarschaft und aus aller Welt vertreibt Sorgen und Langeweile.

Die beiden Frauen gehören zu Jens Urbschats Stammkunden. Genau wie Roland Zachau. Der 83-Jährige lässt von dem Bankier heute nicht nur seinen Überweisungsschein kontrollieren, sondern hat auch das Fotoalbum vom letzten Polenurlaub dabei. Für solche speziellen Kundengespräche nimmt sich Jens Urbschat gern Zeit. Für viele ist er Bankberater und Plauschpartner in Personalunion. Der 50-Jährige hat noch mehr zu bieten, was ihm auf Achse nützlich ist. Nach Kfz-Lehre und zehn Jahren als Flugzeugmechaniker bei Airbus weiß sich der Rostocker auch dann zu helfen, wenn sein Bus mal schlapp machen sollte oder die Technik zickt.

Sparkassen-Busse erleben eine Renaissance, sagt Thorsten Wehber vom Sparkassenhistorischen Dokumentationszentrum in Bonn. Ihre Hochzeit hatten sie in den 1970er Jahren. Damals seien knapp 300 Fahrfilialen durch die BRD gerollt. In den folgenden Jahren wurden die Busse allerdings zu Auslaufmodellen. „Um die Jahrtausendwende waren sie bis auf wenige Exemplare verschwunden“, sagt Wehber.

Seit gut fünf Jahren aber steige die Zahl rollender Zweigstellen.

Der Zaster-Laster von Jens Urbschat kommt schlicht, aber einladend daher. Auf wenigen Quadratmetern finden Schreibtisch, zwei Stühle, Wartebank und der SB-Terminal Platz. Die meisten Kunden klettern aber nicht in den Bus, sondern verschwinden gleich dahinter. Am Heck ist der Geldautomat. Nur da gibts Bares. Alles videoüberwacht, alles gesichert.

Christel Gensicke und Eva Rickmann sind froh, dass der Sparkassenbus jede Woche in Markgrafenheide anrollt. „Alle zwei Wochen würde uns auch reichen. Hauptsache, er kommt auch im Winter“, sagen sie.

Für heute haben die Frauen alle Geldgeschäfte erledigt, alle Neuigkeiten ausgetauscht. Christel Gensicke zuckelt mit Rollator und gefülltem Portemonnaie zum Einkaufen, Eva Rickmann ab nach Hause.

Jens Urbschat winkt den Damen hinterher und lacht. „Bis nächste Woche!“

Antje Bernstein

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