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Der vergessene Einsatz: Caffier besucht Soldaten aus MV im Kosovo

Novo Selo/Prizren Der vergessene Einsatz: Caffier besucht Soldaten aus MV im Kosovo

Tränengas und Pfefferspray liegen in der Luft. „Wir wollen keine KFOR-Schweine“, skandieren Demonstranten.

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Die Panzergrenadiere Erik V. (28), Enrico H. (31) und Mario S. (26, v.l.) aus Schwerin in Prizren. Fotos (3): Frank Pubantz

Novo Selo/Prizren. Tränengas und Pfefferspray liegen in der Luft. „Wir wollen keine KFOR-Schweine“, skandieren Demonstranten. Deutsche Soldaten rücken vor, stecken Schläge ein, bringen die Ausschreitungen unter Kontrolle. Eine Übung im Camp „Nothing Hill“ bei Novo Selo im Nordosten des Kosovo. „Nothing Hill“, weil der Berg gegenüber nichts (englisch: nothing) zu bieten hat. Karge Landschaft, vier Grad Celsius. Rund 100 Soldaten aus MV sind hier die Speerspitze der KFOR-Truppen an der serbischen Grenze. Innenminister Lorenz Caffier (CDU) ist zu Gast und sucht das Gespräch. Der Einsatz der Soldaten aus MV sei nach wie vor wichtig, sagt er, auch 17 Jahre nach Beginn der Mission.

OZ-Bild

Tränengas und Pfefferspray liegen in der Luft. „Wir wollen keine KFOR-Schweine“, skandieren Demonstranten.

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„Ich bin hier, weil es wichtig für Deutschland ist“, erklärt Hauptfeldwebel Enrico H. (31) überzeugt. Das Bataillon der Panzergrenadiere aus Hagenow hält den Berg. Schmuggler und organisierte Kriminalität sind derzeit die großen Themen. Zum Glück kaum gewaltsame Übergriffe. Das könne aber jederzeit wieder anders werden. Der Kosovo ist ein Pulverfass. 20 Jahre nach dem Balkankrieg bekämpfen sich Albaner und Serben noch immer. Die KFOR ist Notfall-Reserve, wenn die Polizei des Kosovo und der europäischen Einheit Eulex versagt. Das größte Problem des Landes aber ist die Armut.

Bei 240 Euro liegt der Durchschnittsverdienst im Monat — wenn man Arbeit hat. Viele neue Häuser sind neu gebaut, dazwischen stehen Ruinen. Der Norden, in dem die serbische Minderheit lebt, ist abgehängt. Eine Industrie-Ruine löst die nächste ab. Müll überall. Mittelalter mitten in Europa. Weiter westlich Zeichen des Aufbruchs. „New Pristina Residenz“ wirbt eine Hochglanztafel für ein Bauprojekt von Wohnhäusern auf Ödland neben dem Flughafen. Über die Autobahn, die seit eineinhalb Jahren fertig ist, tuckert ein Traktor mit Heu. „Die Leute sind sehr deutschfreundlich“, sagt Hauptmann Henning M. (32) aus Waren/Müritz. Er ist Chef der Feldjäger aus Neubrandenburg — der schnellen Eingreiftruppe, wenn etwas passiert.

Oberst Hans-Jürgen Keyserlingk (56) ist besorgt. Zwar seien die ethnischen Konflikte zwischen Albanern und Serben abgeebbt, sagt der Kommandeur des 670 Männer und Frauen starken deutschen Kontingents auf dem Balkan. Die wachsende Unzufriedenheit der Menschen im Land und eine Arbeitslosigkeit von über 50 Prozent, bei der Jugend sogar 70 Prozent, sorgten jedoch für Zündstoff. Die Menschen im Kosovo fühlten sich eingesperrt, da sie das Land nicht in Richtung Europa verlassen können.

Bundeswehr sei „kein Wunschkonzert“, sagt Enrico H. Er und seine Kameraden Mario S. (26) und Erik V. (28), alle Schweriner, haben eben noch als KFOR-Truppen die Unruhe-Übung friedlich beendet. Das könnte sie bald auch im Einsatz erwarten. In der Hauptstadt Pristina flogen Molotow-Cocktails auf das Parlamentsgebäude. Drinnen kam Tränengas zum Einsatz.

Das Camp „Nothing Hill“ ist trist. Wohncontainer, Kraftraum und der „Fuchsbau“, ein Freizeitraum mit Billardtisch und Fernseher. Lorenz Caffier trinkt Kaffee. Die Soldaten plaudern. Das Land sei nicht befriedet, sagt Oberstabsfeldwebel Gerald H. (43) aus Wismar. „Unruhepotenzial ist da.“ Würden die Soldaten gehen, wäre Konfrontation programmiert. „Es ist wichtig, dass wir hier sind.“ Caffier nickt. „Die Sicherheitslage kann sich von null auf hundert sehr schnell verändern.“ Auch deshalb, weil Flüchtlinge aus Syrien und dem Irak möglicherweise eine neue Route suchen, da Mazedonien die Grenzen dichtgemacht hat. Der Einsatz im Kosovo werde sicher „noch einige Jahre“ dauern. Sorgen machen sich Soldaten auch um Deutschland, auch wenn Zeitungen erst mit sechs Tagen Verspätung ankommen.

Lange erklärt der Minister die Flüchtlingspolitik.

Ein Auto brennt. Spezialkräfte pirschen sich heran, Feuerwehr naht. Wieder eine Übung. Das KFOR-Feldlager liegt zwei Stunden südlich, in Prizren, einer Stadt mit 180000 Einwohnern, am Fuß

schneebedeckter Berge. Wasser überschwemmt Wiesen. Es hat viel geregnet. Soldaten verschiedener Länder sind hier stationiert. Österreicher, Schweizer, Türken und Griechen — 4300 sind auf dem Balkan. Es waren mal 10000.

300 Menschen aus Prizren finden hier einen Job. Der Stützpunkt ist eine Oase. Er hat feste Container-Unterkünfte, Werkstätten, eine eigene Kirche mit katholischem Priester und evangelischer Pastorin, Sportanlagen, einige Kneipen. Zum Lager gehört auch ein Container-Krankenhaus. „Wir können hier fast alle Operationen durchführen“, sagt Ärztin Nicole S. (42). Sie zeigt Intensivstation, Notaufnahme, Schockräume, zwei OP-Säle, Computer-Tomograf.

Ab und an ist richtig was los in KFOR-Land. Wenn Prominenz zu Besuch ist, greift jedes Rädchen perfekt ins andere. Dieses Mal ist es Lorenz Caffier, der Innenminister von MV, in wenigen Tagen fliegen Englands Prinz Charles und Gattin Camilla ein.

Von Frank Pubantz

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