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Die Verletzlichkeit des Menschen

Die Verletzlichkeit des Menschen

Die Ausstellung „Der geschundene Mensch“ von Günther Uecker ist nach einer Welttournee ab heute in Rostock

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Interview in der Kunsthalle: Günther Uecker und OZ-Kulturchef Michael Meyer (l.) im Gespräch.

Rostock „Der geschundene Mensch“ war Günther Ueckers künstlerischer Reflex auf Lichtenhagen 1992. Seitdem hat die Schau weltweit 350000 Besucher angezogen. Ab heute ist sie in der Kunsthalle Rostock zu sehen.

OZ-Bild

Die Ausstellung „Der geschundene Mensch“ von Günther Uecker ist nach einer Welttournee ab heute in Rostock

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Nach einer Welttournee endet Ihre Ausstellung in Rostock, wo es mit den Ereignissen von Lichtenhagen 1992 begonnen hat. Die 14 „befriedeten Gerätschaften“sind Ihre Antwort auf Gewalt und Rassismus. Was ist nun Ihr Fazit?

Günther Uecker: Das Schlimme ist ja, dass das Thema bleibt und sich vermehrt hat im Rechtsradikalismus und einer nationalen Denkweise. Die Ermutigung, dieses Gedankengut offen zu bekunden, ist stärker geworden. Das ist die Tragödie, dass das Thema noch immer aktuell ist. Weltweit!

Es gab Stationen wie Sydney, wo 4900 Besucher kamen, und Taipeh oder Havanna mit 50000 Gästen.

Uecker: Interessant, dass der Ansturm in Ländern wie Australien nicht so groß war. Da könnte man einen psychologischen Aspekt sehen, eine Korrespondenz zu dem Werk. Das mag ein Grund sein, dass in theokratisch dominierten Ländern die Menschen denken, er meint uns.

Die Reaktionen waren sehr unterschiedlich. Von Begeisterung bis Unverständnis. Waren Sie persönlich Repressalien ausgesetzt?

Uecker: Dass Menschen sagen, sie verstehen das nicht, gibt es ja überall. In Usbekistan wurden mal Rüstungs-Gegenstände in die Ausstellung gestellt – mit der Begründung, das ginge wegen Renovierung nicht anders. Das geschah einfach. Die Ausstellung ist von der Thematik mit der Realität, dem Alltag der Menschen verzahnt. Sie verbeißt sich. 1993 habe ich in Chile den Preis für die beste Ausstellung in Südamerika bekommen. Da wirkt sie in eine Welt hinein, wie ich sie mir vorher nicht vorstellen kann. Ich erfahre das wie eine Korrespondenz. Liebesbriefe an einen Unbekannten über einen Berg geweht und zerrissen angekommen.

Soll die Schau in Rostock bleiben?

Uecker: Ja, weil sich in Rostock der Kreis schließt. Der Weg eines Künstlers, ein Künstler in Deutschland, sich mit seinen Aussagen in die Welt zu bewegen und seine Widersprüche offenzulegen.

In diesen widersprüchlichen Annäherungen findet man einen Dialog.

Ernsthaftigkeit, Humor, Brutalität und Zartheit. Lebt Ihr Werk, in dessen Mittelpunkt der Mensch steht, vom Widerspruch?

Uecker: Was Schutz ist, kann Bedrohung sein. Das ist wohl der Kern, dass die Schutzbedürftigkeit des Menschen dazu führt, dass man sich einen Schutzraum baut, aber auch eine Diktatur befördert, die einen einsperrt. Die Auflösung der Formen sind Krücken, die ich verwende. Eine Prothese der menschlichen Behausung. Kunstwerke sollten die menschlichen Eigenschaften, den humanen Charakter in sich tragen. So dass diese Körpersprache im Ausdruck eine Art von Brief ist an den Betrachter, der das Werk wahrnimmt und merkt, darin ist eine humane Geste enthalten, die an ihn gerichtet ist.

1961: Stunde null – Zero. Das Ende der Kunst – die Antwort der Künstlergruppe „Zero“ um Sie, Heinz Mack und Otto Piene auf den Holocaust. Wo stehen wir jetzt?

Uecker: Damals war das eine Todessehnsucht. Weil man mit denen, mit denen man lebte, die ältere Generation, das waren ja die Mörder, nicht leben wollte. Jene, die das große Völkervernichten betrieben haben. Die waren stumm, haben mit ihren Kindern, den nachfolgenden Generationen, nicht reden können. Da gab es eben eine nekrophile Phase: Dass man lieber mit denen, die da umgekommen waren in den KZ, sein wollte, als mit denen, die überlebt haben. Ein Konflikt, den ich besonders erlebt habe, als ich 1953 in den Westen ging, weil man dort die konservative Reduktion intensiv betrieb. Die DDR hatte diesen Antifaschismus. Aber in einer Form des Auswendiglernens. Wir haben das als Schüler aufsagen müssen. Als ich wegen der Niederschlagung der Aufstände in Berlin und auch Grevesmühlen in den Westen ging, habe ich eine äußerst konservative Welt kennengelernt.

In Schwerin soll mit dem Neubau die Grundfrage abstrakt oder figurativ bearbeitet werden. Wie stehen Sie zu diesem Bilderstreit, der nach der Wende ausbrach und bei dem ostdeutsche Künstler bösartig angegangen worden sind?

Uecker: Damit habe ich gar nichts zu tun. Die Quellen der Kunst sind außerhalb der Kunst. Ich schätze alles, was der Mensch hervorbringt, außer, dass er andere Menschen bedroht, einengt, dominiert. Die Freiheit des Individuums steht im Zentrum. Kunst kann das thematisieren: eine wechselhafte Reflexion.

Wustrow – Heimat und Trauma. Sind die Ereignisse 1945, als Sie mit 15 Jahren nach dem Untergang der „Cap Arcona“ Leichen am Strand begraben mussten, als Ausgangspunkt Ihres Werkes zu betrachten?

Uecker: Als Trauma existiert es in mir. Es ist auch inspirierend, dass man sich über die Vergänglichkeit klarwird. Das hat eine biographische Melancholie. Das kann man gern als Ausgangspunkt ansehen. Dieses Trauma, das ist wie mit Hase und Igel: „Ick bin all da!“ Das Anzünden von Flüchtlingsunterkünften kehrt ja auch immer wieder. So wie das Anzünden der Synagogen damals der Anfang der Zerstörung war. Ich bin empfindlich gegenüber der Bedrohung anderer Menschen und benenne die Gerätschaften, die auf der Bedeutung der Verletzung der Menschen von Menschen beruhen. Wenn man sich da wiederfindet, kann man sie zur Grundlage für ein Zwiegespräch, einen Dialog über die Verletzlichkeit sehen. Ich stelle etwas bloß über die Schamgrenze hinaus.

Sind Sie verärgert, dass die Idee eines Uecker-Museums im Schweriner Marstall nie realisiert wurde?

Uecker: Ja, das war mein Wunsch. Ich war aber einverstanden, als mir der Kultusminister mitteilte, dass dieses Gebäude ein Gewinn für das Land ist. Und als ich erfuhr, dass ein Gebäude für die Kunst des 20. Jahrhunderts entsteht. Was gelungen ist. Ein Gebäude als Raum für einen Dialog der Kunst.

Arbeiten von Ihnen stehen in einem Raum mit Bildern von Mattheuer, Polke, Heisig und Künstlern aus MV, wie Wegehaupt und Wirkner. Sehr unterschiedliche Sichtweisen auf die Welt.

Uecker: Es ist eine neue Bilderfahrung, wie die Ausstellung gehängt ist. Das hat Kurator Gerhard Graulich toll gemacht. Diese Intuition in der Wahrnehmung der Bildvergleiche. Mattheuer zum Beispiel, den ich persönlich sehr gut kannte. Wir sind unterschiedlich, aber jeder drückt sich so aus, wie er kann.

Ärgert es Sie, wenn Sie auf den Nagelkünstler reduziert werden?

Uecker: Nein, das ist doch gut. Der Mensch ist befreit. Die Dinge sollen näher an die Augen treten. Das mit den Nägeln bildet sich als Marke zwar heraus. Aber es ist nicht mein Interesse, das zu interpretieren. Das ist eine Marginalie in der Kunst.

Günther Uecker

Maler und Objektkünstler: Günther Uecker wurde am 13. März 1930 in Wendorf bei Crivitz geboren. Er wuchs auf der Halbinsel Wustrow auf, wo sein Vater Ingenieur auf einem Flugplatz war.

Dort musste Uecker 1945 Leichen am Strand verscharren, die nach dem Untergang des Schiffs „Cap Arcona“ mit Tausenden KZ-Häftlingen an Bord angespült worden waren. Uecker studierte in Wismar und Berlin-Weißensee. 1953 ging er aus Protest gegen die Niederschlagung der Aufstände vom 17. Juni in den Westen und lehrte in Düsseldorf. Er trat der Künstlergruppe „Zero“ um Otto Piene und Heinz Mack bei, die 1961 mit dem „Terrororchester“ in Baden-Baden für Aufsehen sorgte, und war zweimal auf der documenta in Kassel (1964 und 1968).

Interview von Michael Meyer

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