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MV aktuell Die verlassene Radarstation
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00:00 14.03.2013
Staub der Zeit: Dreck bedeckt die letzten Relikte des Lebens in einer Radarstellung unweit des „Eisernen Vorhangs“. Quelle: Fotos: J�rgen Lenz
Lockwisch

Am Rand des zerbrochenen Spiegels klebt das Bild einer Frau — Auslöser von Männer-

Fantasien in der Einsamkeit einer Radarstation am Rand des „Eisernen Vorhangs“. Anfang der 1960er Jahre bezogen die ersten sowjetischen Soldaten den Stützpunkt oberhalb von Lockwisch bei Schönberg (Landkreis Nordwestmecklenburg). 1990 verschwanden die letzten Männer über Nacht. Ihr Auftrag hatte sich erledigt: Überwachung des Luftraums, Kontrolle des Gegners, eine Illusion von Sicherheit und ewiger Waffenbrüderschaft im Kalten Krieg. Dann verschwand der Machtblock Ost, die Funktechnische Kompanie 613 der Gruppe der Sowjetischen Streitkräfte in Deutschland löste sich auf. Und ließ Unterkunfts- und Dienstgebäude zurück.

23 Jahre später: Die Spiegel in der früheren Frisierstube sind zerbrochen. Überall liegen Scherben, von einer dicken Schicht aus Staub und Dreck bedeckt. Fenster und Türen sind zerstört. Ein kalter Wind weht durch die Flure, die Waschräume, den Speisesaal, die Unterkünfte. Betten und Stühle sind fort. Es riecht moderig. Die Fußböden vergammeln, die Rohre verrosten. Von einer verschimmelten Wand löst sich grüne Farbe. Draußen fällt der Putz von den Wänden, Gras wächst in Regenrinnen, die Dächer der Fahrzeughallen sind eingestürzt. Ein verlassener Ort, unwirklich, interessant.

Ein dunkel gekleideter Mann durchstreift das Gelände. In der einen Hand hält er eine Taschenlampe, in der anderen ein Navigationsgerät. Als er merkt, dass hier noch jemand ist, blickt er zu Boden.

Aus Scham. Aus Unsicherheit. Das Areal ist Privatbesitz. „Ich bin Geocacher“, sagt der Mann leise. Er ist auf einer Art elektronischer Schatzsuche. Am Rand des früheren Radarpostens hat jemand eine Filmdose versteckt. Die Koordinaten sind im Internet nachzulesen — und die Kommentare anderer Schatzsucher. Einer schreibt über seinen Besuch im verlassenen Armeeobjekt: „Eine schöne (und etwas unheimliche) Zeitreise in den Ostblock.“ Ein anderer erzählt: „Auch ich konnte mich dem Reiz des Ortes nicht entziehen, hatte teilweise echt Gänsehaut.“ Ein Dritter warnt: „Es brauchen keine Gebäude betreten zu werden — Verletzungsgefahr!“

Der dunkel gekleidete Mann sagt: „Ich bin ganz erstaunt, dass es hier so etwas gibt.“ Er komme aus Lübeck. Nach dem Besuch der früheren Radarstation wird auch er eine Notiz im Internet hinterlassen:

„Toller Lost Place!“ Verlorener Ort. Meist handelt es sich dabei um leerstehende Industrie- oder Armeebauten, dem Verfall preisgegeben. Sie faszinieren Menschen als „Fenster zur Vergangenheit“ oder als letzte rätselhafte Winkel einer Welt, in der, wie sie meinen, sonst alles erforscht, geordnet und dem Nützlichkeitsdenken unterworfen sei. Einige „Urban Explorers“, wie sie sich nennen, bringen sich immer wieder in Gefahr, brechen in Gebäude ein, stehlen, was sie interessiert. Die meisten aber halten sich an einen Ehrenkodex: „Nimm nichts mit außer Fotos, lass‘ nichts zurück außer Fußspuren.“

Müll findet man auf dem ehemaligen Stützpunkt bei Lockwisch kaum. Das Gelände ist abgelegen, die verlassene Radarstation nur wenigen Menschen bekannt. So recht über sie reden kann oder will in dem nahen Ort niemand. Ein Einheimischer verweist auf den nächsten. „Fragen Sie ihn, er weiß besser Bescheid.“ Früher hatte so gut wie niemand Zutritt zu dem Stützpunkt, heißt es. Die Russen hätten bei der Ernte in der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft geholfen und beim Bau eines Bürgersteigs mit angepackt. Zu den einfachen Soldaten habe es kaum persönliche Kontakte gegeben, wohl aber zu den Familien der Kommandanten. Die hätten allerdings häufig gewechselt.

Die letzten Erinnerungen an das Leben in der früheren Radarstation verblassen. 1990 waren die sowjetischen Soldaten nutzlos geworden, überflüssig, Staub der Geschichte. Geblieben ist eine leere Hülle: verlassene Ruinen, Trümmer, das Abziehbild einer Frau, zerbrochene Spiegel, Scherben überall.

Viele Familien verschwanden
Unter politischem Druck verließen 1952 fast alle Bauern in Lockwisch ihre Heimat. Unter ihnen war Familie Rußwurm. Ihr gehörte ein nördlich des Dorfes gelegener Hof. Er fiel 1952 zunächst an den Örtlichen Landwirtschaftsbetrieb (ÖLB), später an die Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft (LPG). Die Gebäude verkamen immer mehr. Arbeiter rissen sie schließlich ab.

Auf dem Land bauten sowjetische Truppen eine Radarstation. Die Familie kehrte nach der Wende nicht nach Lockwisch zurück.

Jürgen Lenz

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