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MV aktuell Nachbarn zu Tod von Kleinkind: „Nicht mehr Geschrei als sonst“
Nachrichten MV aktuell Nachbarn zu Tod von Kleinkind: „Nicht mehr Geschrei als sonst“
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19:02 09.10.2018
Drama in Wolgast: Ein Mädchen aus der Makarenkostraße ist an Verbrühungen gestorben. Laut dem Oberstaatsanwalt badete die Mutter das Kind zu heiß und legte es ins Bettchen (Symbolfoto). Quelle: Tilo Wallrodt
Wolgast

Der tragische Tod der dreijährigen Emma, die mit schweren Verbrühungen in ihrem Bettchen starb, beherrschte auch am Dienstag die Gespräche in der 13 000 Einwohner zählenden Kleinstadt vor den Toren Usedoms. Die Polizei und die Staatsanwaltschaft Stralsund setzten die Ermittlungen zu den Todesumständen des Mädchens fort. Wie der Leitende Oberstaatsanwalt Sascha Ott sagte, werde die 27-jährige Mutter nochmals befragt. Zudem sollen Nachbarn vernommen werden. „Wir wissen bislang nicht, ob es ein Unfall war, das Kind fahrlässig oder vorsätzlich verletzt wurde“, so Ott. Die Mutter hatte angegeben, das Kind am Donnerstagabend in ein sehr warmes Erkältungsbad gesetzt zu haben, weil das Mädchen auch immer gern sehr warm badete. Als sie bemerkt habe, dass das Wasser doch zu heiß sei, soll sie das Mädchen auch kurz mit kaltem Wasser abgeduscht und dann mit den Verletzungen ins Bett gelegt haben. Die Obduktion durch die Gerichtsmedizin Greifswald hat ergeben, dass das Kind an Kreislaufversagen durch die Verbrühungen gestorben war (die OZ berichtete).

Schon bei 50 Grad heißem Wasser stirbt die Haut ab

In dem Plattenbau in der Wolgaster Makarenkostraße wird das Wasser in der Warmwasseraufbereitung auf 60 Grad erhitzt. Das bestätigte Jörg Juhnke, Technische Leiter der Wohnungsgesellschaft, bei der die Familie wohnt. „Auf dem Hahn kommt das heiße Wasser dann mit einer Temperatur von gut 50 Grad“, sagte Juhnke. Nach Aussage von Prof. Holger Lode, dem Chef der Kinder- und Jugendmedizin am Greifswalder Uniklinikum, reiche das, um ein Kind so zu verbrühen, dass es daran sterben kann. Bei Verbrühungen entstünden akute Überhitzungen des Körpers, die Haut werde zerstört. „Wenn das Wasser 50 oder 60 Grad hat und keine Soforttherapie erfolgt, stirbt die Haut ab und das Kind hat kein Schmerzempfinden mehr. Es weint dann auch nicht mehr“, erläutert der Mediziner. Normal sei für eine Dreijährige eine Badetemperatur von 30 bis 32 Grad. Das außer Kraft gesetzte Schmerzempfinden könnte auch die Ursache für das fehlende Schreien des Kindes sein. Nachbarn der Familie hatten am Donnerstagabend kein andauerndes Kinderschreien gehört. „Da war nicht mehr Kindergeschrei als sonst“, sagte eine Nachbarin.

Schwester der Mutter äußert sich

Die Schwester der jungen Mutter teilte in sozialen Netzwerken mit, dass sie inständig hoffe, dass es nur ein Unfall war. „Ich möchte mir nicht vorstellen, dass etwas anderes der Grund war“, sagte sie im Gespräch mit der OSTSEE-ZEITUNG. Die beiden Schwestern haben allerdings seit Jahren keinen Kontakt miteinander.

In der Wolgaster Familie lebte neben der dreijährigen Emma noch der knapp vier Monate alte Oliver Fabian. Er wurde am Freitag vom Jugendamt des Landkreises Vorpommern-Greifswald in Obhut genommen. „Wir sind über Tod des kleinen Mädchens zutiefst betroffen und erschüttert“, sagte Landkreissprecherin Anke Radloff. Die Familie war dem Jugendamt des Kreises bekannt: Es wurden Leistungen der Jugendhilfe in unterschiedlichen Formen gewährt. Das Kindeswohl der erst- und zweitgeborenen Töchter Romy und Clara sei sichergestellt worden durch die Herausnahme der Kinder aus der Familie und die Unterbringung in Pflegefamilien. Für das drittgeborene Kind Emma gab es Hilfe zur Erziehung im Rahmen einer Familienhilfe. Diese Hilfe zur Erziehung habe laut Landkreis aufgrund der Stabilisierung der Verhältnisse innerhalb der Familie beendet werden können. „Es bestand aber in Abständen weiterhin Kontakt des Sozialarbeiters zur Familie“, so Radloff. Zudem sei in Gesprächen in der Familie den Eltern Hilfe und Unterstützung bei Bedarf angeboten worden. Den letzten Kontakt zur Familie habe es im September nach der Geburt des jüngsten Kindes gegeben. „Dabei war alles unauffällig. Weder von Nachbarn noch von anderen Personen gab es irgendwelche Hinweise auf Kindeswohlgefährdung“, sagte die Kreissprecherin.

Sozialministerin Stefanie Drese (SPD) fordert angesichts des traurigen Vorfalls, die zahlreichen präventiven Kinderschutzmaßnahmen verstärkt zu nutzen. Der Geschäftsführer des Kinderschutzbundes in MV, Carsten Spies, warnte trotz aller Tragik vor einer Vorverurteilung der Mutter und des Jugendamtes. Erst wenn alle Fakten ermittelt seien, werde er ein abschließendes Urteil abgeben.

Die 27-jährige Mutter aus Wolgast hat sich inzwischen einen Anwalt als Rechtsbestand genommen.

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Cornelia Meerkatz

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