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Eiland der Vogelkundler

Greifswald Eiland der Vogelkundler

Insel statt Großstadt: Auf der Greifswalder Oie beringen Stella Klasan und Bernhard Paces Kohlmeise und Co.

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Die Vogelwarte ist eines der wenigen Häuser auf der Oie. Zudem haben Seenotretter dort eine Station.

Greifswald. „Ach Schnucki, du musst stillhalten.“ Sanft streicht Stella Klasan dem Neuntöter übers Gefieder. Geduldig friemelt sie den Vogel aus dem Japannetz, in dessen Maschen der Piepmatz baumelt. Ganz geheuer scheint dem Vogel das nicht zu sein. Emsig wie eine Nähmaschine hackt er seinen Schnabel in die Hand seiner Befreierin und krakeelt dazu wie wild. „Autsch.“

OZ-Bild

Insel statt Großstadt: Auf der Greifswalder Oie beringen Stella Klasan und Bernhard Paces Kohlmeise und Co.

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Stella Klasan zuckt nur kurz zurück und wickelt weiter. Wer Vögel schützen will, darf nicht zimperlich sein.

Stella Klasan hat ein Herz für Vögel. Um sie zu erforschen, ist die 27-Jährige auf das wohl abgelegenste Fleckchen Mecklenburg-Vorpommerns gezogen: die Greifswalder Oie. Das Eiland zwischen Rügen und Usedom gilt wegen seiner isolierten Lage als „Helgoland der Ostsee“. Mehr als zehn Kilometer trennen die unter Naturschutz stehende Insel vom Festland. Hierher verirrt sich kaum ein Mensch. Wildvögel dafür umso mehr. Die Oie liegt auf einer bedeutenden Reiseroute jener, die im Herbst von Skandinavien gen Süden flattern, ist ein begehrter Rastplatz. Perfekte Voraussetzungen also für „Feldforschung“. Deshalb betreibt der Verein Jordsand auf der Oie eine wissenschaftliche Beringungsstation. Seit Juli ist Stella Klasan Chefin der Vogelwarte. Für die gelernte Forstfachfrau die Erfüllung eines Jugendtraumes.

Behutsam verstaut Stella Klasan den Neuntöter im Stoffbeutel, den ihr Kollege Bernhard Paces reicht. Sofort hält der Piepmatz seinen Schnabel. „Sein Stresspegel sinkt, sobald’s dunkel ist“, erklärt die junge Frau und setzt die Tour durch den Fanggarten fort. 27 Japannetze sind an verschiedenen Plätzen der Oie aufgespannt. Zu jeder vollen Stunde werden sie kontrolliert. Die Masche ist effektiv:

An guten Tagen gehen den Vogelkundlern so bis zu Tausend Tiere ins Netz. In den Maschen verfängt sich die ganze Vielfalt der Vogelwelt. 192 verschiedene Arten wurden seit 1994 auf der Oie schon ausgemacht. Auch seltene Gäste wie Schilfrohrsänger, Ziegenmelker und Nachtigallen legen hier einen – unfreiwilligen – Zwischenstopp ein. Wer zum ersten Mal ins Netz fliegt, bekommt einen Ring verpasst. Im Dienste von Wissenschaft und Naturschutz.

Im Beringerhaus nimmt Bernhard Paces den Neuntöter Maß: Schwingen, Gewicht, Fettpolster und Flugmuskel – alles wird kritisch beäugt. „Er stammt aus diesem Jahr und trägt noch sein Jugendkleid“, stellt der 22-jährige Wiener fest. Stella Klasan tippt alle Messwerte in den Computer ein. Zum Spaß haben die Vogelkundler eine digitale „Hall of Fame“ angelegt. Die Ruhmesliste führt eine Kohlmeise an. Ganze 20-mal sprang die Unbelehrbare 2015 den Oie-Ornithologen in die Maschen, in diesem Jahr holten sie den Blindflieger bislang sieben Mal aus dem Netz. „Das Jahr ist noch jung. Genug Zeit, den Rekord zu brechen“, scherzt Bernhard Paces. Ob der Neuntöter wohl genauso oft wiederkehrt? Der Rückflug in die Freiheit spricht jedenfalls Bände. Kaum hat Bernhard Paces den Vogel aus dem Fenster geschubst, ist der auch schon zurück im Haus – und verheddert sich prompt in einem Fangnetz an der Decke. Im zweiten Anlauf schafft der Neuntöter dann aber doch den Abflug. Mit einem exklusiven Schmuckstück. Bernhard Paces hat ihm nach dem Wiegen einen Vogelring ans Bein geklemmt. Anhand der einzigartigen Kombination aus Zahlen und Buchstaben darauf lässt sich der Neuntöter zweifelsfrei identifizieren. So sind ihm Forscher zeitlebens buchstäblich auf den Fersen. Sobald Vogelfreunde ihn erneut einfangen oder tot auffinden, geht eine Meldung an eine Datenbank, die die europäischen Beringungszentralen gemeinsam füttern. Mit Hilfe dieses Netzwerks betreiben Wissenschaftler Grundlagenforschung und entlocken der Avifauna ihre Geheimnisse. Welchen Einfluss hat der Klimawandel auf das Zugverhalten? Wie entwickeln sich die Bestände unterschiedlichster Arten und wie nahrhaft ist das Futter in ihrem Brutgebiet? Ganz schön viele Infos, die ein Ringträger da mit sich rumschleppt.

Doch davon spürt er wohl nichts. Der Vogelring mache nur ein Prozent seines Körpergewichts aus, erklärt Stella Klasan.

Auf der Oie hat die Herbstfangsaison gerade erst begonnen. Bis Anfang November werden Vögel beringt. Ein gutes Dutzend Freiwillige helfen Stella Klasan dabei. Doch sobald das letzte Japannetz aufgewickelt ist, wird’s ruhig auf der Insel. Die meisten Kollegen reisen ab. Die Fähre, die jetzt noch täglich bis zu 50 Ausflügler auf die Oie übersetzt, macht Winterpause. Wer bleibt, muss entbehren können. Stella Klasan kann. Ein halbes Jahr lang hat sie als Vogelwartin auf Scharhörn, einem Eiland im Wattenmeer, gelebt. Mutterseelenallein. „Da muss man schon mit sich im Reinen sein.“

Dabei ist sie Großstadtrummel gewohnt: Vor ihrem Inselleben machte die gebürtige Cottbuserin im umtriebigen Berlin gern mit Freunden die Nächte durch. Auf der Oie lässt sie die Tage gemütlich ausklingen. In einer Kuhle oberhalb der Steilküste. Mit Panoramablick auf Hafen und Sonnenuntergang, untermalt vom Abendlied der Singvögel. In solchen Momenten weiß sie: Hier bin ich goldrichtig.

Vielfalt im Netz

3 Zentralen für wissenschaftliche Vogelberingung gibt es in Deutschland: das Institut für Vogelforschung Wilhelmshaven mit der Vogelwarte Helgoland, das Max-Planck-Institut für Ornithologie mit der Vogelwarte in Radolfzell am Bodensee und die Beringungszentrale Hiddensee am Landesamt für Umwelt, Naturschutz und Geologie Mecklenburg-Vorpommern mit der Station auf der Greifswalder Oie. Letztere ist zuständig für MV, Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Sachsen und Thüringen.

Seit 1994 wurden auf der Oie mehr als 413000 Vögel in 191 Arten beringt. Vor wenigen Tagen ist den Insulanern die 192. Art in die Fangnetze geflattert: eine Flussseeschwalbe. Beringt wird jedes Jahr von 15. März bis 9. Juni und dann nochmal vom 1. August bis 6. November. Die am häufigsten gefangenen Arten sind Rotkehlchen, Wintergoldhähnchen und Fitis.

Vogelringfund melden:

☎ 03834 / 88766 -13 oder -14

Antje Bernstein

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