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Ein 3200 Jahre altes Berufsheer

Wiligrad/Weltzin Ein 3200 Jahre altes Berufsheer

Neue Erkenntnisse zum einzigartigen Schlachtfeld: Offenbar waren es professionelle Krieger, die in der Bronzezeit im Tollensetal kämpften.

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Fundstücke aus dem Tollensetal: Die Osteoarchäologinnen Ute Brinker (l.) und Annemarie Schramm untersuchen Oberschenkelknochen.

Quelle: Fotos: Frank Söllner

Wiligrad/Weltzin. Es muss eine gewaltige Schlacht gewesen sein. Ein Gemetzel. Bogenschützen nehmen von den Hängen des Tollensetals feindliche Krieger unter Beschuss, lassen einen Pfeilhagel auf die Gegner am Fluss niedergehen. Dann rücken Angreifer nach, und im blutigen Nahkampf – mit Schwertern, Beilen, Lanzen und Holzkeulen – sterben Hunderte, vielleicht Tausende. Die Toten werden ausgeplündert, in den Sümpfen zurückgelassen und Skelettteile während des Leichenzerfalls weggeschwemmt.

OZ-Bild

Neue Erkenntnisse zum einzigartigen Schlachtfeld: Offenbar waren es professionelle Krieger, die in der Bronzezeit im Tollensetal kämpften.

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Treibholz bedeckt die menschlichen Überreste, Moor überlagert sie. Die Toten geraten in Vergessenheit. Mehr als 3200 Jahre lang. Die Schlacht ist ein mögliches Szenario, von Archäologen und Anthropologen anhand der bisherigen Funde rekonstruiert. Und davon gibt es gibt Tausende: „Es ist unsere größte Knochenserie aus der Bronzezeit – ein einmaliger Fundplatz“, betont der Schweriner Landesarchäologe Detlef Jantzen.

Und – so eine neue Erkenntnis – an den Kämpfen waren offenbar Männer beteiligt, die man heute Berufssoldaten nennen könnte. „Es gibt einige Hinweise, dass an der Schlacht professionelle Krieger teilgenommen haben“, sagt Ute Brinker. Die Archäologin untersucht mit ihrer Kollegin Annemarie Schramm im Schloss Wiligrad am Schweriner See die Knochen der Toten aus dem Tollensetal.

Dutzende Totenschädel lagern hier in Regalen, auf Tischen liegen Oberschenkelknochen, Rippen, Wirbel. Und ein besonderes Schädelfragment: Für den Bronzezeitkrieger war es tödlich, für die Forscher ein Glücksfall – in der Schädeldecke steckt noch die bronzene Pfeilspitze, die dem Mann um 1250 vor Christus den Tod brachte.

Anhand bestimmter Knochenmerkmale ermittelten die Forscher, dass es sich bei den Toten um Männer zwischen zwanzig und vierzig Jahren handelt.

Die Dominanz junger Männer sei einer der Hinweise „auf gezielte Auswahl kampffähiger Personen“, erklärt Ute Brinker.

Weitere Indizien: Manche Krieger hatten verheilte, durch Waffen verursachte Verletzungen. Die Männer könnten also schon vorher in blutige Kämpfe verwickelt gewesen sein.

Das gefundene Schwert, die Lanzen- sowie Pfeilspitzen – aus Bronze und Feuerstein – weisen zudem auf unterschiedliche Kampftechniken sowie auf soziale Unterschiede der beteiligten Kämpfer hin. Denn nur sehr reiche Männer konnten sich kostbare Schwerter leisten. Auch das Ausmaß der Schlacht ist laut Ute Brinker ein Indiz: Hochrechnungen zufolge könnten am Gemetzel an der Tollense bis zu 3000 Kämpfer teilgenommen haben. Eine enorme Anzahl im damals kaum besiedelten Nordeuropa. „Es war eine außergewöhnliche Organisation nötig, so viele Krieger zusammenzubringen“, betont die Archäologin.

Schon in den 1980er Jahren wurden im Tollensetal Menschenknochen gefunden. In den Fokus der Archäologen rückte die Gegend aber erst, als ehrenamtliche Bodendenkmalpfleger 1996 einen Oberarmknochen fanden, in dem eine Feuerstein-Pfeilspitze steckte. Und eine Holzkeule in der Form eines heutigen Baseballschlägers.

Das Problem: Die Reste der einzelnen Menschen liegen verstreut im Morast, zusammenhängende Skelettteile wurden nur wenige gefunden.

Für Ute Brinker und Annemarie Schramm begann mit dem 2010 gestarteten Projekt „Bronzezeitliches Schlachtfeld Tollensetal“ der Deutschen Forschungsgemeinschaft eine Puzzlearbeit. Bislang konnten dabei die Knochen rund 130 verschiedenen Individuen zugeordnet werden.

„Das Bild davon, was sich damals dort ereignet haben könnte, ist vollständiger geworden“, sagt Annemarie Schramm. Weitere Untersuchungen der Knochen könnten nun ergeben: Woher stammten die Menschen?

An welchen Krankheiten litten sie? Was haben sie gegessen? Von Interesse ist auch ein bei den Ausgrabungen entdeckter Damm: ein um das Jahr 1900 vor Christus angelegter, mit Holz und Steinen befestigter Weg, der das Tal und womöglich über eine Brücke den Fluss querte. Gab es dort also schon vor fast 4000 Jahren ein ausgebautes Verkehrswegenetz?

Vortrag zur Tollenseschlacht

Einen Einblick in ihre Untersuchungen geben Ute Brinker und Annemarie Schramm am Mittwoch, 11. Januar, um 19.30 Uhr im Archäologischen Freilichtmuseum Groß Raden. Die Osteoarchäologinnen stellen unter anderem Ergebnisse der CT- und 3D-Analysen der im Tollensetal gefundenen Knochen vor.

Die bronzezeitliche Schlacht im Tollensetal ereignete sich um das Jahr 1250 vor Christus. Auch nach mehr als 3200 Jahren sind viele der Knochen noch exzellent erhalten. Das ermöglicht den Forschern weitreichende Untersuchungen.

Axel Meyer

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