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MV aktuell Dorf der roten Dächer: Mühl Rosin im Aufschwung
Nachrichten MV aktuell Dorf der roten Dächer: Mühl Rosin im Aufschwung
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15:52 04.09.2018
Mühl Rosin, das den Wettbewerb "Unser Dorf hat Zukunft – unser Dorf soll schöner werden" gewonnen hat. Im Hintergrund Güstrow. Foto: Frank Hormann
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Mecklenburg-Vorpommern

Francesco Iacovina redet so schnell wie ein Wasserfall, während er dicke Holzscheite in seinen Pizzaofen steckt. „Ich war Pizzabäcker in Italien, in Dänemark, ich könnte arbeiten überall auf der Welt“, sagt der 37-Jährige mit italienischem Akzent. „Die Leute haben mich gefragt: Was willst du hier? Das ist ein Dorf, wer soll da deine Pizza kaufen?“ Francesco ließ sich nicht beirren. Heute ist sein winziger Imbiss eine der beliebtesten Pizzerien in der gesamten Region, am Abend stehen Leute, die weit gefahren sind, Schlange. Wie lange er noch bleiben will, weiß Francesco nicht. Bis zur Rente wahrscheinlich nicht. Er wirkt entspannt. Schaffst du es in Mühl Rosin, schaffst du es überall.

Die Gemeinde, 1160 Einwohner, südlich von Güstrow, wurde vor ein paar Wochen vom Land zum „schönsten Dorf von Mecklenburg-Vorpommern“ gekürt. Bürgermeister Ulrich Blau wollte sich erst gar nicht für den jährlich verliehenen Titel bewerben. „Ich mache das nur, wenn ihr mitmacht“, hat er seinen Gemeindevertretern gesagt. Der pensionierte Realschullehrer wollte nicht, dass die ganze Arbeit an ihm allein hängen bleibt. Auch jetzt, wo es geklappt hat, bleibt der 67-Jährige bescheiden. „Wir haben viel erreicht“, sagt er. Anfang der 1990er Jahre seien die richtigen Entscheidungen getroffen worden.

Typisch rote Dächer als Pflicht

Baugrundstücke wurden ausgewiesen, aber nicht zu viele. Leute, die es sich leisten konnten, zogen in das malerische Dorf an den Güstrower Stadtrand. „Wir waren uns damals einig, was wir wollten“, sagt Ulrich Blau. Als eine der ersten Gemeinden führte Mühl Rosin eine Gestaltungssatzung ein, die Details wie die typischen roten Dächer für alle Neubauten vorschrieb. Das Ortsbild blieb von Entgleisungen verschont, Leerstand oder verfallene Häuser sind schon lange verschwunden. Stattdessen viel Zuzug. Jüngere Familien mit Kindern kommen ins Dorf, und Ältere aus ganz Deutschland, die ländlich wohnen wollen. Neue Baugrundstücke gibt es so gut wie nicht mehr. „Ab und zu wird mal ein Haus verkauft, wenn jemand wegzieht“, sagt der Bürgermeister.

Idylle für den Nachwuchs: Hortkinder in Mühl Rosin beim Spielen. Quelle: Frank Hormann

„Es ist toll, sehr grün und nah dran an der Stadt“, schwärmt Corinna Buske. Die heute 38-Jährige zog vor sechs Jahren von Güstrow hierher. Nun holt sie ihre Kinder Jonas (4) und Louisa (6) aus Schule und Kindergarten ab. Dass es beides im Dorf gibt, war ein weiterer Grund, nach Mühl Rosin zu ziehen. Auf die Schule ist Bürgermeister Blau stolz. Das denkmalgeschützte Haupthaus war einer der ersten Schulneubauten in der DDR. Später kamen Anbauten dazu. Zurzeit errichtet die Gemeinde eine Krippe, gegenüber wurde ein ehemaliges Schulhaus zu einem Mehrzweckgebäude umgebaut. Darin treffen sich einige der unzähligen Vereine der Gemeinde. Die Mühl Rosiner können organisiert Tennis und Fußball spielen, Leichtathletik, Heimatforschung, Naturschutz und Fotografie betreiben. Die Vereine haben einen Dachverband, der die Aktivitäten koordiniert.

Imbiss und Pizzeria im Dorf

Ulrich Blau, Bürgermeister von Mühl Rosin, steht vor dem Landmarkt und Imbiss im Ort. Quelle: Bernd Wüstneck/DPA

Die Geschichte des Orts am Inselsee reicht bis ins 13. Jahrhundert. Mönche stauten den Fluss Nebel, um eine Mühle anzutreiben. Außerdem bauten sie Wein an – daher der Name Rosin, wegen der Weinbeere. Heute gehören noch Kirch Rosin, wo eine Kirche aus der Zeit der Mönche steht, Bölkow und Koitendorf zur Gemeinde.

Bei Ramona Bröcker ist zur Mittagszeit Hochbetrieb. Handwerker und Nachbarn kommen zum Essen in ihren Imbiss mit kleinem Laden, der vor dreieinhalb Jahren gleich neben der Pizzeria eröffnete. Bürgermeister Blau nennt den Laden „Konsum“, Ramona Bröcker verdreht die Augen, so hieß der Laden doch vor Jahrzehnten. Aber: Es läuft bestens. Mittags ist es voll und abends, wenn man draußen im sorgfältig dekorierten Garten sitzen kann, auch. Was hat es gebracht – schönstes Dorf in MV? Blau, seit 49 Jahren hier zu Hause, lächelt. Die 3000 Euro Preisgeld sind schön. Mehr nicht. Finanziell steht Mühl Rosin bestens da, keine Schulden, ausgeglichener Haushalt. Wichtiger sind Blau die „vielen neuen Ideen und Projekte“. Es gibt schließlich noch unendlich viel zu tun.

Gerald Kleine Wördemann

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