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MV aktuell Ein Stück Geschichte gesprengt
Nachrichten MV aktuell Ein Stück Geschichte gesprengt
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00:02 29.09.2017
„Mein Team und ich haben die Sprengung vier Wochen vorbereitet. Es kann immer etwas schiefgehen. Etwa, dass zu viel stehen bleibt.Mike Bühring, Sprengmeister

Am Schluss geht dann alles sehr schnell. Ein mächtiger Knall, ein kurzes dumpfes Grollen – und schon ist das Müritz-Hotel in Klink Geschichte. 380 Kilogramm Industriesprengstoff der Marke „Riodyn“, verteilt in 1500 Bohrlöcher, lassen das achtstöckige ehemalige DDR-Vorzeigehotel in sich zusammensacken wie eine nasse Sandburg bei Sturm und verwandeln es in einen Berg aus 5000 Tonnen zerbröselten Beton.

380 Kilogramm Sprengstoff besiegelten gestern das Ende eines früheren DDR-Vorzeigehotels in Klink an der Müritz. Für viele Menschen in der Region war es mehr als nur ein Hotel.

Die ehemalige Köchin

Traudi Hoffmeier und

Ehemann Egon. FOTOS: G. K. WÖRDEMANN

Vier Wochen lang dauerten die Vorbereitungen für den „Tag X“. Ein Team um den Magdeburger Sprengmeister Mike Bühring (42) bohrte die Löcher und schüttete einen Sandwall als Splitterschutz auf.

Außerdem entfernten die Spezialisten tragende Wände im Keller des 1974 errichteten Hotelkomplexes – damit die drei einzelnen, sternförmig angeordneten Gebäudeteile in die richtige Richtung stürzen.

Alle 1500 Zünder kontrollierte Bühring am Schluss noch einmal selbst. „Sicher ist sicher“, sagt er.

Eine halbe Stunde, bevor er den roten Knopf drücken wird, steht Bühring auf einer abgesperrten Wiese, noch ragt hinter ihm das ehemalige FDGB-Erholungsheim „Herbert Warnke“, so hieß das Hotel früher.

Nein, er sei nicht nervös. „Das Einzige, was mich stört, sind die vielen Fragen der Reporter“, sagt er und lächelt zum ersten Mal. Bühring hat schon viele Gebäude mit seinem Sprengstoff einstürzen lassen. So ein großes sei aber auch für ihn nicht alltäglich. Am häufigsten sprengt er zurzeit Beton-Fundamente von abgebauten Windrädern. Kann heute etwas schiefgehen? Klar, wenn die Fallrichtung nicht stimmt und zu viel stehen bleibt. Dann müssen die Bagger den Rest erledigen, was Zeit und Geld kostet. Das ist übrigens der einzige Grund fürs Sprengen: Ein konventioneller Abriss würde viele Wochen länger dauern und eine benachbarte Reha-Klinik mit Lärm und Dreck belasten.

Der Besitzer des Hotels, die Berliner Avila Gruppe, hat ein kleines Volksfest auf die Beine gestellt. Es gibt Eis, Bier und Würstchen, auf einer kleinen Bühne spielt eine Band Schlager. Um 15 Uhr will Bühring den Knopf drücken, eine knappe Stunde davor verlieren sich nur etwa 300 Leute auf dem parkähnlichen Gelände. Patienten der Reha-Klinik sitzen in der Herbstsonne und rauchen. „Könnten ruhig ein paar Leute mehr sein“, sagt Frank Fettback, Chef einer Abrissfirma aus Potsdam, die den 2,5 Millionen Euro teuren Hotelabriss koordiniert. „Aber immerhin sind keine Protestler da“, meint Fettback. Nicht jeder in der Region freut sich über das Verschwinden des Hotels.

Langsam wird es voller. Schließlich sehen 2000 Leute die Sprengung, die Hälfte davon auf einem der mehreren hundert Boote und Ausflugsschiffe auf der Müritz, die bis auf ein paar Dutzend Meter an das Hotel reicht. 500 Zuschauer gibt es im Park zwischen Reha-Klink und Hotel. Etwa weitere 300 stehen an der Burenstraße 192 und werden nach der Detonation vom Wind mit Staub von dem Trümmerberg vollgepustet.

„Ich wollte erst gar nicht kommen“, sagt Traudi Hoffmeier (65). Die Rentnerin verbrachte fast ihr ganzes Berufsleben in dem 500-Betten-Hotel. 1968 fing sie als 14-Jährige in dem Vorgänger an, dem Ferien-Bungalow-Dorf „Völkerfreundschaft“ – als Küchenhilfe. Später wurde sie Köchin in dem Hotel. „Wir haben in drei Schichten gearbeitet, sieben Tage die Woche“. Hier lernt sie ihren Mann Egon kennen, der auf einer der vielen Baustellen auf dem Gelände arbeitet. Das Paar zieht gleich nebenan ins betriebseigene Wohnheim, die Kinder werden geboren und gehen später in den Betriebskindergarten. „Es war eine schöne Zeit“, sagt Traudi Hoffmeier.

Auch Gerd Schröter kann sich nicht so richtig freuen. „Das zeigt doch, wie wir im Osten unsere Vergangenheit verlieren“, sagt der ehemalige Hoteldirektor. Der heute 77-Jährige arbeitete nach der Eröffnung fünf Jahre in dem Haus, 1999 kam er wieder, diesmal als Chef. 2004 war dann für ihn Schluss, zehn Jahre später fürs ganze Haus. „Es hätte mehr investiert werden müssen“, sagt Schröter. Nach der Wende habe es eine Sanierung gegeben, dann passierte nichts mehr. Das Haus war am Ende nicht mehr konkurrenzfähig.

Bis 2020 soll ein neues Müritz-Hotel entstehen. „Wir investieren 60 Millionen Euro“, sagt Douglas Fernandes. Dem aus Sri Lanka stammenden Berliner gehört die Avila Gruppe. Was Fernandes verspricht, klingt so, als solle es zumindest ein bisschen so werden wie früher. „Wir wollen etwas für die Familien tun“, sagt der Immobilienunternehmer. Neben dem neuen 250-Betten-Hotel sei deshalb ein Wohnhaus für 200 Mitarbeiter geplant. In der Region findet nicht jeder die Neubaupläne gut. Zu klein sei das neue Hotel, sagen manche.

Ein halbes Jahr dauern die Abbrucharbeiten am alten Hotel bereits. 12000 Quadratmeter asbesthaltiger Fußboden wurden entsorgt. Das frühere Schwimmbad, in dem fast alle Kinder aus der Gegend schwimmen lernten, verschwand als Erstes. In einem halben Jahr soll dann alles weg sein.

Gerald Kleine Wördemann

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