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Ein Viertel AfD-Wähler: Zu Besuch in Toitenwinkel

Rostock Ein Viertel AfD-Wähler: Zu Besuch in Toitenwinkel

Ergebnis der Bundestagswahl spaltet Anwohner in Rostocks Nordosten

Rostock. Hier ist alles neu. Wie gerade erst eröffnet glänzt der noch junge Sky-Markt nahe der Salvador-Allende-Straße am ersten Tag nach der Bundestagswahl in der Mittagssonne. So sieht es nicht überall in Rostock-Toitenwinkel aus. Männer und Frauen tragen Plastiktüten aus dem Supermarkt, bleiben für einen Plausch stehen. Im Stadtteil wohnen Familien, Singles, Alleinerziehende und Studenten in Tausenden Plattenbauwohnungen. Hier kann man noch günstig wohnen. Und ein Fitnessstudio gibt es hier auch. Warum haben hier überdurchschnittlich viele Menschen die Alternative für Deutschland (AfD) gewählt?

Auf der anderen Seite des Parkplatzes, vorm Bäcker, steht Doris Hein. „Bescheuert“ sei das Wahlergebnis. Sie hatte auf die SPD gehofft – auch wenn Spitzenkandidat Martin Schulz nicht unbedingt ein Sympathieträger sei. Das Thema Renten sei ihr besonders wichtig. „Dass ich nicht aufstocken muss“, sagt die 53-Jährige und nippt an ihrem Kaffee. Viele Jahre hat sie in der Gebäudereinigung gearbeitet – ein Knochenjob. Ihre Gelenke seien kaputt. Nun Reha, danach hoffentlich wieder Arbeit.

Rund ein Viertel der Stimmberechtigten im nordöstlichen Stadtteil hat die AfD gewählt. Damit liegen die Rechtspopulisten knapp vor Union und Linke und weit vor der SPD. Woran liegt das? „Daran, dass die Leute unzufrieden sind“, vermutet Doris Hein mit Unverständnis für Protestwähler.

Der einstige Sky-Markt ein paar Hundert Meter entfernt vom neuen Standort steht leer. Der schmucklose Platz, das „Friedensforum“, ist umsäumt von kleinen Läden – und ist ebenso leer. Ein Einzelhändler steht vor seiner Tür und raucht. Der Schatten der umliegenden Häuser fällt ihm ins Gesicht. Seinen Namen will er nicht verraten, erzählt aber, dass er die AfD gewählt hat. „Das Parteiprogramm ist gut“, sagt der 47-Jährige. Alle anderen Parteien habe er abgeschrieben. Dass die AfD in Toitenwinkel so erfolgreich war, liegt aus seiner Sicht an der Zuwanderung und daran, dass sich „die Menschen Sorgen machen“. „Vergewaltigungen“ benennt er knapp eine Angst der Anwohner. Gibt es viele Ausländer in Toitenwinkel? „Es laufen schon mehr rum“, aber so richtig spürbar sei keine Veränderung. Man höre aber viel über Straftaten aus anderen Stadtteilen, „aus der Kröpeliner-Tor-Vorstadt zum Beispiel“.

Andy Ihm (33) hat es eigentlich eilig. Er will gerade auf sein Rad steigen, da fängt er an zu erzählen: Seine Freundin Jenny Rudloff (24) müsse mit dem Bus zur Arbeit fahren. Der sei „voller Türken“.

Deshalb holt der Toitenwinkler sie von der Haltestelle ab. Man traue sich auch nichts gegen sie zu sagen – vielleicht zückten sie ja ein Messer, sagt seine Freundin. „Ich habe nichts gegen Ausländer, aber wo ist die Gerechtigkeit?“, fragt sie. Auf dem Wohnungsmarkt würden Migranten zum Beispiel bevorteilt. Gewählt haben beide nicht. „Bringt doch eh nichts“, sagt Andy Ihm. Dass Angela Merkel wiedergewählt werden würde, sei doch vorher schon klar gewesen.

AfD-Hochburgen wie Toitenwinkel gibt es auch westlich der Rostocker Warnow, in Schmarl oder Groß Klein zum Beispiel. Ebenso weiter östlich in MV: Garz auf Usedom ist eine davon. Dort haben 57 von 120 Wählern, also 44 Prozent, ihr Kreuz bei der AfD gemacht. Die Gründe heißen auch auf der Ostseeinsel Rente, Unzufriedenheit und nicht zuletzt die Einwanderungspolitik.

Zwischen neuem und altem Supermarkt in Toitenwinkel liegen schmale Wege, die an hohen Fassaden entlang führen, etwas Grün, hübsch zurecht gemachte Balkons, Sitzgelegenheiten. Eine ältere Dame sitzt auf einer Parkbank und starrt geradeaus. Auf dem neuen Parkplatz schlendern Nico Conteduca und Angelina Oster zwischen parkenden Autos hindurch zum Sky-Markt. Für die 18-Jährige sei die AfD klar „rechtsradikal“. Ein triftiger Grund für die Erstwählerin, ihre Stimme einer anderen Partei zu geben. Das Endergebnis der Bundestagswahl aus ihrer Sicht: „Nicht so schön, dass die AfD so viele Stimmen hat.“ Ihre Familie kommt aus Russland. „Und? Wir haben uns doch auch gut integriert.“ Die Befürchtungen einiger Anwohner im Stadtteil sind auch aus Sicht von Freund Nico unbegründet. „Das ist doch nur Angst vor dem Unbekannten.“ Dennoch, macht er klar, müsse Einwanderung wegen der Terrorgefahr kontrolliert werden.

Der blaue Himmel wird an diesem Tag dichten Wolken weichen. In einem sind sich die Menschen rund um den Sky-Markt einig: Nun heißt es abwarten, mehr bleibt ihnen erst mal nicht.

Philip Schülermann

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