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Eine Patientin klagt an: „Dieser Arzt zerstörte mein Leben“

Barkow Eine Patientin klagt an: „Dieser Arzt zerstörte mein Leben“

Kristina Marscheider ist ein Opfer des Skandal-Chirurgen Thomas M.. Mit ihrer Hilfe wurde er verhaftet.

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Kristina Marscheider (42) liest in ihrer Krankenakte. Ihr altes Leben ist für immer zerstört.

Quelle: Fotos: Dietmar Lilienthal

Barkow. Es sollte nur eine kleine Operation sein. Diese lästigen Rückenschmerzen wären danach vorbei. Es kam anders. Als Kristina Marscheider am nächsten Morgen aufwachte, konnte sie nur noch die Augen bewegen. Heute, vier Jahre nach der verhängnisvollen Opera- tion, meint die 42-Jährige: „Dieser Arzt hat mein Leben zerstört.“ Sie ist nicht die einzige, die das über den Rostocker Neurochirurgen Thomas M. sagt.

Der fatale Doktor operierte mehr als zehn Jahre lang in seiner Rostocker Praxis an den Wirbelsäulen seiner Patienten, ab Mai 2013 in der Schweiz. Weil er Krankenkassen und Privatpatienten mit falschen Abrechnungen um 1,3 Millionen Euro betrogen haben soll, sitzt der 50-Jährige seit Ende Februar in Untersuchungshaft in Rostock-Waldeck — und wartet dort auf seinen Prozess.

Anwalt Lothar Dohrn aus Hamburg vertritt acht Patienten, deren Leben der Mediziner ruiniert haben soll. Der älteste Fall stammt von 2002. Dohrn: „Ich verstehe nicht, warum ihn die Behörden nicht längst gestoppt haben.“ Die Rostocker Universitäts-Klinik behandelt seit 2003 immer wieder Patienten, teils mit lebensbedrohlichen Komplikationen, die zuvor auf M.s OP-Tisch lagen. Das Schweriner Verwaltungsgericht verhandelt seit Jahren über den Entzug der Approbation, also ein Berufsverbot. Bisher ohne Ergebnis. M. operierte weiter.

Dass ihm nun „nur“ eine Gefängnisstrafe als Betrüger droht, löst bei vielen seiner Opfer Wut aus. „Was er mir angetan hat, empfinde ich als schlimmer“, sagt Hannelore Possehl (85) aus Sassnitz.

Die Rentnerin sitzt im Rollstuhl, seit M. sie operierte. Ärzte bescheinigten ihr, dass bei dem Eingriff haarsträubend gepfuscht wurde. Ihr fehlte das Geld, gegen den Chirurgen zu klagen.

Kristina Marscheider ging diesen Weg — mit Hilfe einer Rechtsschutzversicherung, ihrer Familie und Ärzten einer Spezialklinik in Hessen, die ihre Gesundheit wenigstens etwas wiederherstellten.

Inzwischen kann die dreifache Mutter wieder gehen. Ihren Kopf wird sie aber nie wieder nach links, rechts, oben oder unten bewegen können. Sie hat ständige Schmerzen, ist zu 100 Prozent schwerbehindert und kann nicht mehr arbeiten. Ihr einstiges Leben mit Sport, Reisen und sozialen Kontakten ist für immer vorbei. Heute ist sie an ihr Haus in Barkow bei Altentreptow gefesselt. Sie erhält eine kleine Berufsunfähigkeitspension.

Ihre Krankengeschichte füllt einen dicken Ordner. Die Papiere darin zeugen von unfassbarem Horror. Dr. M. bohrte Schrauben in ihre Halswirbel — um einen Riss, den es gar nicht gab, zu behandeln. Vier Schrauben ragten in das Kleinhirn, eine drang in den Rückenmarkskanal ein. Sie hatte viel Glück, dass sie nicht querschnittsgelähmt wurde. Thomas M. hielt das alles auf Bildern seines Computertomographen fest. Und log dreist, alles sei in Ordnung. Laut Gutachten der Berliner Charité schädigte M. seine Patientin in voller Absicht. Ein Verfahren wegen vorsätzlicher Körperverletzung soll im Sommer beginnen.

Dass er aus dem Verkehr gezogen wurde, ist auch ein Verdienst von Kristina Marscheider. In einem Zivilverfahren erstritt sie eine Entschädigung, konnte aber nicht hinnehmen, dass der Mann unbehelligt weitermachen darf. Per Telefon und Internet hängte sie sich an seine Fersen. Sie fand etwa heraus, dass M. auch in der Schweiz schon „Kunstfehler“ vorgeworfen wurden. Was sie erfuhr, gab sie an die deutschen Behörden weiter — bis ihn die Polizei verhaftete. Sie wird beim Prozessauftakt am 12. Mai dabei sein. „Ich will ihm noch einmal ins Gesicht sehen“, sagt sie bitter.

Kassen entzogen Zulassung schon 2009
1,3 Millionen Euro soll Thomas M. ergaunert haben. Über eine Abrechnungsstelle forderte er 2013 sogar von Kristina Marscheider noch zusätzlich mehrere Tausend Euro nach — als die Folgen der fatalen OP längst bewiesen waren. Seine Kassenarzt-Zulassung verlor M. 2009. Seitdem durfte er nur noch Privatpatienten behandeln.

 



Gerald Kleine Wördemann

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Ärztepfusch in Rostock: Skandal-Arzt Thomas M. hat Kristina Marscheider Schrauben ins Gehirn gedreht. Eigentlich sollte ihr Hals bei der OP fixiert werden. Natürliche Drehbewegungen des Kopfes sind nicht mehr möglich.

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