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MV aktuell Elektroschocks für Neunaugen: Biologen retten lebende Fossilien
Nachrichten MV aktuell Elektroschocks für Neunaugen: Biologen retten lebende Fossilien
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06:20 18.10.2016

Gerade einmal 15 Zentimeter sind die ausgewachsenen Bachneunaugen lang, die gestern von den Biologen Dietmar Lill und Jette Gleisberg im Althöfer Bach in Bad Doberan (Landkreis Rostock) aus dem Wasser gefischt wurden. Weil das Gewässer wegen der drohenden Versandung ausgebaggert wird, müssen die aalartigen Tiere kurzzeitig herausgenommen werden. Denn die vom Aussterben bedrohten Neunaugen sind nach Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie der EU streng geschützt.

Mit einem Fest weihten Schüler und Lehrer der Arndtschule in Greifswald den neuen Schulhof am Donnerstag gebührend ein. Quelle: Peter Binder

Bevor die Bagger anrollen, werden die Wirbeltiere, die sich in ihrer Entwicklung seit 500 Millionen Jahren kaum verändert haben, kurz sediert – mittels eines Elektrofischereigerätes. „Wir halten den Kescher kurz in den Schlamm, die Neunaugen wühlen sich heraus, es gibt einen elektrischen Stoß, und wir fischen sie dann heraus“, erklärt Dietmar Lill. Seine Kollegin Jette Gleisberg zählt die Tiere, gibt sie dann in einen Behälter, in dem die Fossilien bleiben, bis sie nach der Ausbaggerung auf Höhe der Straße Am Fuchsberg wieder in den neun Grad kalten Bach gesetzt werden können.

Die noch augenlosen, wurmartigen Larven werden Querder genannt. Sie sind 5 bis 14 Zentimeter groß. Vor allem diese werden von den beiden Biologen aus dem Bach gefischt. Aber auch andere Arten sind dabei, zum Beispiel kleine Forellen oder Stichlinge.

Das Bachneunauge ist laut Naturschutzbund MV (Nabu) in Mecklenburg-Vorpommern überwiegend in kleinen bis mittleren Fließen nachgewiesen. Immer wieder werden Lill und Gleisberg zu ähnlichen Einsätzen im Land gerufen. Zuletzt haben sie Neunaugen im Hellbach zwischen Neubukow und Rerik gerettet. Auch dieser Einsatz wurde vom Wasser- und Bodenverband „Hellbach – Conventer Niederung“ (WBV), der für die Gewässerunterhaltung in diesem Gebiet verantwortlich ist, in Auftrag gegeben. „Wir arbeiten unter strengen Auflagen, daher müssen die Biologen die Neunaugen kurzzeitig aus dem Bach fischen, bevor wir baggern können“, sagt Sebastian Schubert vom WBV.

Der Nabu beschäftigt sogar eine eigene Fachgruppe „Feldherpetologie“, die sich mit Kriechtieren und Fischen befasst. „Die Neunaugen müssen geschützt werden, weil es so besondere Tiere sind. Sie sind lebende Fossilien, wie es sie nur noch wenige auf der Erde gibt“, sagt Helmut Winkler, Vorsitzender der Fachgruppe und Forscher am Institut für Biowissenschaften der Universität Rostock. In Mecklenburg-Vorpommern käme das Urzeit-Tier noch recht häufig vor im Vergleich zu anderen Bundesländern. Das Fluss- und das Meerneunauge hingegen schon deutlich seltener.

„Das Flussneunauge schwimmt von den Flüssen ins Meer. Weil der Mensch mit der Zeit aber viele Wehre gebaut hat, nahm die Population ab“, sagt der Wissenschaftler. Ähnlich ist es bei den kleineren Bachneunaugen. Auch sie hätten ihre Laichplätze mit der Zeit verloren. „Früher hat man nicht so darauf geachtet. Es ist ein Glück, dass die Tiere jetzt geschützt werden“, sagt Winkler.

Und das mit viel Aufwand. Nachdem die Bagger den Bach von den Versandungen befreit haben, können die Tiere zurück in ihr Revier. „Alle können wir nicht retten“, sagt Biologe Lill. Am Ende des Tages zählt er dennoch etwa 400, die er aus dem Bach geholt und wieder eingesetzt hat.

Michaela Krohn

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