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MV aktuell Evangelischer Seelsorger hängt die Polizeijacke an den Nagel
Nachrichten MV aktuell Evangelischer Seelsorger hängt die Polizeijacke an den Nagel
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00:06 14.01.2015
Polizeiseelsorger Schorlemmer (65) geht in den Ruhestand. Der Pastor aus Groß Kiesow will ehrenamtlich weitermachen. Quelle: Cornelia Meerkatz

Es war eine Art Ritual: Wann immer Polizeiseelsorger Andreas Schorlemmer von einem Einsatz kam, setzte er sich mit seiner Polizeijacke auf sein Sofa, schloss die Augen und dachte an etwas Freundliches . . .

Morgen nun zieht Schorlemmer die Polizeijacke zum letzten Mal an. Der 65-Jährige wird von Innenminister Lorenz Caffier (CDU) offiziell in den Ruhestand verabschiedet — nach vielen sehr bewegenden Jahren. Er tröstete die Einsatzkräfte, die vor drei Jahren verzweifelt nach der am Kap Arkona verschütteten zehnjährigen Katharina suchten. Er betreute die erschöpften Helfer, die im April 2011 beim Horror-Unfall im Sandsturm auf der A19 bei Kavelstorf die Leichen und die Verletzten aus den verkohlten Autos bargen. Er war bei vielen Unfällen landauf, landab im Einsatz, sah Tod, Elend, Tränen, schenkte Hoffnung, spendete Trost.

Es war 1998, als Andreas Schorlemmer intuitiv entschied, die vakante Stelle als Polizeiseelsorger anzutreten. „Was mich da erwartete, war mir nicht klar“, sagt er. Für eine solche Stelle gebe es keinen Lehrplan, „auch kein Geländer. Du arbeitest völlig freihändig.“ Ein Zimmer im 5. Stock der Polizeischule in Neustrelitz wurde ihm zugewiesen. „Als ich dann in diesem Raum stand, fühlte ich mich ein bisschen wie heimatlos. Was mache ich hier, habe ich damals gefragt“, erzählt Schorlemmer. Aber dann habe er sich bewusst gemacht, was er als langjähriger Pfarrer in Groß Kiesow täglich lebte: Heimat sind die Menschen, die auf seine Hilfe warten. Das waren vor allem die Unfallhelfer, denen er beistehen musste. „Ich bin ja in ganz Mecklenburg-Vorpommern hin und hergefahren, es gibt keine Hauptverkehrsstraße, wo ich nicht zu einem Unfall gerufen wurde.“

Er habe anfangs immer sein neues Diensthandy bei sich getragen und gewartet, dass es klingelt. „Tat es aber nicht“, sagt er. An einem Sommertag klingelte es doch — sein erster Einsatz als Polizeiseelsorger. „Auf der B 96 bei Dargelin war ein betrunkener Fahrer in das Auto von drei jungen Männern gerast. Der Unfallverursacher war tot, die drei Männer schwer verletzt“, sagt Schorlemmer.

Er werde das Gesicht des einen jungen Mannes nie vergessen: Dieses Bitten und Flehen, er wollte nicht sterben. „In solchen Momenten haben die Menschen ihr Kindergesicht wieder“, sagt der Seelsorger.

Der Polizeiseelsorger musste oft nicht nur die Notfallhelfer betreuen, sondern auch die Familien der tödlich Verunglückten. „Das ist immer schwer. Um wirklich Trost zu spenden, muss man sich auf das Gegenüber einlassen und einfach nur zuhören“, erklärt er und knetet dabei seine Hände.

Er weiß, dass er trotz aller Mühe und der vielen Gespräche nicht jeden erreicht hat. „Am schlimmsten war es immer bei Kindern“, sagt er und denkt an die Fünfjährige in Greifswald, die 2013 vor Weihnachten ihre Mutter durch einen Mord verloren hat. „Da muss man so behutsam sein, intuitiv entscheiden und alle Zeit der Welt haben.“ Seine Einsätze dauerten oft acht und mehr Stunden.

Innenminister Caffier weiß, was er am einzigen evangelischen Polizeiseelsorger im Land hatte: „Das Engagement von Andreas Schorlemmer kann man nicht genug würdigen. Ob Polizei oder Feuerwehr — er war immer für sie als Ansprechpartner da. Er hat eine überzeugende und herzerwärmende Art. Auch deshalb wollten meine Frau und ich vor zehn Jahren, dass er uns traut“, sagt er. Auch Bischof Hans-Jürgen Abromeit hat nur Lobesworte für seinen Pfarrer: „Er hat die Fähigkeit, auf sehr menschliche Art Beistand zu leisten in den allerschwierigsten Lebenssituationen.“ Dafür sei ihm die Kirche sehr, sehr dankbar.

Ehrenamtlich bleibt Schorlemmer der Notfallseelsorge im Land erhalten. „Soll nur keiner denken, dass ich jetzt nur noch auf dem Sofa rumsitze“, meint der beliebte Pfarrer. Er will Kirchenkonzerte ebenso wie das alljährliche Sommerfest im Pfarrgarten organisieren, da ist der Vater-Unser-Gedenklauf und seine Arbeit im Greifswalder Lions Club. Als Laienschauspieler erfreut er in Anklam bei „Die Peene brennt“ das Publikum. Er will öfter in Berlin bei seiner Frau sein. Und die Arbeit seiner Kinder — alle vier sind Künstler — anschauen. „Meine Tage sind ausgefüllt — auch ohne das Polizeihandy.“

Der Nachfolger
Am 1. Februar 2015 tritt Pastor Hanns-Peter Neumann (57) das Amt als Polizei- und Notfallseelsorger der Evangelischen-Lutherischen Kirche für Mecklenburg-Vorpommern an. Sein Vorgänger, Pfarrer Andreas Schorlemmer (65), wird am 15. Januar in einem Gottesdienst in der Schweriner Schlosskirche von Bischof Dr. Andreas von Maltzahn in den Ruhestand verabschiedet. Hanns-Peter Neumann studierte in Berlin Geologie und in Tübingen Theologie. In Süd-Indien und Berlin war er als Vikar und Pfarrer tätig. 1994 kam er nach Stralsund und wurde Jugendpfarrer. Seit August 1995 ist er Gemeindepastor an der Stadtkirche St. Nikolai in der Hansestadt. Seit 1996 sammelte Neumann Erfahrungen beim Aufbau der Psychosozialen Notfallversorgung im Raum Stralsund.
Foto: privat



Cornelia Meerkatz

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