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Experte will Bernstein-Sammelverbot

Rostock/Peenemünde Experte will Bernstein-Sammelverbot

Auf Usedom verwechseln Strandbesucher immer wieder das fossile Harz mit leicht entzündlichem Phosphor.

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Dr. Peter Hinz

Quelle: Archiv

Rostock. Gefährliche Strandfunde: Das leicht entzündliche Phosphor sieht Bernstein zum Verwechseln ähnlich. Kurz vor dem Start in die neue Strandsaison fordert daher der Meeresbiologie und Munitionsexperte Stefan Nehring ein Sammelverbot für Bernstein an einigen Stränden der Insel Usedom. Aber auch anderswo an der Ostseeküste lauert die Gefahr der Kriegshinterlassenschaften.

„Im vergangenen Jahr hatten wir zwei Fälle, bei denen sich Bernsteinsammler an Phosphor verbrannten“, erklärt Oberarzt Peter Hinz vom Uni-Klinikum Greifswald. Die Verletzungen, meist an Händen und Oberschenkeln, entsprechen einem schweren Sonnenbrand. Tückisch: Finder stecken die Phosphorklumpen als vermeintlichen Bernstein in die Tasche. Bei Temperaturen zwischen 20 und 30 Grad Celsius kann sich die Chemikalie mit einer 1300 Grad heißen Stichflamme entzünden.

Laut Nehring sind seit 1979 mindestens 120 Strandbesucher durch angespülten Phosphor zwischen Peenemünde und Trassenheide auf Usedom verletzt worden. „Die Dunkelziffer dürfte weit höher liegen, da viele Betroffene kleinere Verletzungen nicht ärztlich behandeln lassen“, so Nehring.

Einen besonders schweren Vorfall hat Nehring von 1979 dokumentiert. Damals waren bei seismischen Untersuchungen in der Ostsee alte Brandbomben beschädigt worden. Das ausgetretene Phosphor wurde am Strandabschnitt zwischen den Usedom-Orten Zempin und Koserow angespült — und verletzte rund 100 Badegäste schwer.

Fast 70 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges gibt es laut Nehring noch immer keine Informationen darüber, wie viele Spreng- und Brandbomben — und somit Phosphor und andere giftige Stoffe — vor den Stränden liegen. Am 18. August 1943 hatten 596 britische Kampflugzeuge die Heeresversuchsanstalt für Raketenforschung in Peenemünde bombardiert. Ein Großteil der Munition landete im Meer zwischen Peenemünde und Trassenheide, darunter Tausende Brandbomben.

Meeresbiologe Nehring aus Koblenz (Rheinland-

Pfalz) geht mit der Landesregierung hart ins Gericht: Bis heute seien „keine Räumungen der Phosphoraltlasten durchgeführt worden“. Zudem gebe es keine Gefahrenabschätzung, und weder Aktionen wie Strandreinigungen oder Hinweisschilder hätten sich als ausreichend erwiesen. Solange die Behörden den Kriegsschrott vor Usedom nicht eingehend untersucht hätten, sei ein Sammelverbot der einzig wirksame Schutz.

Das Schweriner Innenministerium verweist auf eine Untersuchung, nach der etwa 2,5 Tonnen Phosphor beim Angriff auf Peenemünde ins Meer gelangten. Weitere Brandbomben-Angriffe auf Strände in MV seien nicht bekannt. Das Ministerium hält die Hinweisschilder auf Usedom für ausreichend. „Ob Strandbesucher die Warnschilder übersehen, ist eine unbewiesene Annahme“, heißt es auf OZ-Anfrage.

„Wir tun das Menschenmögliche, um etwa durch die Schilder auf die Gefahren hinzuweisen“, betont auch der Leiter des Ordnungsamts im Amt Usedom-Nord, Bernd Meyer. Was noch an Kriegsschrott auf dem Grund der Ostsee liegt, entzieht sich allerdings der Kenntnis der Behörden. Daher ruft Meyer die Strandbesucher eindringlich dazu auf, die Funde nicht in die Hosentasche zu stecken, sondern in einen Behälter zu legen.

Eine Schachtel oder einen Eimer als Aufbewahrungsort empfiehlt auch Christel Schwarzenholz, die mit ihrem Mann Hans-Jürgen den Bernstein-Basar in Kölpinsee auf Usedom betreibt. Die 72-Jährige sucht seit 50 Jahren nach dem begehrten fossilen Harz. Trotz der Erfahrung glaubt sie nicht, dass sie einen Phosphorklumpen von Bernstein unterscheiden könne.

Auch aus Schleswig-Holstein sind Phosphor-Funde bekannt. Vor zwei Jahren entdeckte eine Frau einen orangefarbenen, erbsengroßen Phosphor-Brocken in Niendorf (Kreis Ostholstein). Bei der Untersuchung des Stücks verletzte sich ein Polizist. Weitere Funde hatte es zuvor in Kiel und Husum an der Nordsee gegeben.

Die Forderung nach einem Bernsteinsammelverbot trifft unterdessen auf wenig Verständnis. Christel Schwarzenholz hält nichts davon. „Wer einen Bernstein findet, ist so glücklich darüber, dass er seinen Fund wohl kaum für den nächsten Strandgänger liegen lassen wird“, sagt die Bernstein-Expertin.

Ein Verbot könne gar nicht funktionieren, meint auch Oberarzt Peter Hinz. „Wir sind dort schon als Kinder zu DDR-Zeiten über die Gefahr belehrt worden — und haben trotzdem nach Bernsteinen gesucht“, erinnert sich der Mediziner. Bezogen auf die vielen Millionen Urlauber sei die Zahl von acht Verletzten in zehn Jahren auch eher als marginal anzusehen.

Im Innenministerium kann man über die Forderung ebenfalls nur mit dem Kopf schütteln. „Wie soll ein illegaler Bernsteinsammler von einem legalen Muschel- oder Steinsammler unterschieden werden?“, fragt Sprecher Michael Teich. Zudem sei vollkommen unklar, welche Sanktionen denkbar wären und wer das Verbot zu überwachen hätte.

Fossiles Harz mit großer Farbenvielfalt
Die Griechen nannten den Bernstein „elektron“, da er sich durch Reibungshitze elektrostatisch auflädt. Mit einem Wolltuch abgerieben, kann er etwa Papierschnipsel anziehen.

Farblich variieren Bernsteine von farblos über weiß, hell- bis goldgelb und orange bis zu Rot- und Brauntönen. Bernstein sinkt in Süßwasser ab, schwimmt aber in salzhaltigem Wasser.

Besonders erfolgreich sind Bernsteinsammler nach Stürmen, wenn das fossile Harz an die Strände gespült wird. Gefunden werden kann Bernstein an der ganzen Ostseeküste von Mecklenburg-Vorpommern. Bei Sammlern besonders beliebt sind unter anderem Strände auf Fischland-Darß oder den Inseln Rügen und Usedom.

Axel Meyer

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