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MV aktuell Experten: Offizielle Tourismus-Zahlen für MV sind falsch
Nachrichten MV aktuell Experten: Offizielle Tourismus-Zahlen für MV sind falsch
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14:00 28.11.2018
Voller Strand in Heringsdorf auf Usedom. Die Übernachtungszahlen liegen nicht nur dort deutlich höher als in der offiziellen Landesstatistik. Quelle: Norbert Fellechner
Rostock

Die Landesregierung trifft Entscheidungen zur Neuausrichtung des Tourismus in MV auf der Basis falscher Fakten. Nach OZ-Recherchen liegen die tatsächlichen Übernachtungszahlen in MV weit von der offiziellen Statistik entfernt. Nicht 30, sondern rund 50 Millionen Übernachtungen pro Jahr dürften es sein. Nur eines von vielen Problemen vor dem Landestourismustag morgen in Wismar.

„Es knirscht im Tourismus des Landes“, sagt Thomas Heilmann, Kurdirektor der Kaiserbäder Heringsdorf, Bansin und Ahlbeck auf Usedom. Man sei in der Branche sehr unzufrieden mit der Begleitung durch die Regierung. Dies betreffe Bürokratie oder fehlende Abstimmung zwischen Ministerien. Vertreter von sechs Seebädern hätten jüngst Reinhard Meyer (SPD) getroffen, den Chef der Staatskanzlei in Schwerin, im Ehrenamt Präsident des deutschen Tourismusverbandes. Ein Affront gegenüber dem für Tourismus zuständigen Wirtschaftsminister Harry Glace (CDU). „Wir brauchen endlich Veränderung“, sagt Heilmann.

Glawe hat gerade die neue Tourismuskonzeption für MV vorgestellt. Darin enthalten: Viele Absichtserklärungen, wie die Branche mit über 130000 Beschäftigten besser koordiniert werden soll. Bei Angeboten müsse künftig „Qualität vor Quantität“ gehen. Nur schönes Wetter reiche nicht, sagte Glawe und stritt sich über Monate mit dem Koalitionspartner SPD, der ein verbindliches Tourismusgesetz forderte. Mehr Orte sollen künftig Kur- und Fremdenverkehrsabgaben erheben können, Wohnungen für Beschäftigte gebaut, Straßen- und Radwegenetze verbessert werden, Löhne steigen, Fachkräfte aus der Ferne gelockt werden. Insider fürchten, dass das Papier in der Praxis nicht viel wert sein könnte.

MV Spitze bei Touristen je Einwohner

25,7 Millionen Übernachtungen hat es laut offiziellen Quellen von Januar bis September 2018 im Gastgewerbe MVs gegeben, inklusive Camping – ein Plus von 3,2 Prozent gegenüber 2017. Im gesamten Vorjahr waren es 29,7 Millionen, 7,5 Millionen Ankünfte.

52,5 Millionen Übernachtungen hat die Gesellschaft für Konsumforschung in Nürnberg dagegen für MV errechnet (Stand 2016), 11,2 Millionen Ankünfte. Darin enthalten sind auch private Besuche im Nordosten und Herbergen unter zehn Betten. Auf 1000 Einwohner kamen demnach in MV 32578 Übernachtungen. Zum Vergleich: Schleswig-Holstein (22972), Hamburg (10926), Thüringen (10597), Sachsen (10511), ..., Bayern (9877).

Basis für das Konzept sind auch falsche Übernachtungszahlen. In diesem Jahr soll es mit 30,5 Millionen einen neuen Spitzenwert geben; Minister Harry Glawe (CDU) bilanzierte nach dem Spitzensommer einen Anstieg zum Vorjahr um 3,6 Prozent. Was er nicht sagte: Die Zahl ist mit früheren nicht vergleichbar. Denn seit August sind nach einem Gerichtsurteil auch Vermittler von Ferienwohnungen und -häusern erfasst. Allerdings fallen nach wie vor viele Herbergen unter zehn Betten aus der Statistik. Beispiel Kaiserbäder: In 2017 habe man 3,64 Millionen Übernachtungen gezählt, so Heilmann. Basis sind die ausgereichten Kurkarten. Zu den offiziellen Zahlen des Statistischen Landesamtes gebe es „eine erhebliche Differenz“. 1,3 Millionen in drei Orten! Auch Claudia Hörl, Kurdirektorin Boltenhagen, bestätigt eine Schieflage bei den Übernachtungszahlen. Während das Land zu Boltenhagen 961000 für 2017 festhält, stehen dort 1,48 Millionen in den Büchern.

Tourismus am Scheideweg. „Ohne den heißen Sommer und die Erweiterung um die Vermittler hätten wir kein besseres Jahr“, räumt Tobias Woitendorf, Tourismusverband MV, ein. Er präsentiert noch andere Zahlen: Laut Gesellschaft für Konsumforschung verzeichne MV pro Jahr sogar etwa 50 Millionen touristische Übernachtungen, alles eingerechnet. Fast das Doppelte. Spitze im Vergleich zu anderen Bundesländern: Auf 1000 Einwohner kämen demnach 32 578 Übernachtungen. Zum Vergleich: Hauptkonkurrent Schleswig-Holstein habe 22 972. „Tourismus müsste eine höhere Wertschätzung haben“, schlussfolgert Hörl. Sie wünsche sich „mehr Klasse statt Masse“, mehr Naturbewusstsein – weniger Müll, regionale Produkte – in der Branche. Politik müsse handeln, sagt Heilmann. „Zum Tourismusland Nummer eins gehört für mich, dass alle Ministerien das gleiche Ziel verfolgen.“ Das sei derzeit „nicht erkennbar“.

Lars Schwarz, Deutscher Hotel- und Gaststättenverbandes MV, lobt die Orientierung hin zu mehr Qualität im Landeskonzept. Schwieriger die Finanzen: Es brauche „eine Diskussion, wie Kommunen mit notwendigen Mitteln ausgestattet werden können“, so Schwarz. Eine etwaige neue Abgabe sollte alle Branchen betreffen, die von den Urlaubern profitieren.

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Frank Pubantz