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Falscher Honecker macht richtig Politik

Rostock Falscher Honecker macht richtig Politik

Im OZ-Interview spricht der Schauspieler Jörg Schüttauf über das spezielle Vergnügen, Erich Honecker zu spielen. In der neuen Filmkomödie „Vorwärts immer!“ mimt er den DDR-Staatschef im Jahr 1989 und vor allem dessen Double, das Geschichte schreibt.

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Auf zu glattem Terrain: Der falsche Honecker (Jörg Schüttauf) will im echten SED-Zentralkomitee die „chinesische Lösung“ gegen Leipziger Demonstranten verhindern.

Quelle: Naja Klier/dcm

Rostock. Die „schrägste Honecker-Komödie ... seit Honecker“ soll es laut Werbeslogan sein: Am 12. Oktober kommt „Vorwärts immer!“ bundesweit ins Kino. Am 15. Oktober um 20 Uhr gibt es für Leser der OSTSEE-ZEITUNG im Rostocker Capitol ein „Special Screening“ mit den Schauspielern. Unser OZ-Interview mit Jörg Schüttauf gibt’s am 7. Oktober: dem Jahrestag der DDR.

DCX-Bild

Im OZ-Interview spricht der Schauspieler Jörg Schüttauf über das spezielle Vergnügen, Erich Honecker zu spielen. In der neuen Filmkomödie „Vorwärts immer!“ mimt er den DDR-Staatschef im Jahr 1989 und vor allem dessen Double, das Geschichte schreibt.

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Ihre Komödie „Vorwärts immer!“ gewann beim Bayerischen Filmpreis einen Regiepreis (Franziska Meletzki), Sie selbst wurden für ihre Doppelhauptrolle als Erich Honecker und dessen Double bester männlicher Hauptdarsteller. Herzlichen Glückwunsch dazu …

Joerg Schüttauf: … danke sehr …

Aber erklären Sie mal: Was ist denn 28 Jahre nach dem Ende von Honeckers Macht noch witzig an einer Honecker-Parodie? Als gelernter DDR-Bürger haben Sie doch sicher auch schon damals über Honecker und Honecker-Witze gelacht?

Das ist so ne Sache. Ich war als junger Mensch 29 Jahre lang DDR-Bürger, bis die Mauer fiel. Und ich konnte damals fast gar nicht lachen über den Herrn Honecker. Sondern ich hab mich eigentlich die ganze Zeit eher gewundert. Und habe mich auch gewundert über den großen Humor, den die Leute empfanden, als Kollegen von mir Honecker mit großem Erfolg nachmachten, nicht allzu lange danach und eigentlich bis heute.

Sie meinen da speziell Kabarettisten?

Ja. Über diesen Witz und Humor konnte ich auch lachen, aber ich selbst bin, als gelernter Schauspieler, nie auf die Idee gekommen den mal nachzumachen. Das kam jetzt erst mit diesem Film.

Also ein recht spätes Lachen?

Für mich war das Drehbuch eine Perle an Humor. Das hätte auch 50 Jahre später passieren können. Wenn man so ein tolles Buch kriegt mit so guten Gags geschrieben, mit so einer fantastischen Geschichte, die so oder ähnlich wirklich hätte passieren können in diesen Wende-Wirren 1989. Und es ist auch ein gefundenes Fressen für einen Schauspieler. Also ich habe überhaupt kein schlechtes Gewissen dabei, im Gegenteil: Die Arbeit hat eine solche Freude gemacht, die Idee, mich als Honecker zu besetzen, vor allem als Honecker-Double, das muss man ja betonen. Denn ich spiele ja vor allem einen der so tut, als ob er Honecker sei, und das alles sehr angstbesetzt, wenn er ins SED-Zentralkomitee geht und auf die echte Margot trifft, weil er ja ständig fürchtet, als falscher Honecker aufzufliegen.

Es ist ja sogar eine Dreifach-Rolle: der echte Honecker, dann der Schauspieler Otto Wolf, der gerade in einem systemkritischen Theaterstück den Honecker mimt und nebenbei Probleme mit seiner Tochter hat, weil die in den Westen will, und dann spielen Sie, wie dieser Schauspieler als falscher Honecker die echte Politik ändern will. Es gibt da diesen schönen Schauspieler-Satz: „Otto ist der beste Honecker, viel besser als der echte“. Aber im Film geht's nicht nur um Honecker.

Genau. Da sind viele kleine Geschichten verwoben, die es so oder ähnlich gegeben hat. Wir hatten oppositionelles Theater in der DDR, im Film ist das ja eine ziemliche Kaspertruppe von Schauspielern, ein bisschen überhöht an Flachwitz. Dann haben wir draußen den Wartburg mit den zwei Stasi-Leuten, dann haben wir ne Tochter, die ausreisewillig ist, und den Vater, der sie zurückhalten will ... Das hat es alles wirklich gegeben. Und auch, dass es kurz vor dem Ausbruch eines Bürgerkriegs stand, weil die Truppen bei Leipzig tatsächlich schon Gewehr bei Fuß standen. Das kommt ganz gut recherchiert vor und wird in verschiedenen Ebenen erzählt ... all das habe ich sehr gerne gemacht.

Die Komödie hat diesen ernsten historischen Hintergrund, Leipzig am 9. Oktober 1989, als sich dort die weitere Wende-Geschichte entschied: Ob es zur „chinesischen Lösung“ kommt (Schießbefehl gegen die Demonstranten) oder zum friedlichen Dialog. Wissen Sie noch, wo und wie Sie diesen Tag erlebt haben?

Den Tag genau nicht. Aber ich weiß noch, dass ich kurz zuvor in eine Reserveeinheit der Nationalen Volksarmee eingezogen wurde. Für mich völlig unverständlich, denn ich war wahrscheinlich der unbrauchbarste Soldat im ganzen Warschauer Vertragsgebiet. Also mit anderen Worten: Ich habe damals mit anderen so getan, als ob die Kasernen voll besetzt wären. Nach 14 Tagen konnten wir wieder nach Hause gehen.

Sie haben schon verschiedene Wendegeschichten gespielt: einen Offizier in „Wir sind das Volk“ oder einen DDR-Kriminellen, der zehn Jahre nach der Vereinigung in die Bundesrepublik entlassen wird, der hieß interessanterweise Martin Schulz …

… ach ja, richtig. Da können Sie mal sehen, was aus dem geworden ist.

Und jetzt mit Honecker die Königsebene, wenn man da von König sprechen kann. Ist das nochmal ein anderes Gefühl im Umgang mit dem historischen Stoff?

Das ist durchaus was anderes. So viele Komödien habe ich noch nicht gemacht. Weil, wenn du einmal einen Polizisten gespielt hast, dann bist du meistens dein Leben lang ein Polizist. Und wenn‘s richtig rund läuft, machst du das dein ganzes Leben. Aber nicht, wenn du Schüttauf heiß (lacht), dann kommen noch die Möglichkeiten, einen Psychopathen zu spielen oder einen Schwerverbrecher. Oder einen von der Polizei Gejagten. Es werden ja Krimis ohne Ende gedreht. Und dann kommt diese Gelegenheit mit Erich Honecker, eine so wunderbar lustvoll ausgedachte Komödie.

Worin liegt denn speziell bei dieser Gestalt der schauspielerische Reiz?

Erstmal ist es ein herrliches historisches Vorbild. Er zeichnete sich ja nun durch einige Merkwürdigkeiten aus, der Erich, angefangen bei der Stimme, wie man ihn halt so kannte. Dann kam bei mir aber auch der Ehrgeiz, hinter diese offizielle Fassade zu gucken. Da hat mir zum Beispiel ein Video geholfen, auf dem ein Spiegel-Reporter Honecker in Russland interviewte. Da war dieser Mann ohne Macht und ohne Amt. Das war für mich als Schauspieler hochinteressant, so kleine Facetten und Gedanken zu spüren, und dann sagt der plötzlich in einem Satz, da hatte er sich verhaspelt, da sagt er mit einer männlichen, strengen Stimme: Streichen Sie das! Da war plötzlich nichts mehr an Honecker da, sondern das war nur noch einfach eine glasklare Anweisung. Und ich ahnte ein wenig: So ging das wohl 40 Jahre lang, dass der wahrscheinlich gar nicht so zum Schmunzeln war, wie man ihn (aus der Ferne) empfunden hatte. Aber ich durfte ja auch schon millionenschwere Industrielle der Bundesrepublik spielen -- das ist mein Beruf: Ich bin Schauspieler. Ich hab auch schon mal das Rumpelstilzchen gegeben, da hat dann keiner besondere Fragen gestellt.

In dieser Komödie gibt es deutliche Anklänge an filmische Genies wie Ernst Lubitsch mit „Sein oder Nichtsein“ und Charlie Chaplin, „Der große Diktator“. Wie fühlt man sich als Schauspieler, wenn man in so große Traditionen gestellt wird, ist das auch 'ne Last oder befördert es einfach die Spiellust?

Da muss ich gestehen, ich habe diese Filme nicht gesehen. Das mag unglaubwürdig klingen, ist aber so. Vielleicht war es ein großer Vorteil, dass Schüttauf auf irgendeine Weise so naiv und unvorbelastet da reingegangen ist. Wenn ich geahnt hätte: Mensch, das ist doch alles geklaut, dann hätte ich möglicherweise tatsächlich die ganze Zeit ein bisschen rumgezickt und Angst gehabt, dass ich das eventuell nicht so gut machen könnte wie die Vorbilder.

Man muss es ja nicht als geklaut verstehen, sondern kann es als ein bewusstes Spiel mit den alten Sachen sehen, die ja nicht einfach übernommen sind, sondern abgewandelt und oft andersherum funktionieren als in den alten Parodien auf die Nazis. Ein zusätzlicher Spaß eben.

Wenn ich das Produkt sehe, das Wissen um Vorbilder mal außer Acht lasse und mich als normaler Zuschauer reinsetzen würde: Ich finde, dass viele kleine Geschichten und dieses Spiel und dieser Slapstick und die ganze verrückte Komödie viel Vergnügen bieten. Selbst so was, dass da zwei Volkspolizisten die drei auf der Flucht anhalten und dann sagen, ach lass sie, die haben Sorgen genug: Das alles ist für mich so rund, dass ich hoffe, dass der eine oder andere Zuschauer sagt: Hey, endlich mal ne deutsche Komödie, über die ich auch lachen konnte.

Noch mal zum Bayerischen Filmpreis. Gab es dort, neben der Würdigung, noch Feedback im einzelnen?

Leider kann ich darüber gar nichts berichten, ich war nicht bei der Preisverleihung. In der Zeit bekam ich nicht frei von meinem Intendanten und konnte den Preis nicht persönlich in Empfang nehmen. So hat man einen kleinen Trick angewandt: Ich bin auf der Bühne in Hamburg 14 Tage vorher im laufenden Theaterstück mit Originalpublikum von jemandem mit ner Kamera unterbrochen worden, der hat gefilmt, wie ich den Preis übergeben bekomme, und zwar just von dem Mann, der dann in München stand und ne Schalte zu mir auf die Bühne ankündigte. So erhielt ich diesen Preis, über den ich mich wahnsinnig gefreut habe. Ich freue mich immer noch wie Bolle und bin jetzt mal gespannt, wenn der Film am 12. Oktober ins Kino kommt, wie die Leute ihn auffassen, seinen Humor und die Geschichten.

Sind Sie gegenwärtig irgendwo fest verpflichtet?

In Theaterprojekten, als Gast. Aber ich bin nicht fest, ne ne. Ich warte praktisch stündlich auf einen Anruf von irgendwelchen Filmfirmen, die mich als zweiten Honecker oder als Stalin wollen.

Aber noch mal Honecker, das würden Sie doch sicher ablehnen?

Schüttauf: Ne ne, das war‘s jetzt. Definitiv.

Die OZ verlost 100 mal 2 Karten: 

Die OSTSEE-ZEITUNG lädt zum „Special Screening“ mit dem Filmteam am 15. Oktober um 20 Uhr ins Rostocker Capitol. Dafür verlosen wir 100 mal 2 Freikarten. Rufen Sie bitte zwischen 7. Oktober, 9 Uhr, und 8. Oktober, 18 Uhr, an: 0137/9880886. Der Anruf kostet 50 Cent, aus Mobilfunknetzen können die Preise abweichen. Die Gewinner werden telefonisch informiert.

Interview: Dietrich Pätzold

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