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MV aktuell Familienglück dank Maueröffnung
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00:00 06.02.2018

Berliner Mauer oder – je nach Betrachtungsweise – Antifaschistischer Schutzwall: Die Grenzanlage war gestern so lange „außer Betrieb“ wie sie zuvor die beiden deutschen Staaten getrennt hat. Vom 13. August 1961 bis zum 9. November 1989 sind 10316 Tage vergangen – genauso viele Tage wie vom 9. November 1989 bis gestern.

Die Berliner Mauer ist heute einen Tag länger offen, als sie einst die beiden deutschen Staaten getrennt hat / Die OSTSEE-ZEITUNG sucht Leser, die ihre Geschichten zu Teilung und Einheit erzählen

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Für viele Menschen sind die Grenzanlagen, die beide deutsche Staaten geteilt haben, heute ganz weit weg. Wie für Julia (29) und Stephan (32) Holm-Bertelsen, die mit ihrem Töchterchen Emilia (sieben Monate) in Grevesmühlen leben. Das Paar aus Ost – er wurde in Grevesmühlen geboren – und West – sie stammt aus Itzehoe in Schleswig-Holstein – hatte sich im Oktober 2009 beim Studium an der Universität Kiel kennengelernt, bei einer Studentenfeier.

„Es war Liebe auf den ersten Blick“, erzählt Stephan Holm-Bertelsen. 2016 haben sie in Hannover geheiratet. Ihr Töchterchen Emilia ist im Sommer 2017 in Wismar zur Welt gekommen. „Ohne die Maueröffnung 1989 würde es sie nicht geben“, sagt Stephan Holm-Bertelsen. Nur deshalb konnten er und seine Frau sich begegnen. „Die Wahrscheinlichkeit wäre jedenfalls äußerst gering“, betont er. Im Alltag kenne seine Familie, auch die jeweiligen Eltern und Großeltern, keine Mauern in den Köpfen. „Meine Frau und ich wurden mit offenen Armen empfangen“, sagt er. Die Großeltern von ihr seien vor ein paar Jahren sogar nach MV gezogen. „Für unsere Tochter hoffe ich, dass sie später einmal vieles über die Zeit vor 1989 und die Maueröffnung erfahren wird“, erklärt Stephan Holm-Bertelsen.

Auch Johann-Georg Jaeger (52), Landesvorsitzender von Bündnis 90/Die Grünen in MV, kann zur Mauer eine existenzielle Geschichte erzählen. „Meine Mutter ist damals mit einer Freundin im Sommer 1961 durch Schottland getrampt“, berichtet er. Dort sei sie vom Mauerbau am 13. August 1961 überrascht worden. „Sie wollte unbedingt zu ihrer Familie zurück – und zu ihrem Freund, meinem späteren Vater“, erzählt Johann-Georg Jaeger. Seine Mutter sei von West nach Ost gegangen. „Wenn sie es nicht getan hätte, würde es mich nicht geben“, betont er. Es sei ein „Riesen-Glücksgefühl“ gewesen, als er mit seiner Mutter und den Schwestern am 10. November 1989 problemlos über die ehemalige Grenze gehen konnte. Noch am Tag zuvor habe er keine große Freude verspürt. Er hatte vielmehr das Gefühl, „dass die Öffnung der letzte geniale Schachzug der SED-Führung war, um die friedliche Revolution in den Griff zu bekommen.“ Das sei jedoch gründlich schiefgelaufen.

Kathrin Hoche (47) aus Bentwisch, Sachbearbeiterin im Forderungsmanagement, war bei der Maueröffnung 20 Jahre alt. „Plötzlich war alles anders. Mit Freude und Aufregung, aber auch gemischten Gefühlen und Minderwertigkeitskomplexen sah ich der weiteren Entwicklung entgegen“, berichtet sie. Was wird aus meinem Job, wie kann ich mich weiter entwickeln? Die schönste Folge der Maueröffnung sei: „Nur durch die Grenzöffnung habe ich meinen Mann Wolfgang kennengelernt. Eine Beziehung zwischen Ostseekind und bayerischem Original wäre vorher undenkbar gewesen“, so Kathrin Hoche. Sie hätten geschafft, was der Gesellschaft bisher noch nicht so ganz gelungen ist.

„Die Maueröffnung hatte eine große Bedeutung für mich, denn meine Mutter und meine Schwester lebten seit langem im Westen“, erklärt Arvid Schnauer (80), emeritierter Pastor aus Rostock. Am 9.

November 1989 habe sich seine Kirchgemeinde, die Ufergemeinde in Rostock-Groß Klein, zum ersten Mal der Friedensgebetsbewegung der Rostocker Kirchen angeschlossen. Viele Teilnehmer seien danach zur Demonstration in die Innenstadt gefahren. Später habe er im Fernsehen ungläubig erfahren, was in Berlin geschah. „Dass uns dabei die Tränen kamen, ist klar. Die Mauer hatte unsere Welt eng, begrenzt und klein gemacht“, sagt er. Sie hatten in den Bürgerbewegungen lange versucht, den DDR- Staat menschlicher zu machen.

Auf der Kippe: SED-Führung wollte Mauer am Tag nach der Öffnung wieder schließen

Bereits am 10. November 1989 hätte alles anders kommen können. Nach der Maueröffnung waren die Straßen im Zentrum von Berlin Ost und West voller Menschen und Autos.

An den Grenzübergängen herrschte das totale Chaos. Trotzdem versuchte die DDR-Führung, weiter das Handeln zu bestimmen. Egon Krenz, SED-Generalsekretär und Staatsratsvorsitzender, ordnete von am 10.

November um 11.30 Uhr eine „Erhöhte Gefechtsbereitschaft“ für die 1. motorisierte Schützendivision und das Luftsturmregiment 40 an. Diese Eliteeinheiten waren in Potsdam und Umgebung stationiert.

Ihre Mobilmachung wurde mit den Worten „Verteidigung der souveränen Grenzen der souveränen DDR“ begründet.

In der Nacht zum 11. November drohte die Situation zu eskalieren: Die mobilisierten Truppen standen Gewehr bei Fuß. Am Morgen des Tages traf sich eine Gruppe von Generälen der NVA im Ministerium für Nationale Verteidigung in Strausberg. Sie berieten mit Verteidigungsminister Heinz Keßler über die angespannte Lage in Berlin – schnell entbrannte eine heftige Diskussion.

Etliche der Generäle lehnten die Pläne, mit Waffengewalt die gerade geöffnete Grenze wieder zu schließen, vehement ab. Unter ihnen war auch Generaloberst Joachim Goldbach, einer der Stellvertreter Keßlers. Goldbach machte dem Minister und anderen Generälen eindeutig klar, was er von ihrer Idee, mit Panzern die offene Grenze zu schließen, hielt – nämlich nichts.

Der erwartete Einsatzbefehl für die Truppen blieb schließlich aus. Die erhöhte Gefechtsbereitschaft wurde am Nachmittag des 11. November 1989 wieder aufgehoben. Das Herausragende: Es fiel kein Schuss – und die Mauer blieb offen. bs

Bernhard Schmidtbauer

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