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00:01 27.11.2017
Angela Merkel und CDU- Landeschef Vincent Kokert. Quelle: Foto: Norbert Fellechner
Kühlungsborn

Großer Andrang beim CDU-Landesparteitag am Wochenende: Rund 90 Journalisten haben sich angemeldet, heißt es von der CDU, sogar von der „New York Times“.

Angela Merkel (CDU), die ewige deutsche Bundeskanzlerin, wankt. Nach dem Scheitern der Jamaika-Verhandlungen mit CSU, Grünen und FDP rechnen viele mit ihrem Abgang. „Warten auf die Götterdämmerung“, schreibt der Reporter einer Zeitung über seinen Text, da ist Merkel noch nicht mal da. Als sie kommt, wird es ein spektakulärer Parteitag, aber anders als erwartet.

10.21 Uhr. Merkel betritt den Saal des Morada-Hotels in Kühlungsborn. Wie so oft kommt sie zu spät. Vorn redet CDU-Landeschef Vincent Kokert, doch das wird schnell zur Nebensache. Starker Beifall brandet auf, als die Kanzlerin voranschreitet. In ihrem Heimatverband hat sie Rückhalt. Blumen, Händeschütteln. Kokert versucht, den schlechten Ausgang der Bundestagswahl und die gescheiterten Sondierungsgespräche zu erklären. „Liebe Angela“, sagt er, „schön, dass du dich nicht weggeduckt hast.“

Kokert lässt kein gutes Haar an SPD-Chef Martin Schulz. Der solle erstmal „seinen eigenen Scherbenhaufen zusammenfegen“. Gut in Form, teilt der CDU-MV-Chef weiter aus: Die AfD im Landttag sei „eine professionelle Komikertruppe“, die SPD im Abwärtstrend. Die Linke habe sich mit Aussagen gegen den Bau von Patrouillenbooten in Wolgast disqualifiziert. Kokert: „Die CDU ist die letzte übriggebliebene Partei des Ostens.“ Beifall.

Merkel scannt den Raum. Dann hält sie eine typische Merkel-Rede. Keine Kritik an FDP oder SPD, kein Anekdötchen aus den Sondierungsgesprächen. „Wir waren gut vorangekommen“, sagt sie. Es hätte aus ihrer Sicht für eine Regierung mit CSU, FDP und Grünen gereicht. Von Neuwahlen halte sie nichts, sagt sie klar. Dann doch ein Seitenhieb: Das Grundgesetz sehe nicht vor, „dass viele Parteien nicht regieren wollen“. Das Land sei „in einer schwierigen Situation“. Nun solle es Gespräche mit der SPD geben. Die CDU sei bereit. „Europa braucht ein starkes Deutschland“, sagt sie staatsmännisch. Dann jagt sie durch die Themen der Zukunft, als ob schon wieder Wahlkampf wäre. Fachkräftemangel, Renten, Digitalisierung, Flüchtlinge, Wohnungsbau. Sie kündigt 25 Euro mehr Kindergeld pro Monat an. „Wir wollen jedem Bürger und jeder Bürgerin ein Angebot machen.“ Ein typischer Merkelsatz. Die Notwendigkeit zu ständiger Erneuerung politischer Inhalte vergleicht sie mit dem Kauf neuer Schuhe.

Wohlfühlstimmung im Saal, doch nur zögerlich formen sich die stehenden Ovationen.

Dann kippt die Stimmung. Wolfgang Grieger (41) aus Dummerstorf (Kreis Rostock), greift Merkel scharf an. Schlechtes Ergebnis zur Landtagswahl, nur 26 Prozent für die CDU zur Bundestagswahl – man könne nicht einfach zur Tagesordnung übergehen. Grieger nennt Merkels Energiepolitik „eine Farce“, Soziales „ein Desaster“, die Asylpolitik „eine Katastrophe“. Er steht am Mikrofon im Saal, um den Hals eine schwarz-rot-goldene Krawatte stramm gebunden. Dies ist sein Moment. „Merkel regiert nach Gutsherrenart“, erklärt er. „Die Kaiserin hat keine Kleider an, sie ist nackt.“ Tumult im Saal, Parteifreunde wollen Grieger niederschreien. Doch er ist noch nicht fertig. Merkel solle zurücktreten, fordert er. In Interviews erzählt Grieger, dass viele CDU-Leute so dächten wir er (siehe unten).

Auch andere Mitglieder erheben die Stimme. Remo Röwert (Teterow) fordert ein Umsteuern in der Agrarpolitik. Die jetzige sei „völlig falsch“. Sascha Ott aus Greifswald, Kopf des Konservativen Kreises in der CDU, fordert eine härtere Flüchtlingspolitilk und mehr Polizisten. Die Menschen im Land seien mit „Millionen Flüchtlingen“ überfordert. Dass es deutlich weniger sind, sagt niemand. Ein Antrag konservativer CDU-Leute aus Rostock und Umgebung zum Stopp „unkontrollierter Einwanderung“, den auch Ott unterzeichnet hat, wird zurückgezogen. Eine Attacke auf die Kanzlerin sollte es doch nicht werden. Führende CDU-Leute springen Merkel bei, weisen Kritiker Grieger in die Schranken. Bundestagsmitglied Eckhardt Rehberg unterstellt eine „Tonlage nach Gutsherrenart“. 12.29 Uhr. Merkel eilt davon. Berlin wartet.

Trubel bei der CDU. Ein Antrag zur Schaffung eines Grunsatzprogramms geht fast unter. Zwei Drittel der CDU-Leute essen stattdessen zu Mittag. Parteichef Vincent Kokert ist enttäuscht: „Diskutieren kann man nur, wenn man im Saal ist.“ Über eine App sollen die Parteimitglieder eine Inhalts- und Wertediskussion führen. Kokert: „Wir brauchen etwas, das unseren Kompass neu bestimmt.“

Frank Pubantz

. Der Zustrom von Asylbewerbern hat nach der Flüchtlingswelle von 2015 deutlich abgenommen.

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