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Geld aus Gesundheitsfonds gerecht verteilen

Geld aus Gesundheitsfonds gerecht verteilen

OZ sprach mit dem Vorstandschef der Viactiv Krankenkasse über das System in Deutschland und in Europa

Rostock Harsche Kritik an der Gesundheitspolitik der Bundesregierung übt Reinhard Brücker, Vorstandsvorsitzender der Krankenkasse Viactiv, die 46576 Versicherte in MV hat. Er fordert, die Versichertengelder aus dem Gesundheitsfonds gerechter zu verteilen – unter regionalen Aspekten. OZ sprach mit dem Experten.

Die Politik hat den Kassen erlaubt, Zusatzbeiträge von Versicherten zu erheben. Der Arbeitgeberanteil bleibt bei 7,3 Prozent eingefroren. Jede Erhöhung geht auf Kosten des Arbeitnehmers. Ungerecht oder?

Reinhard Brücker: Ich will es einmal zuspitzen. Das ist höchst ungerecht. Es spricht vieles dafür, die Arbeitgeber angemessen an steigenden Zusatzbeiträgen zu beteiligen.

Kassen erheben unterschiedlich hohe Zusatzbeiträge. Kann diejenige Kasse für einen Versicherten günstiger sein, die am Ende besser haushalten kann?

Brücker: Die Höhe des Zusatzbeitrags hat sehr wenig mit der Managementleistung einer Kasse zu tun. Es liegt vielmehr überwiegend am Gesundheitsfonds, der die Gelder der Versicherten völlig intransparent verteilt. Wir kämpfen schon länger für ein besseres System.

Auf welche Art und Weise?

Brücker: Wir fordern die Politik auf, regionale Faktoren endlich zu berücksichtigen. Die großen Unterschiede bei den Kassenbeiträgen, die wir jetzt haben, sind einzig und allein auf eine Fehlverteilung der 230 Milliarden Euro aus dem Gesundheitsfonds zurückzuführen.

Der Vorwurf wiegt schwer.

Brücker: Wir können anhand von Gutachten im Auftrag des bayerischen Gesundheitsministeriums belegen, dass in Metropolregionen deutlich höhere Kosten entstehen als in ländlichen Gebieten – durch eine größere Anzahl von Krankenhäusern, Betten und Ärzten entsteht deutlich mehr Nachfrage. Der Gesundheitsfonds entschädigt uns aber nur über Durchschnittswerte.

Speziell für Ihre Kasse, die viele Versicherte im dicht besiedelten Ruhrgebiet hat, von Nachteil?

Brücker: Absolut. Auf der anderen Seite begünstigt das System lokal tätige Krankenkassen in Flächenstaaten. Das Finanzausgleichssystem müsste reformiert werden.

Ihre Krankenkasse ist bundesweit die zweitteuerste. Warum?

Brücker: Das Paket unserer Leistungen zählt zu den besten. Für unsere Angebote im präventiven Sportbereich sind wir ausgezeichnet worden. Bei Leistungen für junge Familien liegen wir vorn.

Die Einführung der elektronischen Gesundheitskarte verschlingt eine Milliarde Versichertenbeiträge.

Brücker: Das ist der Berliner Flughafen der Gesetzlichen Krankenversicherung, ein Skandal. Schon 2004 war die Viactiv Testkasse und konnte das elektronische Rezept im Test einsetzen. Das ist bis heute nicht realisiert. Für die Blockade sind Lobbyisten verantwortlich.

Nirgendwo gehen Patienten so häufig zum Arzt wie in Deutschland. Brücker: Wir sollten mal in Nachbarländer wie Dänemark und Holland schauen. Dort sind Gesundheitszentren an Kliniken angesiedelt. Dort wird sparsamer umgegangen.

Haben wir zu viele Kliniken?

Brücker: Ja, im Vergleich mit vielen westeuropäischen Ländern. Für Schleswig-Holstein und MV gilt das aber nicht. Die Länder liegen unterm Bundesschnitt. Die Bettendichte liegt in Schleswig-Holstein bei 5,35 je tausend Einwohner, in MV bei 5,99. In Nordrhein-Westfalen liegt dieser Wert aber bei 6,84, in Ruhrgebietsstädten bei über 8.

Wird hierzulande zu viel operiert?

Brücker: Auch das. Nirgendwo werden europaweit so viele Herzkatheter gelegt wie bei uns. Auch Knie- und Rücken-OPs gibt es zu viele.

Interview: Curd Tönnemann

OZ

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